Schattenseiten der bunten Dresdner Neustadt: Ein Szeneviertel wird erwachsen

Dresden - Zu DDR-Zeiten drohte der Neustadt der Abriss, nach der Wende begann der Aufstieg zum Dresdner Szeneviertel. Doch mittlerweile muss sich Europas größtes Gründerzeitquartier mit ganz "normalen" Zipperlein plagen: hohe Mieten, Kriminalität, Überalterung.

Nicht nur in der Böhmischen Straße herrschten Anfang der 1990er-Jahre fast schon kreativ-anarchische Zustände.
Nicht nur in der Böhmischen Straße herrschten Anfang der 1990er-Jahre fast schon kreativ-anarchische Zustände.  © imago/Ulrich Hässler

"Viele Eigentümer hatten gar kein Interesse mehr an der ruinösen Bausubstanz", erinnert sich Stadtplaner Thomas Pieper (56) an die Situation der Neustadt Ende der 1980er-Jahre. Zeitweise überlegte die DDR-Staatsmacht, große Teile des Viertels abzureißen und durch Plattenbauten zu ersetzen.

Bürgerschaftliches Engagement und die politische Wende verhinderten Schlimmeres.

In den Folgejahren wurden Hunderte Millionen Euro in die Sanierung der Häuser zwischen Alaunpark und Albertplatz gesteckt. Heute strahlt das Viertel fast wie zu Kaisers Zeiten – die zahlreichen diffusen Graffitis einmal ausgeblendet.

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Doch durch die Sanierungen und Neubauten wurde das Leben hinter den schmucken Fassaden mit den Jahren immer teurer. Mittlerweile zahlen Mieter für ein 15 Quadratmeter großes WG-Zimmer über 350 Euro.

Das hat Folgen: So ist der Anteil der Studenten an der Wohnbevölkerung von 25 Prozent Mitte der 2000er-Jahre auf heute unter 20 Prozent gesunken. Die Kinderzahl nimmt ab, das Durchschnittsalter steigt.

In der Neustadt trifft altes Mauerwerk (hier: Stadtteilhaus in der Prießnitzstraße) ...
In der Neustadt trifft altes Mauerwerk (hier: Stadtteilhaus in der Prießnitzstraße) ...  © Thomas Türpe
... auf kulturelle Vielfalt ...
... auf kulturelle Vielfalt ...  © Oliver Killig
... und moderne Architektur.
... und moderne Architektur.  © Bildmontage: Holm Helis
Netter Anblick: Dafür haben Stadt, Land und Bund über 104 Millionen Euro in das Quartier rund um die belebte Alaunstraße gesteckt.
Netter Anblick: Dafür haben Stadt, Land und Bund über 104 Millionen Euro in das Quartier rund um die belebte Alaunstraße gesteckt.  © Thomas Türpe

Die wilden Jahre sind vorbei, jetzt rückt immer wieder die Polizei an

Er ist der Kopf hinter der Sanierung von Europas größtem Gründerzeitviertel: Stadtplaner Thomas Pieper (59).
Er ist der Kopf hinter der Sanierung von Europas größtem Gründerzeitviertel: Stadtplaner Thomas Pieper (59).  © Thomas Türpe

"Die Neustadt ist hier und da ein bisschen versnobt", sagt Stadtführer Jürgen Naumann (65) mit Blick auf den anhaltenden Bevölkerungsaustausch. Die ganz wilden Jahre scheinen vorbei, auch zu sehen an der Entwicklung rund um das Stadtfestival "Bunte Republik Neustadt" (BRN).

"Die erste BRN 1990, das war noch wohltuend chaotisch", erinnert sich Naumann. Doch dann haben Veranstalterwechsel und Sicherheitsauflagen der Stadt den ursprünglichen Charakter der Riesenfete verändert. Seit drei Jahren ist das Fest ausgesetzt, wegen Corona heißt es.

Doch nicht nur das Virus setzt dem Viertel und seinen Bewohnern zu. Drogenmissbrauch, Körperverletzung, illegaler Waffenbesitz: Immer wieder muss die Polizei in Kompaniestärke durch das Quartier, erstattet dabei mehrere Dutzend Strafanzeigen.

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Der Status als Szeneviertel hat also auch seine Schattenseiten und zeigt: Die Neustadt wird erwachsen.

Titelfoto: Bildmontage: Oliver Killig, Holm Helis

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