Todesfahrer Taleb A.: Ex-Kollegin schaltete Betriebsrat ein
Von Dörthe Hein
Magdeburg - Im parlamentarischen Untersuchungsausschuss zum Anschlag auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt ist erneut deutlich geworden, dass der Todesfahrer in seiner Tätigkeit als Arzt unzuverlässig war und seine fachliche Qualifikation in Zweifel gezogen wurde.
Eine ehemalige Assistenzärztin sagte am Morgen im Ausschuss, viele Kollegen seien genervt gewesen, weil man dem Psychiater oft hinterhertelefonieren musste. Der Arzt habe sich geweigert, bestimmte Dinge zu übernehmen. Andere hätten dann seine Aufgaben übernommen.
Zu Diagnosen und Therapien habe es teils unterschiedliche Auffassungen gegeben, dann habe sie um Fallbesprechungen gebeten, sagte die Ex-Kollegin als Zeugin aus. "Ich habe seine Qualifikation hinterfragt."
Sie sagte, sie habe sowohl die ärztliche Leitung als auch den Betriebsrat eingeschaltet. Die Führungsebene habe beschwichtigend und vermittelnd reagiert. Vom Betriebsrat habe sie keine Rückmeldung bekommen, bis sie ausgeschieden sei.
Schon bei vorigen Zeugenvernehmungen im Untersuchungsausschuss war deutlich geworden, dass Kollegen an der fachlichen Kompetenz des Mannes gezweifelt hatten.
Lange Mails des späteren Todesfahrers nur überflogen
Die Ausschussmitglieder befragten den ehemaligen Ärztlichen Direktor auch zu umfangreichen Mails seines Mitarbeiters, in denen dieser sich etwa über angebliche Aktivitäten des saudischen Geheimdienstes und seine Sicht auf deutsche Behörden äußerte. Diese langen Schreiben habe er nur überflogen.
Nach seiner Einschätzung seien die E-Mails in einer bestimmten Verfassung, in Erregung geschrieben worden. Diese Verfassung sei aber nicht überdauernd gewesen. Er äußerte die Vermutung, dass der spätere Todesfahrer paranoid denke.
Man müsse sich mit der Frage auseinandersetzen, wie sich das Denken auf seine Tätigkeit auswirkte. Auf der Arbeit habe das keine Rolle gespielt, sondern in den Krankheitszeiten.
Der Mitarbeiter habe unterscheiden können, wann er arbeitsfähig war und wann nicht. Es habe keine Hinweise darauf gegeben, dass von ihm eine Gefahr für andere ausgeht, so der ehemalige Ärztliche Direktor weiter.
Sozialministerium als Fachaufsicht hatte keine Hinweise
Das Sozialministerium, das die Fachaufsicht über den Maßregelvollzug hat, erreichten laut einer Referentin und einer Referatsleiterin keine Informationen zu dem späteren Todesfahrer.
Bis zum Anschlag hätten keine Berichte, Warnungen oder Hinweise vorgelegen.
Die Referatsleiterin sagte, das Einstellungsverfahren liege allein beim landeseigenen Unternehmen Salus. Nach dem Anschlag habe das Ministerium die ganze Personalakte angefordert, das Führungszeugnis habe gefehlt.
In der Konsequenz sei in einem Erlass an die Einrichtungsleitung geregelt worden, dass Dokumente, die Sachkunde und Zuverlässigkeit dokumentieren, der Fachaufsicht vorgelegt werden müssen. Dazu gehöre auch das Führungszeugnis.
Taleb A. (51) war im Dezember 2024 mit einem PS-starken Mietwagen über den Magdeburger Weihnachtsmarkt gefahren. Sechs Menschen wurden getötet, mehr als 300 wurden zum Teil schwerst verletzt. Derzeit läuft am Landgericht Magdeburg der Prozess gegen den Mann aus Saudi-Arabien.
Er arbeitete bis zur Tat im Maßregelvollzug in Bernburg (Salzlandkreis) beim Gesundheitsunternehmen Salus als Stationsarzt, sein Aufgabengebiet umfasste die psychiatrische Betreuung von Straftätern. Er soll in Saudi-Arabien Medizin studiert haben, in Deutschland erwarb er die Facharztanerkennung.
Erstmeldung vom 26. Januar, 13.11 Uhr. Zuletzt aktualisiert: 20.03 Uhr.
Titelfoto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

