"Weg von der Schuld, hin zur Verantwortung": Sächsischer Ex-Gefängnis-Leiter im Interview

Leipzig - 15 Jahre lang war Thomas Galli (46) im Strafvollzug tätig, leitete von 2013 bis 2016 die Justizvollzugsanstalt Zeithain. 2015 übernahm er außerdem für sechs Monate die Leitung der JVA Torgau. Vor fast drei Jahren kehrte der 46-Jährige dem Gefängnis den Rücken und spricht sich heute für eine Reform des Strafvollzugs aus. Galli arbeitet als Rechtsanwalt in Augsburg. Am 21. August erscheint sein neues Buch "Endstation Knast". TAG24 hat mit dem "Gefängnis-Kritiker" gesprochen.

Thomas Galli (46) ist promovierter Jurist, studierte außerdem Psychologie und Kriminologie.
Thomas Galli (46) ist promovierter Jurist, studierte außerdem Psychologie und Kriminologie.

TAG24: Herr Galli, in Ihrem Buch beleuchten Sie anhand erlebter Anekdoten das "System Gefängnis". Was war Ihre Motivation?

Thomas Galli: Ich wollte mit diesen Geschichten zum Nachdenken anregen. Und dass bestimmte Grundannahmen, die fast jeder hat, der nicht in dem Bereich Strafvollzug arbeitet, infrage gestellt werden.

TAG24: Sie kritisieren viele Vorgänge, die im Strafvollzug in Deutschland vorgeschrieben sind.

Thomas Galli: Es gibt relativ viele Vorgaben und Regeln, die im Einzelnen nicht sinnvoll sind. Ein ganz plakatives Beispiel sind die Lockerungen, also ob ein Häftling mal für ein paar Stunden oder später auch für ein paar Tage die Anstalt verlassen darf. Das ist ganz eng geregelt. Deswegen bekommen nur sehr wenige Gefangene diese Lockerungen, weil man natürlich letztlich bei keinem eine Gefahr total ausschließen kann. Wenn dann irgendetwas passiert, gerät die Politik unter Druck, es wird zum Skandal. Aber anders betrachtet, ist es Unsinn, wenn man Gefangene, die sowieso in sechs Monaten oder einem Jahr wieder vollkommen in Freiheit sind, keinen Tag oder keine Stunde vorher rauslässt. So sorgt man dafür, dass viele draußen noch schwerer auf die Beine kommen und eventuell wieder rückfällig werden."

Die JVA Zeithain - hier war Thomas Galli von 2013 bis 2016 Leiter.
Die JVA Zeithain - hier war Thomas Galli von 2013 bis 2016 Leiter.  © Eric Münch

TAG24: Wie sollte der Strafvollzug Ihrer Meinung nach aussehen?

Thomas Galli: Wir können keine Patentlösung konstruieren. Man kann nicht jeden Straffälligen davon abbringen, dass er wieder Straftaten begeht. Aber wir können eine höhere 'Erfolgsquote' erreichen, indem wir weggehen von diesem symbolischen und kurzfristigen Denken. Momentan ist es so: Jemand verbüßt eine Haftstrafe über eins, zwei, drei Jahre und solange ist die Öffentlichkeit vor demjenigen sicher. Was danach passiert, wird nicht hinterfragt. Wir müssen anfangen, langfristiger zu denken und wenn möglich noch einen stärkeren Schwerpunkt darauf zu legen, mit Straffälligen so umzugehen, dass sie künftig keine Straftaten mehr begehen. Dann ergibt es allerdings in vielen Fällen keinen Sinn, sie in geschlossene Einrichtungen zu stecken. Viele der Gefangenen haben auch Kinder - und dann sitzt der Vater im Knast. Da geht das Leid ja schon weiter, die Wahrscheinlich ist größer, dass das Kind auch auf die schiefe Bahn kommt und ausgegrenzt wird.

Zeithain, wo ich tätig war, ist ja noch eine relativ kleine Anstalt mit knapp 400 Insassen. Doch es gibt auch Einrichtungen mit viel mehr Häftlingen. Alle zusammen über Jahre auf engstem Raum in einer geschlossenen Einrichtung. Da kann nichts Vernünftiges rauskommen.

TAG24: Wie könnte man das ändern?

