Holger Zastrow im Interview: "Ich wünsche mir einen OB, der die Wucht seines Amts resolut nutzt"

Dresden - In einem Jahr wählen die Dresdner den neuen Stadtrat. Parteien, Fraktionen und ihre Persönlichkeiten bringen sich bereits jetzt in Stellung. Wo setzen sie ihre Akzente, was planen und was fordern sie? TAG24 bittet wichtige politische Köpfe der Stadt zum Gespräch. Im "Montags-Interview": Holger Zastrow, (54, FDP).

Holger Zastrow (54) sitzt seit 2004 im Stadtrat. Er wünscht sich vom Rathaus mehr Bürgernähe und lehnt eine "Nationale Front" gegen die AfD ab.
Holger Zastrow (54) sitzt seit 2004 im Stadtrat. Er wünscht sich vom Rathaus mehr Bürgernähe und lehnt eine "Nationale Front" gegen die AfD ab.  © Eric Münch

TAG24: Im Juni kommenden Jahres wird der Stadtrat neu gewählt. Manche Prognosen sehen die AfD vorn. Was bedeutet das für Dresden?

Holger Zastrow: Wir leben in einer Demokratie und der Wähler ist frei in seiner Entscheidung. Es ist ein Ergebnis einer breiten Unzufriedenheit mit der deutschen Politik.

TAG24: Halten Sie die AfD oder Teile davon für rechtsextrem?

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Zastrow: Die AfD ist eine zugelassene und demokratisch gewählte Partei, die ihre Reihen fatalerweise auch für Rechtsradikale geöffnet hat und der es bis heute nicht gelingt, sich von diesen zu befreien.

TAG24: Werden Sie in Zukunft gemeinsame Sachen mit der AfD machen?

Zastrow: Wir machen keine gemeinsamen Anträge mit der AfD. Aber wenn ein vernünftiger Antrag da ist - und da geht's vielleicht um Brücken, Bäder oder den Fernsehturm - dann schauen wir nicht, welche Farbe der Antragsteller hat.

Zastrow: "Ich öffne Protest Tür und Tor, wenn ich Posten wie in Dresden nach Parteibuch besetze"

Baubürgermeister Stephan Kühn (43, Grüne).
Baubürgermeister Stephan Kühn (43, Grüne).  © Thomas Türpe

TAG24: Würden Sie versuchen, einen AfD-Bürgermeister zu verhindern?

Zastrow: Ich bilde gewiss keine 'Nationale Front' gegen die AfD. Wenn man die AfD zu noch besseren Wahlergebnissen verhelfen will, dann muss man das genauso machen. Ich muss meinen politischen Gegner schlagen durch Qualität, durch überzeugende Kandidaten. Und das ist - Entschuldigung - bei dieser AfD eigentlich gar nicht so schwer.

Ich öffne Protest Tür und Tor, wenn ich Posten wie in Dresden nach Parteibuch besetze. Nehmen Sie den grünen Baubürgermeister Stephan Kühn, ein Soziologe. Seine Wahl wurde ausgekungelt von Fraktionen, die die Posten unter sich verteilt haben.

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TAG24: Wen hätten Sie als Baubürgermeister vorgeschlagen?

Zastrow: Ich hätte ein Bewerbungsverfahren gemacht, wo man den Besten sucht. Dass die Stadtverwaltung oft nicht gut funktioniert, dass wir so weit weg sind von einer "ermöglichenden Verwaltung" und der Amtsschimmel so viel Kreativität und Engagement tötet, das liegt zum Großteil an mangelhaften Amtsführungen.

Zastrow: "Ich muss doch die Welt nicht immer wieder mit den gleichen Dingen nerven"

Zastrow versteht nicht, warum Feste in Dresden jedes Jahr neu beantragt werden müssen.
Zastrow versteht nicht, warum Feste in Dresden jedes Jahr neu beantragt werden müssen.  © Petra Hornig

TAG24: Inwiefern?

Zastrow: Weil hier jeder Sachbearbeiter dem Fachbürgermeister, der oft gar nicht vom Fach ist, erklärt, was alles nicht geht. Ein fachlich versierter Chef, weiß, es gibt meistens viele Wege, die zum Ziel führen. Er kann sich Themen zu eigen machen und sie politisch durchsetzen.

TAG24: Können Sie Projekte nennen, wo sie fachliche Qualitäten vermissen?

