Hass im Netz: Student Dalyan wird angefeindet, weil er einen Abi-Schnitt von 0,7 hat
Von Elmar Stephan
Leipzig/Osnabrück - Abitur mit einem Durchschnitt von 0,7: Dazu kann man eigentlich nur gratulieren. Aber im Netz gelten andere Regeln. Diese Erfahrung musste Dalyan Unland (20) in den vergangenen zwei Jahren machen: Ihn erreichten zahlreiche Hasskommentare mit rassistischen oder sexistischen Inhalten. Und das nur, weil der aus dem Osnabrücker Land stammende junge Mann so einen herausragenden Abi-Schnitt hingelegt hat.
Das ging ganz schnell, wie sich der heute 20-Jährige erinnert, der in Leipzig Philosophie, Soziologie und Politikwissenschaften studiert. Eine kurze Notiz auf einem Instagram-Account mit acht Millionen Followern machte fix die Runde in Deutschland.
Zwar sei die große Mehrheit der Kommentare freundlich gewesen. Aber es habe auch unfreundliche und sogar hasserfüllte Beiträge gegeben. Einige hätten Bezug auf seinen Familienhintergrund genommen.
Seine Mutter gab im Radio einen O-Ton, in dem sie erzählte, dass sie das Kind türkischer Migranten sei. Dazu habe es rassistische Kommentare gegeben, von "Und so etwas mit so einem Namen" bis hin zu "Ausländer bleibt Ausländer, sofort abschieben!".
In einem anderen Kommentar sei behauptet worden, dass er illegal über die Landesgrenzen gekommen sei und er nicht in dieses Land gehöre.
Für Unland, der eigenen Angaben zufolge vorher noch nie rassistisch beleidigt wurde, war das eine neue und überraschende Erfahrung. In den Kommentaren sei seine Person auf einen Migrationshintergrund reduziert worden. "Das ist faktisch total falsch. Meine Mutter ist auch schon in Deutschland geboren, genauso wie ich, insofern bin ich deutscher Staatsbürger in zweiter Generation."
Dalyan bekommt Unterstützung von Anwalt
Er sei vor allem perplex gewesen, erzählt der Student. Diese Kommentare hätten schließlich nichts mit seiner tatsächlichen Persönlichkeit zu tun. Aber kurz darauf habe er Tatendrang verspürt - er wollte sich wehren.
Von den Hasskommentaren erfuhr ein Bekannter von Unland, der Rechtsanwalt Thomas Pilling. Er bot dem Abiturienten juristische Hilfe an. Zusammen suchten sie unter Hunderten fünf Kommentare heraus, die aus Pillings Sicht strafbar waren, und zeigten sie bei der Staatsanwaltschaft an.
Nur bei zweien davon konnten Pilling zufolge die Klarnamen ermittelt werden. Bei einem der beiden Kommentare sah die Staatsanwaltschaft dann letztlich nur einen ironischen oder sarkastischen Kommentar, der nicht verfolgt wurde.
Nur in einem Fall wurde nach Angaben des Anwalts ein Strafbefehl verhängt, der inzwischen rechtskräftig ist. In diesem Kommentar wurde die Behauptung aufgestellt, dass Unland sein gutes Abi wegen der sexuellen Befriedigung seiner Lehrer erhalten habe.
Der Urheber dieses Kommentars sei den Akten zufolge Anfang 40, habe eine gehobene Leitungsfunktion in einem Unternehmen und sei ukrainischer Staatsbürger. "Und dann haut der so etwas gegen einen 17 Jahre alten Jugendlichen raus, auf einer Plattform, die acht Millionen Follower hat", so Pilling. Eine Entschuldigung habe Unland bislang nicht bekommen.
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Projekt gegen Hate Speech
In Niedersachsen kümmert sich seit 2020 bei der Staatsanwaltschaft Göttingen eine Zentralstelle gegen Hasskriminalität im Internet. Die Zahl der dort eingehenden Anzeigen steigt beständig, wie Oberstaatsanwalt Frank-Michael Laue berichtet: Waren es vom 1. Juli 2021 bis zum 30. Juni 2022 noch 1136 Anzeigen, gingen im vergangenen Jahr zwischen dem 1. Januar und 31. Dezember satte 7209 Strafanzeigen ein.
Nur 20 Prozent der eingegangenen Anzeigen führen zu Anklagen und Strafbefehlen. 30 Prozent werden wegen des Wohnorts der Beschuldigten an Staatsanwaltschaften außerhalb Niedersachsens abgegeben. 45 Prozent der Verfahren - also nahezu die Hälfte - werden jedoch eingestellt.
Im Fall von Dalyan Unland dauerte das Verfahren zwei Jahre. "Das ist eigentlich ein Kampf gegen Windmühlen", sagt Pilling. Er wolle nun Schadensersatzforderungen geltend machen und habe eine Unterlassungserklärung angefordert.
Allerdings könne man sicher sein, dass es mit jedem weiteren Schritt und der Berichterstattung darüber weitere Hasskommentare geben werde, sagt Pilling.
Unland ficht das nicht an. Er sei entschlossen, gegen Hasskommentare zu kämpfen. Er könnte sich vorstellen, systematisch gegen Hate Speech vorzugehen, indem er selbst ein Projekt anschiebt oder auch mit Stiftungen zusammenarbeitet. Das Schlimmste sei, zu schweigen - dadurch würden Hasskommentare erst recht Wirkung entfalten, sagt er.
Titelfoto: Hendrik Schmidt/dpa

