Betterov begeistert mit Songs über Flucht aus DDR: "Meine Eltern haben es zusammen geplant"

Leipzig - Das Publikum war an diesem Donnerstagabend im ausverkauften Leipziger Felsenkeller äußerst bunt gemischt: Neben einem älteren Paar, ausgerüstet mit Ohrschutzstöpseln, stand ein junges Mädchen, trug ein T-Shirt des Hip-Hop-Festivals "Splash" und unterhielt sich mit einem Punker in einer Lederkutte. Alle warteten auf den Star des Abends: den Indie-Pop-Musiker Betterov (32).

Betterov war am Donnerstagabend zu Gast im ausverkauften Leipziger Felsenkeller.  © PR/Jule Mehrhoff

Als der gebürtige Thüringer dann mit einem Sprung auf die Bühne stürmte und sich direkt für den ersten Song ans Klavier setzte, fiel vor allem eins auf: Nahezu niemand im Saal zückte das Smartphone, die Menschen lauschten gebannt - beinahe konzentriert.

Nach einer ersten halben Stunde, die eher von ruhigen Songs geprägt war, sprach der 32-Jährige dann über sein neues Album "Große Kunst" und zwei Titel, die ihm auf dieser Platte besonders viel bedeuten: 17. Juli 1989 und 18. Juli 1989 - sie handeln vom Tag der Republikflucht seines Vaters und dem Tag danach.

"Meine Eltern hatten das gemeinsam geplant", erzählte der in Eisenach aufgewachsene Musiker. "Meine Mutter hat meinem Vater damals 800 Ostmark in seine Jacke eingenäht. Mein Vater hat ihr gesagt, dass er es macht, aber nicht wann, damit sie später im Stasi-Verhör nicht lügen musste. Der Plan hat bis zum Ende gut funktioniert."

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Immer wieder wechselte der gebürtige Thüringer zwischen Gitarre und Klavier.  © PR/Fioni Versace

Betterov: "Es hat sich gelohnt"

"Er wartet bis es Nacht wird/ Dann verlässt er das Haus/ In Richtung eines Eisenzauns/In eine andere Welt", heißt es im Song 17. Juli 1989, der von der Republikflucht seines Vaters handelt.  © PR/Fioni Versace

Nach der erfolgreichen Flucht seines Vaters über die beiden Zäune der innerdeutschen Grenzen mithilfe dreier selbstgebauter Haken habe seine Mutter einen Ausreiseantrag gestellt und schließlich ausgerechnet am 8. November 1989 ebenfalls die DDR verlassen.

"Es hat sich gelohnt", scherzte der 32-Jährige, angesichts des Fakts, dass nur einen Tag später die Mauer fiel. "Heute lachen wir darüber, aber es ist nur fünf Sekunden her, dass man Menschen ihre Freiheit genommen hat, und so ein System ist in fünf Sekunden wiederhergestellt. Ich habe diese beiden Songs geschrieben, weil sie zeigen, dass man Menschen vielleicht ihre Freiheit nehmen kann, aber niemals ihren Freiheitswillen."

Mit seinen herausragenden Texten und der Fähigkeit, schwere Themen bewundernswert leicht und ehrlich anzugehen, lieferte Betterov an diesem Abend ganz wie versprochen "Große Kunst". Die Fans dankten es ihm und seiner Band mit der ein oder anderen vergossenen Träne und donnerndem Applaus.

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