Thomas Galli: Wir bräuchten Ansätze, wo man in einem lebensnäheren Kontext mit den Häftlingen arbeitet und in kleineren Einheiten. So eine Art Wohngruppen, die auch absolut sicher sein können. Wo eine individuelle Betreuung der Leute stattfindet und sie nicht total herausgerissen werden aus der Realität, in die sie ja danach sowieso wieder reinkommen. Diese Menschen haben ja in ganz vielen Bereichen Probleme - keine Ausbildung, Sucht, Gewalt. Und da müsste man eine individuell zugeschnittene Behandlung entwickeln. Eher weg vom Prinzip der Schuld und hin zum Prinzip der Verantwortung.

Am heutigen Mittwoch, den 21. August, erscheint "Endstation Knast", das neue Buch von Thomas Galli.
Am heutigen Mittwoch, den 21. August, erscheint "Endstation Knast", das neue Buch von Thomas Galli.  © Münchner Verlagsgruppe

TAG24: Mit dieser Meinung stoßen Sie bei einigen Bürgern sicher auch auf Unverständnis - fehlen die Informationen?

Thomas Galli: Es müsste mehr Transparenz herrschen. Viele Menschen bekommen ja nicht mehr mit, als das, was über die Justiz berichtet wird. Das führt aber auch dazu, dass viele Leute die falschen Vorstellungen haben. Wir können keinen Straftäter bis zum Lebensende wegsperren, das geht nicht in einem humanen Rechtsstaat. Deshalb müssen wir überlegen: "Was kann man tun, damit er keine Straftaten mehr begeht?" Man muss das in der Relation sehen - der Großteil der Häftlinge verbüßt Strafen von zwei bis drei Jahren wegen Drogenkriminalität oder Ähnlichem. Und die kann man dann nicht in der Haft bestrafen, wenn sie weitermachen, weil sie gar nicht anders können. Weder wird dadurch dem Gefangenen selber geholfen, noch der Allgemeinheit. Die hat bloß die Kosten. Natürlich gibt es aber auch schwerst kriminelle Gefangene, die müssen zur Sicherheit der Allgemeinheit eingesperrt sein.

TAG24: Wie haben Sie sich während Ihrer Arbeit von solchen Straftätern abgegrenzt?

Man hat dort mit Menschen zu tun, die schlimme Sachen getan haben. Das muss man irgendwie verarbeiten. Aber ich glaube, man könnte besser damit umgehen, wenn man zumindest das Gefühl hat, dass das, was man mit diesen Menschen tut, sinnvoll ist. Wenn man mitbekommt, wie vieles sinnlos oder sogar schädlich ist, was man mit den Straftätern tut, muss man sich auch noch gegen diese Seite irgendwie abgrenzen. Das macht es unterm' Strich sehr schwierig.

TAG24: Wie ist die allgemeine Reaktion auf Ihre Kritik am "System Gefängnis" ?

Thomas Galli: Ich habe nie den Eindruck, dass Leute, mit denen ich mich näher auseinandersetze, den Kopf schütteln. Dieser Grundgedanke, dass man vieles hinterfragen muss, der ist konsenzfähig. Wenn ich als Anwalt Gefangene vertrete, merke ich schon manchmal, dass die Anstaltsleitung mit oft nicht freundlich gesinnt ist. Die nehmen mich vielleicht als eine Art "Nestbeschmutzer" wahr. Von den Beamten aber, die auch den nahen Kontakt mit den Gefangenen haben, sehen es viele genauso wie ich. Ich erlebe das, was ich jetzt mache, als sinnvoll. Auf Lesungen, Diskussionen und Vorträgen merke ich: Die Menschen sind aufgeschlossen und bereit, Dinge zu überdenken. Es kostet natürlich Aufklärungsarbeit.

TAG24: Wie kann man in Zukunft Straftaten verhindern?

Thomas Galli: Wir können das Böse nie aus der Menschheit beseitigen, aber wir können versuchen, es zu reduzieren. Ich glaube, dafür muss man versuchen, soweit es eben geht, zu verstehen, warum jemand eine Straftat begangen hat. Das ist nicht das gleiche wie dafür Verständnis zu zeigen. Je besser wir das verstehen, desto eher können wir es künftig verhindern.

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