Hier stehen jetzt Stelen: Sachsen erinnert an Tausende Euthanasie-Opfer

Großschweidnitz - Das dunkelste Kapitel der Geschichte von Großschweidnitz sind die nationalsozialistischen Morde an Kranken in der damaligen Heil- und Pflegeanstalt. Nun soll eine moderne Gedenkstätte entstehen.

Sven Riesel (l.), Kommissarischer Stiftungsgeschäftsführer, und der Großschwednitzer Bürgermeister Jons Anders, stehen vor den Gedenkstelen mit den Namen der Euthanasie-Opfer.  © Miriam Schönbach/dpa-Zentralbild/dpa

In der Ferne erhebt sich der Löbauer Berg. Auf zehn weißen Stelen folgt Name um Name in alphabetischer Reihenfolge. Sie stehen für mehr als 3500 "Euthanasie"-Morde der Nationalsozialisten in der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt im ostsächsischen Großschweidnitz (Landkreis Görlitz).

Es ist das dunkelste Kapitel des kleinen Ortes in der Nähe Löbaus. In Massengräbern wurden die "Aussortierten" zwischen 1939 und 1945 anonym verscharrt.

Ihre Leidensgeschichten sollen nun in einer neuen Dauerausstellung in der ehemaligen Pathologie gegenüber von den Stelen Platz finden. Im Frühjahr soll der Umbau des gelben Klinkerbaus beginnen.

"Ziel ist es, 2022 die Gedenkstätte zu eröffnen. Großschweidnitz ist ein eigenständiger historischer Ort mit eigener Geschichte", sagt Jons Anders. Der parteilose Bürgermeister ist zudem Vorsitzender des Gedenkstätten-Vereins.

"Großschweidnitz in der Zeit des Nationalsozialismus war lange ein Tabu", sagt er.

Großschweidnitz war vor NS-Zeit eine Vorzeige-Heil- und Pflegeanstalt

Die moderne Gedenkstätte erinnert an die grausamen Morde.  © Miriam Schönbach/dpa-Zentralbild/dpa

Erst ab Mitte der 1980er Jahre lüftete sich der Mantel des Schweigens. Nach der Wende setzen regionale Initiativen die Aufarbeitung fort.

Historikerin Maria Fiebrandt kennt die Quellen – und wohl die meisten vorhandenen Patientenakten.

Als Studentin rückten 2004 die Großschweidnitzer Krankenmorde in ihr Blickfeld. Unmittelbar nach der Machtergreifung Hitlers wurde 1933 das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" und damit die Grundlagen für Verfolgung, Ausgrenzung und später Ermordung von psychisch Kranken und geistig Behinderten gelegt.

Die einstige Vorzeige-Heil- und Pflegeanstalt in Großschweidnitz wurde zu einem Ort der systematischen Ausrottung, ab 1934 gehörten Zwangssterilisationen zum Anstaltsalltag.

"Es waren Männer, Frauen, Kinder, Jugendliche mit ganz unterschiedlichen Diagnosen: manisch-depressiv, altersdement, schizophren, auch Schwachsinn und sozialauffällige Personen, die eine Diagnose verpasst bekamen", sagt die Wissenschaftlerin.

Auch Menschen mit körperlichen Missbildungen oder Trisomie 21 gerieten in den Blick der Mörder. Hebammen, Fürsorger und Ärzte wurden gezwungen, Auffälligkeiten zu melden.

Mehr als 5500 Opfer bekannt: Noch heute gibt es Anfragen Angehöriger

Eine Stele mit Informationen zu den Euthanasie-Opfern.  © Miriam Schönbach/dpa-Zentralbild/dpa

Eines der bekanntesten Opfer war Marianne Schönfelder - Tante des Malers Gerhard Richter, der in Dresden geboren wurde.

Mit einem fotorealistischen Gemälde "Tante Marianne" erinnerte der Künstler an sie.

Marianne Schönfelder, mutmaßlich an Schizophrenie erkrankt, wurde 1938 zwangssterilisiert und 1945 in der Tötungsanstalt Großschweidnitz ermordet.

Großschweidnitz diente auch als Sammelstation für Transporte nach Pirna-Sonnenstein. Nachweislich wurden bis zum 24. August 1941 dorthin 2445 Patienten gebracht.

In der Opferdatenbank stehen knapp 6000 Namen. Regelmäßig landen bei Fiebrandt noch Anfragen Angehöriger der Opfer. Ein Teil der Getöteten wurde auch auf heimatlichen Friedhöfen bestattet.

Bei der Eröffnung der neuen Gedenkstätte soll möglicherweise auch "Tante Marianne" an den Ort des Schreckens zurückkehren.

Bereits 2017 hat Gerhard Richter die Fotofassung seines berühmten Gemäldes dem Verein als Leihgabe übergeben.

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