Dealer in Uniform! Korruptions-Skandal erschüttert Sachsens Polizei

Leipzig - Sieben Jahre lang hatte die Polizei in Leipzig eine Ermittlungszentrale für Fahrraddiebstähle. Im vergangenen Jahr wurde die "ZentraB Fahrrad" still und heimlich aufgelöst. Hintergrund ist ein Korruptionsskandal innerhalb der sächsischen Polizei, in den Dutzende Beamte verwickelt sein sollen! Im Landeskriminalamt ermittelt die Antikorruptionseinheit "Ines" gegen Dealer in Uniform.

Gut geschützt hinterm Stacheldrahtzaun liegen die Lager des Polizeiverwaltungsamtes. Auf dem kaum einsehbaren Gelände soll ein Teil der illegalen Fahrradgeschäfte abgewickelt worden sein.
Gut geschützt hinterm Stacheldrahtzaun liegen die Lager des Polizeiverwaltungsamtes. Auf dem kaum einsehbaren Gelände soll ein Teil der illegalen Fahrradgeschäfte abgewickelt worden sein.  © Alexander Bischoff

Mit 1700 geklauten Rädern auf 100.000 Einwohner ist Leipzig die deutsche Hauptstadt der Fahrraddiebe

Die Polizei hatte deshalb schon 2012 eine spezielle Ermittlungseinheit gegründet. Eine Aufgabe der "ZentraB Fahrrad" war es, sichergestelltes Diebesgut zu verwahren, bis Versicherungen oder Staatsanwaltschaft die Räder zur Verschrottung oder gemeinnützigen Verwertung freigaben.

Durch einen Geschädigten kamen interne Ermittler Mitte 2019 Ungereimtheiten bei der Verwertung auf die Spur. So sollen zahlreiche Fahrräder dem Verein "Freundschaft e. V. Pegau" übereignet worden sein. 

Dahinter verbirgt sich eine Kleingartensparte, in deren Vorstand der Vater der als Asservatenbeauftragte für die Veräußerung zuständigen Polizeibeamtin Anke S. (43) saß.

Über diesen Verein sollen die Fahrräder dann weiterverkauft worden sein. Die Kunden: Dutzende Polizeibeamte und offenbar auch Juristen im Staatsdienst. Sie sollen zu Schnäppchenpreisen zwischen 50 und 100 Euro teils hochwertige Fahrräder erworben haben.

Polizisten sollen mehr als 1000 Fahrräder vertickt haben

Zwei, die den Korruptionsskandal bislang verschwiegen: Sachsens Innenminister Roland Wöller (49, CDU, re.) und Leipzigs Polizeipräsident Torsten Schultze (55).
Zwei, die den Korruptionsskandal bislang verschwiegen: Sachsens Innenminister Roland Wöller (49, CDU, re.) und Leipzigs Polizeipräsident Torsten Schultze (55).  © Jan Woitas/dpa

Die illegalen Geschäfte im Namen der "Freundschaft" liefen den Ermittlungen des LKA zufolge auch auf dem Gelände des Polizeiverwaltungsamtes an der Lützner Straße ab.

Bei einer Hausdurchsuchung bei Anke S. im Juli entdeckten Beamte der Soko "Ines" zahlreiche Quittungen und Verträge, die bis ins Jahr 2015 datiert waren. 

Nach einer mehrmonatigen Inventur gehen die Ermittler inzwischen davon aus, dass in den vier Jahren mehr als 1000 Fahrräder von Polizisten illegal vertickt wurden.

Die Korruptionsermittlungen laufen nicht nur gegen Anke S., sondern gegen insgesamt 13 Polizeibeamte der ehemaligen ZentraB, die im Verdacht stehen, sich mit sichergestellten Fahrrädern einen schnellen Euro verdient zu haben. 

Im Raum stehen die Tatvorwürfe der Untreue, der Vorteilsgewährung und der Strafvereitelung im Amt.

Waren auch Juristen unter den Kunden?

Geklaute Räder - Leipzig ist die deutsche Hauptstadt der Fahrraddiebe.
Geklaute Räder - Leipzig ist die deutsche Hauptstadt der Fahrraddiebe.  © Martin Gerlen/dpa

Auf der anderen Seite sind die Ermittler auch den Profiteuren auf der Spur. "Es ist nach gegenwärtigem Ermittlungsstand davon auszugehen, dass zumindest 40 Beamte der Polizeidirektion Leipzig betroffen sind, die zum Tatzeitpunkt unter anderem in der Kriminalpolizeiinspektion, den Polizeirevieren, dem Führungs- und Lagezentrum sowie dem Referat 3 der PD Leipzig tätig waren", heißt es in einem internen Sachstandsbericht des LKA. Jenes Referat 3 trägt übrigens den Namen "Referat für Kriminalitätsbekämpfung".

Noch delikater: Es soll auch Hinweise geben, wonach selbst Staatsanwälte und möglicherweise auch ein Richter zum erlauchten Kreis der polizeilichen Fahrrad-Kunden gehörten, wie ein hochrangiger Beamter TAG24 erzählte. Das Landeskriminalamt wollte dies auf offizielle Anfrage nicht bestätigen.

Schon 2019 wurde das Sächsische Innenministerium von der Polizeiführung umfassend über den Korruptionsskandal informiert.

Eine Information der Öffentlichkeit hielt Minister Roland Wöller (49, CDU) bislang nicht für erforderlich. Auch die Polizei Leipzig deckelt den Skandal bis heute. Das einstige Prestigeprojekt "ZentraB Fahrrad" wurde zwischenzeitlich abgewickelt.

Titelfoto: Alexander Bischoff

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