Gastronomen rechnen nach Steuersenkung ab: "War nur ein Traum der Politik"

Leipzig - Endlich wieder günstiger essen gehen? Von wegen. Zu Beginn des Jahres wurde die Mehrwertsteuer in der Gastronomie von 19 auf 7 Prozent gesenkt. Doch in den meisten Restaurants werden die Gäste nichts davon sehen. Gründe dafür gibt es viele, erklären Leipziger Gastronomen.

Henrik Dantz (54) betreibt in Leipzig unter anderem das Barfusz und die Milchbar Pinguin. Er sagt klar, dass die Mehrwertsteuersenkung nicht ausreicht, um die Preise in seinen Lokalen stabil zu halten. (Archivbild)  © Hendrik Schmidt/dpa-Zentralbild/dpa

Henrik Dantz (54) betreibt zahlreiche Lokale in Leipzig, darunter Milchbar Pinguin, Barfusz, Donna und das erst im vergangenen Jahr wiedereröffnete Kaffeehaus "Zum Arabischen Coffe Baum".

"Die Senkung der Mehrwertsteuer auf Speisen war notwendig", sagte er im Gespräch mit TAG24.

Sie helfe zwar dabei, dass man als Betrieb betriebswirtschaftlich stabil agieren könne, dennoch reiche sie nicht aus, um die Erhöhung des Mindestlohns auf mittlerweile 13,90 Euro abzufedern. "Es bleibt eine Differenz."

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In seinen Cafés und Restaurants habe er die Preise noch nicht nach dem Jahreswechsel erhöht, das werde aber im Laufe des Jahres geschehen. Das ist aufgrund der extrem in die Höhe geschossenen Einkaufspreise unumgänglich, so der Gastronom.

Die Mehrwertsteuersenkung helfe also nur bedingt und reicht schon gar nicht aus, die Preise für Speisen zu senken. "Das war nur ein Traum der Politik", macht er deutlich.

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Zusammen mit Sebastian Seifert führt Henrik Dantz auch das Donna in der Leipziger Innenstadt. "Psychologisch ist für uns vor allem wichtig, dass den Worten auch Taten folgen", erklärt Seifert auf Anfrage.  © Silvio Bürger

Alles wird teurer: Lebensmittel- und Getränkepreise ziehen weiter an

Domenico Giorgi ist dankbar über die Steuersenkung - sie ist eine Entlastung, die bitter nötig war.  © Silvio Bürger

"Die ganzen Lebensmittel sind teurer geworden", erklärte auch Domenico Giorgi. Er leitet das italienische Ristorante Paganini.

Da nur Speisen von der Senkung betroffen sind, werde die Gastro vor eine weitere Herausforderung gestellt. Denn vor allem die Brauereien und Getränkelieferanten haben ihre Preise deutlich angehoben.

Die zu zahlende Umsatzsteuer liegt hier weiterhin bei 19 Prozent. Entlastung? Fehlanzeige.

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Die Bundesregierung will mit der Steuersenkung die Gastronomiebranche stärken. Giorgi erklärt, dass er mit dem zusätzlichen Geld gerade mal die immer höher werdenden Unkosten decken kann.

Ohne dieses Zugeständnis hätte es wohl nicht nur für das Fortbestehen seines Restaurants schlecht ausgesehen, da ist er sich sicher.

Unverständnis in der Bevölkerung: "Die Gäste sind alle stinksauer"

Unter anderem das Volkshaus auf der Karl-Liebknecht-Straße gehört zu Carl Pfeiffers Lokalen.  © Silvio Bürger

Vor allem in den sozialen Medien sei ein regelrechter Shitstorm gegen die Gastronomen entfacht, erzählte Carl Pfeiffer TAG24.

"Die Gäste sind alle stinksauer", eben weil die Senkungen nicht an sie weitergegeben werden, so der Besitzer vom Volkshaus, Killiwilly, Café Luise und Kaiserbad.

Ihm ist wichtig klarzustellen, dass die Gastronomen sich keine goldene Nase verdienen wollen. Im Gegenteil, oft ginge es schlichtweg ums Weiterbestehen.

"Wäre die Mehrwertsteuersenkung nicht gekommen, wären die Preise überall dramatisch gestiegen", so Pfeiffer. Das hätte man alleine schon wegen der erheblichen Mehrkosten aufgrund des erneut erhöhten Mindestlohnes nicht umgehen können.

Der Geschäftsführer möchte die Preise in seinen Lokalen weiterhin so günstig halten, wie es irgendwie möglich ist.

Kunden mit zu hohen Rechnungen vergraulen, "das ist das Letzte, was jeder einzelne Dienstleister will".

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Mit den kleinen Kneipen geht auch die Kultur verloren

Auch Annett Selbmann (51) und Peter Kögler (57) freuen sich über die für sie sehr positive Entwicklung. Sie wollen ihren Gästen auch in Form von regelmäßigen Events für die Treue danken.  © Silvio Bürger

Mit seinen knapp 40 Jahren Berufserfahrung ist Peter Kögler (57) ein "alter Hase" im Geschäft.

"Es gibt ja in der Gastro immer Hochs und Tiefs", erzählt er im Gespräch mit TAG24. Zusammen mit Annett Selbmann (51) leitet er das Lokal SchnitzelLiebe Leipzig.

Er betrachtet die Entwicklung in der Gastronomie aktuell mit einem kritischen Auge. Viele "Eckkneipen" schließen. Dabei sind genau das die "Orte, wo Leute zusammenkommen […] Kultur geht dann einfach verloren."

Allein, um dem ein Stück weit entgegenzuwirken, ist die Steuersenkung auf Speisen "natürlich eine Erleichterung für uns alle", so der Gastronom.

Das Duo ist dankbar dafür, denn so ist es ihnen möglich, endlich einige Projekte umzusetzen, die finanziell vorher einfach nicht drin waren. Dazu gehöre auch eine Verschönerung der Außenanlage, um den Gästen auf anderem Weg etwas zurückzugeben.

Die Preise auf ihre Speisen werden zwar nicht gesenkt, sollen aber vorerst stabil bleiben.

In einem sind sich alle befragten Gastronomen einig: Der Schritt der Bundesregierung war richtig und wichtig.

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