TAG24-Reporter über Uwe-Seeler-Moment: "Stell' schon mal das Bier kalt"

Hamburg/Weißenfels - Zur Trauerfeier für Uwe Seeler (†85) am Mittwoch: Was TAG24-Reporter Jan Iven beim Interview mit der Fußballlegende vor acht Jahren in Sachsen-Anhalt erlebte.

November 2014 im Weißenfelser Kulturhaus: Uwe Seeler (†85) trinkt ein Hefeweizen mit Reporter Jan Iven.
November 2014 im Weißenfelser Kulturhaus: Uwe Seeler (†85) trinkt ein Hefeweizen mit Reporter Jan Iven.  © privat

Hat er das jetzt wirklich gesagt? "Stell' schon mal das Bier kalt", meinte Uwe Seeler zu mir, als ich ihn vor acht Jahren telefonisch für ein Interview in Sachsen-Anhalt anfragte. Die größte Fußballlegende von Hamburg - ach, was sage ich; der ganzen Welt - wollte allen Ernstes mit mir ein Bier trinken?

Das Ganze war so unwirklich, wie der Anlass an sich: "Uns Uwe" wollte nach Weißenfels kommen, um aus seinem Buch "Danke, Fußball" zu lesen. Dabei war das Buch bereits zehn Jahre zuvor erschienen. Trotzdem sollte Seeler gemeinsam mit seinem Co-Autoren Roman Köster an der Saale über das Werk und sein Leben plaudern. Es war ein Rätsel. Was wollte Uwe Seeler bloß in der tiefsten ostdeutschen Provinz? Da ich in Hamburg aufgewachsen bin und Seeler nie zuvor erlebt hatte, freute ich mich aber sehr auf das Interview nach seinem Auftritt.

Doch die größte Überraschung gab es für mich, als der Hamburger Ehrenbürger die Bühne des Weißenfelser Kulturhauses betrat: Das Publikum begrüßte ihn mit gefühlt nicht enden wollenden Standing Ovations und Jubel, als hätte Seeler gerade im Alleingang die Fußball-Weltmeisterschaft gewonnen. Ich muss zugeben: Das hat mich wirklich tief beeindruckt.

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Dass Uwe Seeler in seiner Heimat zutiefst verehrt wird, weiß ich als Hamburger (den das Leben für einige Jahre nach Leipzig und Umgebung verschlagen hat) natürlich. Aber dass "Uns Uwe" selbst in der Provinz von Sachsen-Anhalt kaum weniger gefeiert wird als zu Hause, hätte ich mir beim besten Willen nicht träumen lassen.

Immerhin spielte er in seiner aktiven Zeit in einem anderen Staat und hinter dem Eisernen Vorhang, auch wenn ich persönlich versuche, nicht mehr in solchen Ost-West-Kategorien zu denken.

"Der Osten mischt die zweite Liga auf"

Uwe Seeler war nicht nur Ehrenspielführer der Deutschen Fußball-Nationalmannschaft, sondern wurde 2008 auch Ehrenkapitän des Museumsschiffes Rickmer Rickmers im Hamburger Hafen. Das Steuer hat natürlich seine Ehefrau Ilka fest im Griff.
Uwe Seeler war nicht nur Ehrenspielführer der Deutschen Fußball-Nationalmannschaft, sondern wurde 2008 auch Ehrenkapitän des Museumsschiffes Rickmer Rickmers im Hamburger Hafen. Das Steuer hat natürlich seine Ehefrau Ilka fest im Griff.  © Marcus Brandt dpa/lno

Man stelle sich vor, dass ein ehemaliger DDR-Fußballer wie Jürgen Sparwasser (74) dermaßen in Westdeutschland gefeiert worden wäre. Gerade Sparwasser, der bei der Weltmeisterschaft 1974 ausgerechnet im Hamburger Volksparkstadion das 1:0-Siegtor im Spiel BRD gegen die DDR schoss. Weiß eigentlich noch irgendjemand, wer Jürgen Sparwasser ist?

Uwe Seeler spielte damals schon nicht mehr für die Nationalmannschaft. Vielleicht war er auch deshalb im Osten so beliebt, weil er nie in einem großen Turnier gegen die DDR gespielt oder gar gesiegt hat.

Zurück nach Weißenfels: Uwe Seeler betrat die Bühne des Kulturhauses, langsam, freundlich lächelnd und auf seine ganz eigene und irgendwie bescheidene Weise freute er sich über den emotionalen Empfang, der ihm bereitet wurde. Und er erzählte die Geschichten aus seinem Leben, die das Publikum in ganz Deutschland immer so gern hörte und die er immer so gern erzählte: Wie er nach dem Krieg in den Trümmern von Hamburg in den Schuhen seiner Schwester kickte, weil er seine eigenen schon durchgespielt hatte.

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Und wie er damals im Hamburger Luxus-Hotel Atlantik den Italienern einen Korb gab, obwohl die ihm ein damals unvorstellbares Millionenangebot gemacht hatten. Und wie die Italiener es einfach nicht fassen konnten. So viel Treue zum HSV und zu Hamburg machte ihn schon zu Lebzeiten zur Legende. Und genau diese Geschichten wollte das Publikum immer wieder von ihm hören. Selbst in der ostdeutschen Provinz. So viel Heimatliebe und Treue kommt überall gut an.

