Der Fall Ole H.: Wenn Security zur Gefahr für psychisch kranke Jugendliche wird
Magdeburg - Zwei Sicherheitsmitarbeiter müssen sich in Magdeburg vor Gericht wegen des Vorwurfs der gefährlichen Körperverletzung an einem 14-jährigen "Systemsprenger" verantworten. Die Frage wird laut: Warum werden Sicherheitsdienste überhaupt mit der Betreuung psychisch kranker Jugendlicher betraut?
Der Fall Ole H. aus Magdeburg lässt aufhorchen: Seit der Junge 13 ist, wird er rund um die Uhr von Sicherheitsleuten betreut. "Wir sind alle vier nicht mehr gegen ihn angekommen", erklärt Oles Schwester die damalige Familiensituation in der "exactly"-Reportage vom MDR.
Der heute 17-Jährige war schon früh auffällig. Manchmal sei er "wie von Sinnen" beschreibt die Familie sein Verhalten. 2020 müssen sie das erste Mal die Polizei rufen. "Wir waren hilflos", setzt seine Schwester fort.
Es folgten verschiedene Diagnosen, darunter eine Störung des Sozialverhaltens und multiple Tic-Störungen. Nach einer langen Odyssee in verschiedenen Einrichtungen landet Ole letztendlich wieder in einer Klinik in Magdeburg, wo er dauerhaft von Security-Kräften betreut wird.
Klinikdokumentationen, die "exactly" vorliegen, weisen darauf hin, dass Ole vielfach fixiert wurde. Immer wieder kommt es zu körperlichen Überwältigungen nach Bagatellen. 2023 kommt es dann zu dem fraglichen Vorfall.
Ole randaliert in seinem Zimmer und soll auf den Boden uriniert haben. Nachdem er in die Richtung der Sicherheitsleute spuckt, bringen diese ihn zu Boden und fixieren ihn in einem eigenen Urin. "Hoffe, du hast daraus gelernt", soll einer der Männer laut Protokoll zu Ole gesagt haben.
Später wird der damals 14-Jährige erneut auffällig. Dieses Mal wird er von den Security-Mitarbeitern aus seinem Bett gezogen. Hierbei schlägt er mit dem Kopf auf dem Boden auf und blutet in weiterer Folge stark aus dem Mund. Er wird dennoch weiter auf den Boden gedrückt. Die pädagogischen Kräfte sollen versucht haben einzugreifen, um Ole zu schützen.
Über Verletzungen durfte nicht gesprochen werden
Professor Menno Baumann, Experte auf dem Gebiet der Intensivpädagogik und Gewaltforschung, warnt: "Ungesteuerter Security-Einsatz in der Jugendhilfe birgt ein extremes Risiko für Machtmissbrauch. Das ist potenzielle Kindesmisshandlung."
"Er hatte immer Angst vor den Securitys. Das hat er uns auch jedes Mal gesagt", erinnert sich Oles Schwester zurück. Zu diesem Zeitpunkt kann sich die Familie nicht erklären, woher diese Angst kommt. Sie bemerken jedoch immer wieder Verletzungen, darunter auch einen Armbruch, an Ole. Angaben der Einrichtung zufolge habe sich der Jugendliche diese selbst zugefügt.
Oles Eltern fühlen sich von der Jugendhilfe schlecht behandelt. Sie dürfen ihren Sohn zudem nicht zu Verletzungen befragen, er selbst darf nicht über diese reden. "Das spricht Bände", so Mama Christin.
Sicherheits-Mitarbeiter fehlt nötige Qualifikation
Die Klinik selbst möchte sich nicht zu der Situation äußern. Eine ehemalige pädagogische Betreuerin von Ole sowie eine Therapeutin des Jungen sprechen zudem von fehlenden Qualifikationen, mangelnder Kontrolle und Überforderung bei den Sicherheitsleuten.
"Ich fand das immer menschenunwürdig", so Alina Berg, eine ehemalige Betreuerin, über die damaligen Zwischenfälle. "Die sind eingeschritten, wann immer sie wollten."
Bei einer Recherche stellt das Team von "exactly" fest, dass der zuständige Jugendhilfeträger mit Sitz in Köln aus einer Securityfirma hervorging.
Wurde in den sogenannten "Systemsprengern" nur ein lukratives Geschäft gesehen? Bislang wollte sich der Träger jedoch nicht zu den Verfällen und Vorwürfen äußern.
Die komplette Reportage "Der Fall Ole – Wie Security in der Jugendhilfe zur Gefahr wird" seht Ihr jederzeit auf Abruf in der ARD-Mediathek.
Titelfoto: MDR/Rumara