Zastrow: Ein Beispiel ist die unsägliche Gestaltungssatzung Prager Straße. Das hat mit einer Belebung der Stadt nichts zu tun. Oder der zweite Elberadweg auf der Johannstädter Seite ist seit Jahren unter zwei grünen Ressorts nichts geworden.

Es ist für viele kaum mehr zu ertragen. Fragen Sie Frank Wiesner mit dem Narrenhäusel. Ihm wird ein Stein nach dem anderen in den Weg gelegt. Oder der Bauherr, der ein Carport errichten will, der wird gequält bis sonst wohin.

TAG24: Welche Rolle spielt die Verwaltung bei Veranstaltungen und Festen?

Zastrow: Wenn ich weiß, dass etwas seit Jahren funktioniert, etwa das Stadtfest, bewährte Festivals oder Märkte, wieso muss man dann jedes Jahr alles neu beantragen? Ich muss doch die Welt nicht immer wieder mit den gleichen Dingen nerven.

Zastrow: "Traut euch! Fehler können passieren"

Der FDP-Politiker im Gespräch mit den TAG24-Redakteuren Hermann Tydecks (40, l.) und Lennart Zielke (27).
Der FDP-Politiker im Gespräch mit den TAG24-Redakteuren Hermann Tydecks (40, l.) und Lennart Zielke (27).  © Eric Münch

TAG24: Was hat das zur Folge?

Zastrow: Ich kenne so viele kreative Leute, die nichts mehr machen. Die überbordende Bürokratisierung der Verwaltung ist das größte Problem in Dresden! Die Verwaltung ist oft leider kein Partner, kein Dienstleister. Sollte sie aber sein! Sie wird vom Steuerzahler finanziert. Wir sehen alle die Tarifabschlüsse, die Verwaltungsneubauten, die Besitzstände. Und trotzdem noch mehr Personal? Wofür? Dass man noch mehr Zeit hat, die Leute zu nerven.

TAG24: Die FDP fordert aus Spargründen, 500 Stellen im Rathaus zu streichen. Würde das helfen?

Zastrow: Wenn Mitarbeiter nicht mehr die Zeit haben, sich um jeden Firlefanz zu kümmern, wäre das wahrscheinlich eine effektive Entbürokratisierungs-Maßnahme.

TAG24: Wie können wir die Verwaltung zum Freund des Bürgers machen?

Zastrow: Da ist die politische Führung der Bürgermeister gefordert. Also: Kümmert euch ums Wesentliche, entscheidet mehr selbst. Traut euch! Fehler können passieren. Wir als Verwaltungsspitze halten euch den Rücken frei. Seid Partner der Bürger und Unternehmen, versucht Dinge möglich zu machen. Nicht immer sagen, was nicht geht, sondern was geht. Das müssen die Bürgermeister vorleben.

TAG24: Würden Sie sich auch von Herrn Hilbert, der ein FDP-Parteibuch trägt, mehr Zugkraft wünschen?

Zastrow: Na sicher, das gilt auch für ihn! Ich wünsche mir einen Oberbürgermeister, der die Wucht seines Mandats erkennt und resolut nutzt. Denn anders als die Fachbürgermeister ist er vom Volk gewählt. Dirk Hilbert sollte wieder mehr führen, bei wichtigen Themen eingreifen und insbesondere den Baubürgermeister an die Kandare nehmen, denn dessen grüne Parteibuchpolitik richtet sich gegen die Mehrheit der Dresdner.

Zur Person

Holger Zastrow ist nicht nur politisch tätig, sondern auch Geschäftsmann.
Holger Zastrow ist nicht nur politisch tätig, sondern auch Geschäftsmann.  © Thomas Türpe

Holger Zastrow (54) ist gebürtiger Dresdner. Aufgewachsen in einem Plattenbau in Leuben, wohnt der gelernte Industriekaufmann mit seiner Frau heute in der Radeberger Vorstadt.

Seit 2004 sitzt der Unternehmer nicht nur im Stadtrat, sondern war zehn Jahre lang Mitglied des Landtags und zwischen 1999 und 2019 Landesvorsitzender der FDP Sachsen.

Er ist Inhaber einer PR-Agentur, betreibt nebenbei aber auch noch das Landgut Hofewiese in der Dresdner Heide und den weihnachtlichen "Augustusmarkt" in der Neustadt.

In seiner Freizeit macht Holger Zastrow Kraftsport oder ist mit seinem Mountainbike unterwegs.

Titelfoto: Eric Münch

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