"Bleib so!" Ausstellungs-Katalog "AugenBlicke" würdigt Akt-Fotograf Günter Rössler

Halle (Saale)/Leipzig - In diesem Jahr wäre der Leipziger Fotograf Günter Rössler 95 Jahre geworden. Berühmt wurde er durch Bilder nackter schöner "Ost-Frauen", und doch war Rössler mehr als nur der "Aktfotograf der DDR". Eine Ausstellung im Kunstverein Talstraße in Halle zeigt die immense Bandbreite des Künstlers, nur ist sie derzeit geschlossen. Dafür ist ein prächtiger Begleit-Katalog erschienen.

Das Cover des Ausstellungskatalogs "AugenBlicke" ziert das Porträt "Barbara" (1964).
Das Cover des Ausstellungskatalogs "AugenBlicke" ziert das Porträt "Barbara" (1964).  © Günter Rössler Fotografie/Kirsten Schlegel

"AugenBlicke", so heißen Ausstellung wie Katalog. Ein Titel, der mit Bedacht gewählt ist. Denn so durchkomponiert Rösslers meist schwarzweiße Fotografien oft scheinen, er konnte auch improvisieren.

Seine Witwe Kirsten Schlegel, die den umfangreichen Nachlass des Fotografen verwaltet und aufarbeitet, sagt über die Arbeitsweise ihres früheren Mannes: "Günter hatte einfach die Gabe, den besonderen Moment einzufangen."

Sie erinnert sich genau an einen Ausspruch Rösslers über seine Maxime, sein künstlerisches Credo: "Er sagte, er möchte einen Augenblick festhalten, der niemals mehr so sein wird, wie er war."

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Zwar habe Günter Rössler seine Produktionen akkurat bis zur Skizze vorbereitet, so Kirsten Schlegel. Aber stets sei er dabei offen für die Improvisation gewesen, für den Augenblick.

Sie sagt: "Wenn sich etwa in einer Pause bei einer Unterhaltung ein Moment ergab, der ihm wichtig war, dann sprang er auf, sagte 'Bleib so!' und hat diesen Augenblick eingefroren."

Das Drumherum eines Fotoshootings, das Plaudern, all das sei die gedankliche Vorarbeit Günter Rösslers gewesen, die eigentliche Arbeit, so Kirsten Schlegel. Das Drücken des Auslösers war nur noch Vollzug.

Rössler hat Modelle nie als Objekte gesehen, sondern als Menschen

Günter Rössler (1926 - 2012), hier im Jahr 2003 beim Einfangen des besonderen Moments.
Günter Rössler (1926 - 2012), hier im Jahr 2003 beim Einfangen des besonderen Moments.  © Günter Rössler Fotografie/Kirsten Schlegel

Schlegel war einst selbst Model ihres späteren Mannes. Sie betont bis heute, wie wichtig ihm war, seine Mädchen als selbstbewusste Frauen zu inszenieren.

Sie sagt: "Er hat seine Modelle nie als Objekte gesehen, sondern als Menschen. Er hat nach unserer Meinung gefragt und über alle Jahre junge Menschen in ihrer Entwicklung gestärkt."

In der DDR wurde Rössler früh bekannt, vor allem durch seine Modefotografie, die in Zeitschriften wie der "Sibylle" erschienen. Die waren noch in Farbe, entstanden mit jungen Modellen, die meistens gar Laien waren.

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Der Fotograf lichtete sie mit Vorliebe außerhalb des Studios ab, in den realistischen Kulissen ihres sozialistischen Alltags.

Dazu kamen die Akte, mit denen Rössler spätestens seit der Fotostrecke "Mädchen aus der DDR" 1984 im westdeutschen "Playboy" auch bundesweit bekannt wurde.

Nicht nur Akt, sondern auch Porträt- und Modefotografie

"Stefanie" (1997) gehört zu den späten Aktfotografien Günter Rösslers. Doch darf man den Fotokünstler nicht nur auf seine erotischen Arbeiten reduzieren.
"Stefanie" (1997) gehört zu den späten Aktfotografien Günter Rösslers. Doch darf man den Fotokünstler nicht nur auf seine erotischen Arbeiten reduzieren.  © Günter Rössler Fotografie/Kirsten Schlegel

Doch mache die Aktfotografie nur ein Viertel seines Nachlasses aus, erzählt Kirsten Schlegel: "Sicherlich war er damit ein Wegbereiter, der einen eigenen Stil hinterlassen hat." Aber in sechs Jahrzehnten habe Rösslers Schaffen auch die Porträt- und Modefotografie umfasst.

Allerlei Serien aus diesem Segment werden in Schau und Katalog erstmals überhaupt gezeigt. Neu zu entdecken sind überdies Rösslers Arbeiten als Bildreporter für Zeitschriften wie die "Freie Welt", für die er unter anderem Albanien, Griechenland oder die Balkanstaaten bereiste.

Was hat ihn da interessiert? "Lebensnahe Geschichten", sagt Kirsten Schlegel. "Die Fotos nehmen die Betrachter mit auf eine Reise. Nicht nur mich berühren sie sehr."

Ausstellung umfasst rund 160 Arbeiten

Für Rösslers Witwe ist es eine große Freude, den Nachlass ihres Mannes zu pflegen, in die Ästhetik der Bildsprache einzutauchen und stets Neues zu entdecken. Sie sagt: "Da schlummert noch einiges."

Rund 160 Arbeiten umfasst die Schau, die analog zu den Pandemie-Maßnahmen bis auf weiteres geschlossen ist. Nach Wiedereröffnung soll die bis Juni geplante Ausstellung verlängert werden.

Infos dazu gibt es auf der Homepage des Kunstvereins. Dort ist auch der Katalog "AugenBlicke" für 35 Euro zu bestellen: kunstverein-talstrasse.de.

Titelfoto: Bildmontage / Günter Rössler Fotografie/Kirsten Schlegel

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