Leipzigs Rettungsdienst am Limit: So soll der Tele-Notarzt jetzt helfen
Von Erik-Holm Langhof
Leipzig - Leipzigs Rettungsdienst steht seit Jahren unter Druck. Immer mehr Menschen wählen den Notruf, darunter sind viele Fälle, bei denen nicht zwingend ein Rettungswagen oder Notarzt nötig ist. Die Stadt testet deshalb seit Herbst 2025 neue Ansätze – und zieht nun eine erste Bilanz.
Im Mittelpunkt steht dabei der sogenannte Tele-Notarzt. Seit Januar 2026 sind alle 35 Rettungswagen in Leipzig an das System angebunden. Statt zusätzlich einen Notarzt per Auto zu schicken, kann bei bestimmten Notfällen ein erfahrener Arzt via Videoverbindung zugeschaltet werden.
Vor Ort übermitteln Notfallsanitäter Werte wie Blutdruck, Herzfrequenz oder Sauerstoffsättigung und stimmen die weitere Behandlung mit dem Arzt ab, erklärt Ralph Schröder, Ärztlicher Leiter Rettungsdienst der Stadt Leipzig. Er gehört zur Projektleitung des Testversuchs und ist einer von 15 Ärzten, die daran beteiligt sind.
"Ein klassischer Notarzt fährt etwa bei Reanimationen, schweren Verletzungen oder kritischen Atemproblemen weiterhin physisch an den Einsatzort. Bei anderen Fällen kann der Tele-Notarzt jedoch reichen – etwa zur Medikamentenfreigabe", so Schröder.
Das zweijährige Projekt läuft zunächst bis September 2027 und kostet rund 7,5 Millionen Euro. Finanziert wird es über die Krankenkassen.
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Die erste Bilanz nach rund einem halben Jahr fällt deutlich aus
Laut Schröder wurden seit dem Start bereits mehr als 1600 Tele-Notarzt-Einsätze gezählt, aktuell rund 300 pro Monat. Die Zahl der physischen Notarzt-Einsätze sei in einzelnen Monaten um bis zu 50 Prozent zurückgegangen. "Das ist sehr erfolgreich und wird sehr gut angenommen", sagt Schröder.
Nachteile für Patienten seien nicht festgestellt worden. Nur in weniger als zwei Prozent der Fälle musste nachträglich ein Notarzt per Auto entsandt werden.
Der Tele-Notarzt ist allerdings nur eine von drei Säulen des Modellprojekts. "Wir müssen die Leute heutzutage an die Hand nehmen", sagt Ralph Schröder. "Viele Menschen sind mit dem Gesundheitssystem überfordert und wissen nicht, wann sie die 112, die 116117 oder eine Praxis kontaktieren sollen."
Deshalb fahren nun auch sogenannte Einsatzsichter durch Leipzig. Dabei handelt es sich um Notfallsanitäter, die gezielt zu Einsätzen geschickt werden, bei denen vermutlich keine Krankenhausbehandlung nötig sein wird.
Frequent-User: Über 400 Einsätze allein durch neun Patienten
Die dritte Säule bildet der vorbeugende Rettungsdienst. Dieser kümmert sich unter anderem um sogenannte Frequent-User – Menschen, die den Rettungsdienst besonders häufig alarmieren.
Schröder zufolge hätten allein neun solcher Patienten in Leipzig innerhalb eines Jahres mehr als 400 Einsätze verursacht.
Häufig steckten dahinter jedoch nicht akute medizinische Notfälle, sondern soziale Probleme oder fehlende Hausärzte. Die Betroffenen werden deshalb gezielt aufgesucht, beraten und an passende Hilfsangebote vermittelt.
Wie es nach der Testphase in Leipzig weitergeht, ist noch offen. Die Stadt verhandelt derzeit mit den Krankenkassen über eine Fortsetzung. Für Ralph Schröder ist die Richtung jedoch klar: "Wir wollen natürlich weitermachen."
Titelfoto: Bildmontage: EHL/Erik-Holm Langhof

