Holocaust-Überlebender erzählt Schülern: "Ich sollte bei lebendigem Leib verbrannt werden!"

Hamburg – Eine andächtige Stille durchzog am heutigen Mittwoch die Aula des Albert-Schweitzer-Gymnasiums in Hamburg-Ohlsdorf. 340 Schülerinnen und Schüler sowie rund 100 Nachwuchskräfte der Polizei Hamburg lauschten den Erzählungen und Appellen von Ehrengast und Holocaust-Überlebendem Ivar Buterfas-Frankenthal (90). Für die Erhaltung der Demokratie und gegen den Nationalsozialismus.

Holocaust-Überlebender Ivar Buterfas-Frankenthal hielt am Mittwoch einen Zeitzeugenvortrag am Albert-Schweitzer-Gymnasium in Hamburg.
Holocaust-Überlebender Ivar Buterfas-Frankenthal hielt am Mittwoch einen Zeitzeugenvortrag am Albert-Schweitzer-Gymnasium in Hamburg.  © Ulrich Perrey/dpa

1991, als ihn seine eigenen Albträume nicht mehr losließen, wusste Ivar Buterfas-Frankenthal das er etwas unternehmen musste, wie der gebürtige Hamburger im Gespräch mit TAG24 verriet.

Immer wieder plagten ihn die Erinnerungen des sechsjährigen Ivar, der als Kind einer christlichen Mutter und eines jüdischen Vaters als Halbjude von der Schule geworfen worden war. Vom Direktor höchstpersönlich und vor der gesamten Schülerschaft. "Er sagte, 'Du bist Jude und verpestest mit Deinem jüdischen Atem nicht weiter unsere Luft'", erzählte Buterfas-Frankenthal am Mittwoch.

Nur sechs Wochen nach seiner Einschulung und gerade mal so groß, wie der Tisch, der am Mittwoch auf der Bühne stand, fingen die anderen Mitschüler an ihn zu treten und als "Judensau" zu beschimpfen. Doch der Horror sollte noch unvorstellbare Züge annehmen: "Als ich schreiend davon lief, bemerkte ich nicht, dass mir einige Hitlerjungen und Mädchen folgten."

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Sie passten ihn ab, verbrannten ihm mit einer Zigarette den Oberschenkel und stellten ihn auf ein Eisengitter, unter welchem sie zuvor Papier angezündet hatten. "Ich sollte bei lebendigem Leib verbrannt werden!" Nur ein paar Passanten sei es zu verdanken, dass er heute noch lebt. Seit diesem Tag habe er nie wieder eine Schule besucht.

"Deswegen sage ich: Mobbing jeder Art, auch hier an Eurer Schule, macht es nicht. Ihr könnt damit ein Kinderherz für den Rest seines Lebens in große Schwierigkeiten bringen. Ich habe bis zum heutigen Tage Albträume von diesem Erlebnis", appellierte Buterfas-Frankenthal an die anwesenden Schüler.

Buterfas-Frankenthal: "Mit jeder Bombe hofften wir, dass der Krieg früher zu Ende geht!"

Ihre persönlichen Erfahrungen während der NS-Zeit und danach schildern Buterfas und seine Frau Dagmar in ihrem neuen Buch "Von ganz, ganz unten".
Ihre persönlichen Erfahrungen während der NS-Zeit und danach schildern Buterfas und seine Frau Dagmar in ihrem neuen Buch "Von ganz, ganz unten".  © Madita Eggers/TAG24

Schon über 1500 Mal hat Buterfas-Frankenthal Kindern und Jugendlichen in ganz Deutschland seine Lebensgeschichte erzählt. Wie er und seine sieben Geschwister sich in Kellern versteckt hielten. "Das mag makaber klingen, aber mit jeder Bombe, die herunterfiel, hofften wir, dass der Krieg früher zu Ende ging", erzählte er.

Auch, wie sein älterer Bruder und er zerbombte Villen plünderten, um überhaupt etwas zu essen zu haben und wie es seiner Mutter gelang, die ganze Familie zu Fuß nach Polen zu schaffen, nachdem ihre Namen auf den Deportationslisten aufgetaucht waren.

Sein Vater war zu dieser Zeit schon lange verschleppt worden und landete schließlich im Stammlager Sachsenhausen.

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Seit ein paar Jahren tritt Buterfas-Frankenthal auch aktiv an Polizeidienststellen heran, so auch an die Polizei Hamburg, die am Mittwoch zahlreich erschienen war. "Ich bin Lichtjahre davon entfernt, irgendeinem hier anwesenden Beamten, dem seine Arbeit schon schwer genug fällt, hier in irgendeiner Form zu nahe zu treten", betonte der 90-Jährige.

"Doch was ich erzähle, muss zum Schutz aller jungen Beamten erzählt werden, die diesen ehrenvollen Beruf aufnehmen." Er erzählte von den Verbrechen des Sicherheitsdienstes des Reichsführers (SD), der Schutzstaffel (SS) und natürlich von der Geheimen Staatspolizei (Gestapo).

Besonders hob er die Gräueltaten von "Babyn Jar" 1941 nahe der ukrainischen Hauptstadt Kiew hervor.

Polizeipräsident Ralf Martin Meyer sprach von einem "Feiertag der Demokratie!"

Von links nach rechts: Polizeipräsident Ralf Martin Meyer (63), Ivar und Dagmar Buterfas-Frankenthal sowie Schulleiter Matthias Schieber.
Von links nach rechts: Polizeipräsident Ralf Martin Meyer (63), Ivar und Dagmar Buterfas-Frankenthal sowie Schulleiter Matthias Schieber.  © Madita Eggers/TAG24

"Wo leider unsere Hamburger Polizei eine unrühmliche Rolle gespielt hat. Zwei Bataillone, die Nummern weiß ich nicht mehr genau, haben sich freiwillig gemeldet. Sie hätten diesen Dienst verweigern können, aber es waren hundertprozentig überzeugte Nazis, die dem gefolgt sind, was man ihnen gesagt hat. Dafür gab es Urlaub, Alkohol und Zigaretten. Und in Babyn Jarn haben sie 36.000 Menschen innerhalb von acht Tagen wahllos ermordet."

Der anwesende Polizeipräsident Ralf Martin Meyer (63) bedankte sich bei Buterfas-Frankenthal für den "ungeheuren Schatz", sein Erlebtes hören zu dürfen und daraus seine Lehren zu ziehen: "Es ist ein Feiertag der Demokratie!"

Statt Feiertagen wünscht sich der 90-Jährige aber lieber mehr Gedenktage, die die Erinnerungskultur am Leben erhalten. "Einer der Hauptgründe, warum ich überhaupt hier bin, ist leider, dass es schon wieder sehr unruhig auf Deutschlands Straßen ist. Wir haben teilweise Verhältnisse, die schlimmer sind als 1934", betonte Buterfas-Frankenthal und spielte damit auf die Schreckenstaten von Hanau und Halle an.

Die Geschichte habe schon angefangen, sich zu wiederholen. Und deswegen habe er auch nur eine Bitte an die Schüler und Schülerinnen: "Wählt bei der nächsten Wahl bitte keine rechte Partei!"

Diese und die jungen Polizisten zeigten sich sichtlich beeindruckt und dankten dem Holocaust-Überlebenden mit Standing Ovations – und vielen interessierten Nachfragen nach dem Vortrag.

Titelfoto: Ulrich Perrey/dpa

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