Und plötzlich verstand ich, warum Uwe Seeler auch zehn Jahre nach der Veröffentlichung seines Buches immer noch durch das Land reiste und von seinem Leben erzählte. Die Leute wollten es einfach hören, und Seeler tat ihnen nur zu gern diesen Gefallen, denn für ihn bedeuteten der Fußball und der HSV einfach alles. Und ja: Alles, was man sich über Uwe Seeler erzählt, seine Freundlichkeit, seine Bescheidenheit bei all der Größe, seine Liebe zum HSV (und natürlich zu seiner Frau Ilka, die er nie zu erwähnen vergaß), all das stimmt genau so.

Und schließlich trafen Uwe Seeler und ich uns an der Bar zum Interview. Und was mich besonders überraschte und auch ein bisschen freute: Obwohl Hamburger wie ich, trank Uwe genauso gern Hefeweizen, auch wenn ich an diesem Abend tatsächlich beim alkoholfreien Pils blieb. Den TuS Hamburg von 1880 in Hamburg-Hamm, bei dem ich früher als Grundschüler ziemlich erfolglos kickte, den kannte er natürlich auch. "Ein Traditonsverein", sagte Seeler, wobei das wahrscheinlich auf so ziemlich jeden Hamburger Fußballverein zutreffen dürfte.

Das mit den Millionen-Gehältern im modernen Fußball, das fand er schon ein bisschen verrückt, wie er mir erzählte. "Der eine oder andere verdient sicher ein bisschen zu viel. Aber die Jungs wären ja schön blöd, wenn sie das nicht nehmen würden", sagte er und lachte. Für ihn selber war das Geld aber nie der Motivator zum Fußballspielen.

"Der Osten mischt die zweite Liga auf", war damals sein Zitat, das ich als Überschrift für Zeitungen in Sachsen-Anhalt und Sachsen verwendete. Damals spielte RB Leipzig noch zweitklassig. Doch gegen den nicht ganz unumstrittenen Verein wollte er im Gegensatz zu vielen anderen nicht schimpfen. Ihm war schon klar, dass das Geld für den Fußball am Ende irgendwo herkommen muss, und sei es aus österreichischen Dosen.

"Loyal und bescheiden - der Größte aller Zeiten"

"Loyal und bescheiden - der Größte aller Zeiten" stand auf einem Spruchband beim Spiel gegen Hansa Rostock nach Uwe Seelers Tod.
"Loyal und bescheiden - der Größte aller Zeiten" stand auf einem Spruchband beim Spiel gegen Hansa Rostock nach Uwe Seelers Tod.  © Marcus Brandt/dpa

In diesen Tagen nach seinem Tod am 21. Juli 2022 wird natürlich viel getrauert um die Legende und den Menschen Uwe Seeler, nicht zuletzt am Mittwoch bei der offiziellen Trauerfeier der Stadt Hamburg im Volksparkstadion.

Tatsächlich habe ich aber selten einen Menschen erlebt, der so zufrieden mit sich und der Welt wirkte. Der offensichtlich alles und noch viel mehr im Leben erreicht hat und der immerhin 85 Jahre alt geworden ist. Besser kann ein Leben zumindest von außen betrachtet eigentlich kaum laufen.

Nur eine Sache blieb ihm verwehrt: den Wiederaufstieg von "seinem" HSV in die Bundesliga noch zu erleben. Die ständigen Dramen und Opern in seinem Verein, die auch heute noch öffentlich vor aller Augen auf und vor allem neben dem Fußballplatz aufgeführt werden, müssen ihn geschmerzt haben. Vielleicht war er auch einfach zu freundlich, um mal richtig auf den Tisch zu hauen und zu sagen: "Jetzt reißt euch alle mal zusammen! Wir sind hier nicht im Kindergarten." Dabei wäre wahrscheinlich genau das dringend nötig.

Am besten haben vielleicht die HSV-Fans nach Seelers Tod im verlorenen Spiel gegen Rostock sein Leben zusammengefasst mit dem Spruchband "Loyal und bescheiden - der Größte aller Zeiten". Nur in Hamburg kann man die Wörter "bescheiden" und "der Größte aller Zeiten" zusammen in einem Satz verwenden. Und nur in Hamburg ergibt das auch Sinn.

Denn Hamburger spüren instinktiv, ohne darüber nachzudenken und ohne damit angeben zu müssen, dass sie in der tollsten Stadt der Welt leben. Wer braucht die Welt, wer braucht Italien, wer braucht Millionen, wenn er in Hamburg leben darf, dem Tor zur Welt? Damit ist Uwe Seeler Hamburg und Hamburg ist Uwe Seeler. Wahrscheinlich wollen wir alle ein bisschen wie "Uns Uwe sein". Eine gewisse Boulevard-Zeitung würde titeln: "Wir sind Uwe".

Aber wenn es da oben irgendwo eine Wolke gibt, dann sitzt "Uns Uwe" dort, wie im Volksparkstadion "in einer ruhigen Ecke", wie er mal verriet, und schaut "seinem" HSV zu. Denn irgendwann, früher oder später, muss es auch mit dem Aufstieg wieder klappen. Dann wird Uwe Seeler endgültig zufrieden sein.

Titelfoto: privat

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