Nach Amokfahrt in Magdeburg: Normalität für Kinder noch weit entfernt
Von Dörthe Hein
Magdeburg - Kinder, die den Anschlag auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt miterleben mussten, sind nach der Einschätzung eines Experten erheblich in ihrer Entwicklung beeinträchtigt.
Ängste, Schreckhaftigkeit, Atemnot, Kopf- und Bauchschmerzen, Schlafstörungen bestimmten ihren Alltag, so der erfahrene Kinder- und Jugendpsychiater Hans-Henning Flechtner im Landgericht Magdeburg.
Er sprach von einem "Kanon von Beschwerden", der die altersgerechte Entwicklung erheblich belaste. Bei keinem der fünf von ihm begutachteten Kinder habe es vor dem Anschlag Auffälligkeiten gegeben, alle stammten aus intakten Familienverhältnissen.
Insbesondere sei die Entwicklung der Selbstständigkeit der Kinder beeinträchtigt. Das sei bei allen Kindern sehr ähnlich. Ihr Alltag gelinge nur unter intensiver Betreuung der Familien, so Flechtner.
Altersgenossen bewältigten den Weg zur Schule allein, unternehmen etwas mit Freunden und gestalteten ihre Freizeit selbstständig.
Eine Prognose abzugeben, wie die Entwicklung der Kinder vom Weihnachtsmarkt in der anstehenden Pubertätsphase und auch danach verlaufe, sei spekulativ, sagte Flechtner.
Schmaler Grat zwischen Rücksicht und Anforderungen
Der Jugendpsychiater wies darauf hin, dass die gesamten Familien vom Anschlag betroffen sind, das sei eine besondere Situation. Alle hätten den richtigen Versuch unternommen, schnell zu einer Normalität zurückzukehren. Allerdings berge das auch die Gefahr, zu bagatellisieren und zu sagen, es sei vorbei und könne nicht wieder geschehen.
Flechtner bezeichnete es als schmalen Grat, zum einen Rücksicht zu nehmen und zum anderen altersgerechte Anforderungen an die Kinder zu stellen.
Als Beispiel nannte er das selbstständige Fahrradfahren etwa zur Schule. Sollte man darauf bestehen oder sagen, wenn du Angst hast, tust du das nicht? Das könne dazu führen, dass das Kind nie wieder Fahrrad fahre.
Er riet dazu, in bestimmten Situationen die therapeutische Beratung in Anspruch zu nehmen. Zuvor hatte der Vorsitzende Richter Dirk Sternberg den erfahrenen Experten nach seinen Ratschlägen für die betroffenen Familien gefragt.
In der Folge des Anschlags vom 20. Dezember 2024 starben fünf Frauen und ein neunjähriger Junge. Mehr als 300 Menschen wurden teils schwerst verletzt.
Titelfoto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

