Heute vor 54 Jahren: So anders sah Pride, CSD und Co. damals aus
Heute vor 54 Jahren, am 29. April 1972, ereigneten sich in Deutschland damals noch beispiellose Szenen: Knapp 200 Menschen demonstrierten in Münster für die Rechte von Homosexuellen.
Was sich noch jährt, erfährst Du unter: heute vor … Jahren.
Bei dieser Demo zogen etwa 100 bis 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmer vom Schloss bis in die Innenstadt und protestieren gegen Diskriminierung sowie für mehr Rechte von Schwulen und Lesben.
Der Anlass war das einjährige Bestehen der "Homophilen (später Homosexuellen) Studentengruppe Münster" (HSM), die am 29. April 1971 gegründet worden war.
Rund um den Jahrestag organisierte die Gruppe ein ganzes Aktionswochenende: Infostände an Unis und in der Fußgängerzone, Diskussionen, Gespräche mit Journalistinnen und Journalisten sowie Partys am Abend.
Das war damals noch einzigartig.
Anfänge der Schwulenbewegung
Zwar gab es bereits in den 50er und 60er Jahren eine Schwulenbewegung, jedoch trat sie noch sehr leise, vorsichtig und angepasst auf. Viele hatten schließlich den Zweiten Weltkrieg miterlebt und wollten nicht allzu viel Aufmerksamkeit erregen.
Ein wichtiger Schritt kam erst 1969 mit der Reform von §175 StGB: Homosexualität zwischen erwachsenen Männern über 21 Jahren war nun nicht mehr strafbar.
Trotzdem blieb Homosexualität gesellschaftlich stark stigmatisiert - Diskriminierungen und Vorurteile gehörten weiterhin zum Alltag.
Warum klappte es ausgerechnet in Münster?
Dass die erste Demonstration dieser Art ausgerechnet in Münster stattfand, überraschte viele. Die Stadt war zwar eine Studentenstadt, galt aber eher als konservativ. Schließlich ist sie auch Bischofssitz und stark katholisch geprägt.
Nachdem Studierendenbewegungen der späten 1960er-Jahre den Weg für neue Protestformen geebnet hatten und beispielsweise auch der Film "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" von Rosa von Praunheim 1971 für Diskussion sorgte, half der HSM, dass sie sich politisch eher mittig sahen - anders als andere sozialistische und kommunistische Gruppen, deren Vorhaben verboten wurden.
Organisiert und angemeldet wurde die erste Schwulen-Demo vom konservativen Rainer Plein. Mit seinem Auftreten konnte er die Polizei wohl überzeugen, dass durch die Demo keine "sittliche Gefahr" drohte.
Parolen und gemischte Reaktionen
Die Demonstrierenden trugen Plakate mit Sprüchen wie "Homos raus aus den Löchern" oder "Lieber ein warmer Bruder als ein kalter Krieger". Mit den heutigen bunten und teils freizügigen Pride-Paraden war die Veranstaltung jedoch kaum zu vergleichen. Radikale Parolen wie "Gay Power" sollte man bewusst vermeiden.
Die Reaktionen auf die Demo waren selbst aus eigenen Reihen unterschiedlich: Die Homosexuelle Aktionsgruppe Bochum (HAG) - die ebenfalls zu den ersten ihrer Art gehört - war nicht überzeugt, mit so einer Veranstaltung für Bewusstsein und Akzeptanz zu sorgen. Andere waren dagegen begeistert, sodass die HSM sie zunächst noch jährlich wiederholen wollte.
Auch wenn nur einige hundert Menschen teilnahmen, markierte die Demonstration in Münster den Beginn einer sichtbareren Schwulen- und Lesbenbewegung in Deutschland. Ihr Mut legte den Grundstein für mehr Akzeptanz, Rechte und Sichtbarkeit, an die heute viele Pride-Paraden und Christopher-Street-Day-Veranstaltungen erinnern.
Titelfoto: Bildmontage: Unsplash/Ian Sanderson , 123RF/spitzi1
