Bei diesem Markt-Chef ist Modernes verpönt: Henry Bibow verbreitet viel Nostalgie

Torgau - Manche Weihnachtsmärkte verfügen über ein unverwechselbares Gesicht. Henry Bibow (60) und seine Agentur "Sündenfrei" organisieren in den drei großen Sachsen-Metropolen jeweils einen davon. Der Weihnachtsmarkt-Macher aus Torgau bevorzugt dabei ein Mittelalter-Flair. Nicht zuletzt deshalb, weil er in Deutschland zu den Marktführern bei Ritterspielen und Mittelaltermärkten gehört. Sein Erfolgsrezept klingt in der Theorie recht simpel, ist aber ungleich schwerer in die Praxis umzusetzen.

Henry Bibow (60) hat mit seiner Agentur im Laufe der Zeit für die unterschiedlichsten Events verschiedene Kulissen angefertigt. Die werden liebevoll gepflegt und sind immer wieder einsetzbar - etwa als Krippenfiguren.
Henry Bibow (60) hat mit seiner Agentur im Laufe der Zeit für die unterschiedlichsten Events verschiedene Kulissen angefertigt. Die werden liebevoll gepflegt und sind immer wieder einsetzbar - etwa als Krippenfiguren.  © Steffen Füssel

In der vorigen Woche ging es für Bibow Schlag auf Schlag: Am 23. November eröffnete er die Mittelalter-Weihnacht im Dresdner Stallhof, tags darauf den Kunsthandwerker-Markt am Leipziger Felsenkeller. Und nur einen Tag später hoben sich die Pforten für die mittelalterliche Kloster-Weihnacht in Chemnitz. Am Freitag wiederum eröffnete er im Museumsdorf Hohenfelden (bei Weimar) das Winterdorf 1822.

Bibows Ehrgeiz ist es, die Besucher stets auf eine Zeitreise in die Vergangenheit zu entführen. Dabei achtet er penibel auf kleinste Details. Was zu modern erscheint, etwa Plastik, wird von seinen Märkten verbannt. Bunt blinkende Lichterketten oder dauerdudelnde Lautsprechermusik gibt es bei ihm nicht.

Henry Bibow: "Musik muss schon handgemacht sein. Die Künstler sollen mit ihrem Publikum eine Verbindung aufbauen, um unvergessliche Momente zu schaffen."

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Damit er seine Veranstaltungen immer wieder mit neuen Attraktionen bestücken kann, baute er in den vergangenen 25 Jahren bundesweit ein umfangreiches Netzwerk auf: "Man braucht viele Freunde und ist doch das Mädchen für alles." Viele Krämer, Gaukler oder Kunsthandwerker der historischen Zünfte haben inzwischen verinnerlicht, dass eine Baumarktbude mit ein paar verhüllenden Leinensäcken bei Bibow nicht als "mittelalterlich" durchgeht. Eine Hütte muss mit viel Liebe gebaut sein.

Viele dieser Häuschen lagern auch auf dem großräumigen Firmengelände in Torgau. Neun Mitarbeiter sorgen dafür, dass sie in Schuss bleiben und rechtzeitig zum nächsten Event aufgebaut sind. Rund 50 Veranstaltungen werden jedes Jahr bestückt: etwa das Oster-Ritterturnier an der Loreley, das Albrechtsburgfest in Meißen, das Siegfriedspektakel in Xanten oder die Wallensteintage in Stralsund.

"Musik muss handgemacht sein!", sagt Henry Bibow.
"Musik muss handgemacht sein!", sagt Henry Bibow.  © Jürgen Männel

Auf den Märkten sollen auch Kinder ihren Spaß haben

Mittelalterlich wirkende Weihnachtshäuschen im Dresdner Stallhof.
Mittelalterlich wirkende Weihnachtshäuschen im Dresdner Stallhof.  © imago/ddbd

Zum Großveranstalter wurde Bibow eher zufällig. Nach dem Abitur in der DDR lernte er Schlosser, um danach an der Humboldt-Uni Kulturwissenschaften zu studieren. Als er nach der Wende den Mittelaltermarkt auf der Burg Rabenstein besuchte, sprang der Funke über.

Bibow: "Zunächst arbeitete ich in dieser Szene in der Gastronomie, später als Gaukler." Mitte der 1990er-Jahre organisierte er sein erstes Spektakel in Gauernitz bei Meißen.

Es brauchte einige Jahre, bis ein Rädchen ins andere griff. Inzwischen ist es notwendige Routine, dass spätestens eine Stunde vor Veranstaltungsbeginn das letzte Auto das Gelände zu verlassen hat. Möglichst alles sollte an frühere Zeiten erinnern.

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"Natürlich ist es dann ärgerlich, wenn eine Pauschalkraft eine protzige Digitaluhr trägt oder Marken-Sportschuhe. Wie Don Quijote kämpfe ich gegen Windmühlen, aber gebe nicht auf", erklärte er.

Vor allem möchte er Familien mit Kindern anlocken, um auch historische Inhalte zu vermitteln. So zahlt auch immer nur das erste Kind Eintritt, weitere kommen kostenlos hinein.

"Ich mache so lange, bis jeder Junge ein Holzschwert und jedes Mädchen einen Haarreif hat." Deshalb denkt er nicht ans Aufhören - die Arbeit bereitet ihm viel zu große Freude.

Bei Besuchern äußerst beliebt ist die Möglichkeit, ein Erinnerungsfoto als Ritter zu erstellen.
Bei Besuchern äußerst beliebt ist die Möglichkeit, ein Erinnerungsfoto als Ritter zu erstellen.  © Jürgen Männel

Bibows Märkte haben einen ganz besonderen Charme

Nach dem Weihnachtsmarkt schließen sich im Stallhof die Rauhnächte an - ebenfalls von der Agentur Sündenfrei organisiert.
Nach dem Weihnachtsmarkt schließen sich im Stallhof die Rauhnächte an - ebenfalls von der Agentur Sündenfrei organisiert.  © imago/ddbd

Obwohl die Zeiten der Pandemie mit Lockdowns und Veranstaltungsverboten tiefe Wunden in die Branche geschlagen haben. Viele wertvolle Mitstreiter, die mit ihren Künsten für Leben auf den Märkten sorgten, mussten aus Existenznot das Handtuch werfen.

Derzeit ist es schwierig, die entstandenen Lücken wieder in entsprechender Qualität zu füllen - auch auf den Weihnachtsmärkten.

Weil es im Advent früh dunkel wird, ist die Beleuchtung dort eine besondere Herausforderung. Sicher lässt sich mit Feuer, Fackeln und Kerzen eine herrliche Stimmung erzeugen. Doch die Händler wollen selbstverständlich auch ihre Waren ins rechte Licht gerückt wissen. Ein Kompromiss musste her.

Bibow: "Wir benutzen ausschließlich Glühlampen mit einer Farbtemperatur von 2700 Kelvin. Das ist ein besonders warmes Licht und schafft eine anheimelnde Atmosphäre." Auf Lichtschläuche wird bewusst verzichtet.

Auch nach Weihnachten ist für den Marktmacher noch nicht Schluss. So werden im Dresdner Stallhof bis zum 6. Januar die "Rauhnächte" zelebriert. Und der Terminkalender für das kommende Jahr ist auch schon wieder prall gefüllt.

Titelfoto: Montage: Steffen Füssel; IMAGO/ddbd

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