EU berät über Zukunft der Atomenergie: Kommen jetzt neue Kernkraftwerke?

Brüssel (Belgien) - Während in Deutschland keine Meiler mehr am Netz sind, wird andernorts an der atomaren Renaissance gearbeitet. Nun wollen rund 30 Staats- und Regierungschefs darüber diskutieren. Und über Klimaschutz.

Belgiens Premierminister Alexander De Croo (48, l.) und IAEA-Chef Rafael Grossi (63) nehmen am ersten Atomenergie-Gipfel in Brüssel teil.
Belgiens Premierminister Alexander De Croo (48, l.) und IAEA-Chef Rafael Grossi (63) nehmen am ersten Atomenergie-Gipfel in Brüssel teil.  © Nicolas Maeterlinck/BELGA/dpa

Bei der Frage zur Zukunft der Atomenergie geht ein Riss durch Europa. Während in Deutschland im April 2023 der einst von CDU und CSU (mit-)beschlossene Atomausstieg mit leichter Verzögerung umgesetzt wurde, gehen andere Mitgliedstaaten der Europäischen Union (EU) einen anderen Weg.

Am Donnerstag wollen nun in Brüssel diverse Staats- und Regierungschefs über die aus ihrer Sicht gegebene Relevanz der Atomkraft sprechen - auch für den Kampf gegen den Klimawandel.

Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) und die derzeitige EU-Ratspräsidentschaft Belgien laden zu dem Treffen.

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"Es geht nicht darum, einfach die Atomenergie zu feiern", sagte IAEA-Chef Rafael Grossi (63) am Mittwoch. Es gehe darum, Themen im Kontext der Beibehaltung oder des Ausbaus von Atomkraft zu besprechen - etwa die Frage, wie AKW-Projekte leichter finanziert werden könnten.

Es sei eine Veranstaltung, die ausdrücke, dass die Kernenergie angesichts des steigenden Energiebedarfs "ein Teil des Puzzles" ist, sagte Belgiens Premierminister Alexander De Croo (48) jüngst.

Wer nimmt an dem Atomgipfel in Brüssel teil?

Rund 30 Staats- und Regierungschefs diskutieren derzeit in Brüssel über den Ausbau der Atomenergie.
Rund 30 Staats- und Regierungschefs diskutieren derzeit in Brüssel über den Ausbau der Atomenergie.  © KENZO TRIBOUILLARD/AFP

Neben De Croo werden mehr aber als 30 weitere Staats- und Regierungschefs erwartet, die an der Kernkraft festhalten wollen. Unter anderem der französische Präsident Emmanuel Macron (46), sein finnischer Kollege Petteri Orpo (54), aus Tschechien Petr Fiala (59) und aus Ungarn Viktor Orban (60).

Erwartet werden auch EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (65) sowie EU-Ratspräsident Charles Michel (48). Deutschland sitzt nicht mit am Tisch.

Das Bundesumweltministerium gibt sich betont gelassen: "Dass es unter den EU-Mitgliedstaaten bezüglich der Atomkraftnutzung unterschiedliche Sichtweisen gibt, ist bekannt und wird gegenseitig respektiert", sagte ein Sprecher. Deutschland habe mit seinem Ausstieg den Kreis der atomkritischen EU-Mitgliedstaaten gestärkt.

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Aktuell werden in zwölf der 27 Mitgliedstaaten Atommeiler betrieben, in der Slowakei und in Frankreich befinden sich gar zwei neue Kernkraftwerke in Bau. Als Reaktion auf die geänderten Rahmenbedingungen infolge des Ukraine-Kriegs hat Belgien den beschlossenen Ausstieg auf 2035 verschoben, Spanien hält am Ausstieg fest.

Die mit Abstand meisten Meiler gibt es in Frankreich. Auch Polen beabsichtigt ein Kernenergieprogramm neu zu starten, Tschechien plant ebenfalls den Neubau von Meilern, wie viele, ist noch unklar.

Trotz Atomausstieg in Deutschland: Rufe nach Wiedereinstieg

Trotz des vollzogenen Atomausstiegs gibt es Rufe nach einem Wiedereinstieg. (Archivbild)
Trotz des vollzogenen Atomausstiegs gibt es Rufe nach einem Wiedereinstieg. (Archivbild)  © Sina Schuldt/dpa

CDU und CSU machen sich für einen Wiedereinstieg in die Atomenergie ebenso stark wie FDP und AfD. Dagegen betonen SPD und Grüne, dass die Atomkraft keine Zukunft hat und vielmehr der Ausbau der erneuerbaren Energien auch aus Kostengründen vorangetrieben werden müsse.

Kanzler Olaf Scholz (65, SPD) erklärte im vergangenen Jahr, wer neue Atomkraftwerke fordere, verkenne die langen Bauzeiten, die hohen Kosten und eine Fertigstellung "irgendwie Ende der 30er-Jahre mit Strompreisen, die beim Doppelten bis Dreifachen dessen liegen, was wir bezahlen müssen mit den erneuerbaren Energien, die wir dann längst flächendeckend ausgebaut haben".

Aus dem Wirtschaftsministerium hieß es zudem, dass der Atomausstieg keine negativen Auswirkungen auf die Versorgungssicherheit in Deutschland hatte.

Das Umweltministerium betonte: "Der Atomausstieg macht unser Land sicherer, die Risiken der Atomkraft sind letztlich unbeherrschbar."

Welche Erwartungen verbinden die Befürworter mit der Atomkraft?

Derzeit sind laut IAEA weltweit 415 Atomreaktoren in Betrieb. Befürworter der Atomenergie hoffen auf Zuwachs.
Derzeit sind laut IAEA weltweit 415 Atomreaktoren in Betrieb. Befürworter der Atomenergie hoffen auf Zuwachs.  © Sameer Al-Doumy/AFP

Die Internationale Energieagentur (IEA) misst der Kernkraft beim Klimaschutz eine Schlüsselrolle zu. Bei der Weltklimakonferenz Ende vergangenen Jahres hatten zudem rund 20 Staaten angekündigt, zum Wohle des Klimas die Energieerzeugung aus Atomkraft hochschrauben zu wollen.

Bis zum Jahr 2050 sollten die Kapazitäten verdreifacht werden, hieß es in einer Erklärung, die unter anderem von Frankreich und den USA unterzeichnet wurde. Auch Kanada, Japan, Großbritannien und andere europäische Länder schlossen sich dem Pakt an.

Dafür müsste die aktuelle Kapazität von gut 370 Gigawatt um etwa 740 GW ausgebaut werden. Die IEA hat jedoch darauf hingewiesen, dass die Gesamtleistung aller im Bau befindlichen und geplanten Reaktoren dazu bei Weitem nicht ausreicht.

Warum ist Atomkraft umstritten?

"Nukleares Märchen = Klimakrise": Als Märchencharaktere verkleidet demonstrierten Atomenergie-Gegner samt aufblasbarem Schloss in Brüssel.
"Nukleares Märchen = Klimakrise": Als Märchencharaktere verkleidet demonstrierten Atomenergie-Gegner samt aufblasbarem Schloss in Brüssel.  © Eric Lalmand/belga/dpa

Vor allem wegen der hohen Risiken, wie die Reaktorkatastrophen im damals zur Sowjetunion gehörenden Tschernobyl und im japanischen Fukushima gezeigt haben.

Experten sagen zudem, dass ohne staatliche Subventionen die Kosten niemals wirtschaftlich seien.

Da die Uranvorkommen auch endlich sind, erwarten Fachleute auch hier stark steigende Preise und wegen der langen Bauzeiten der Meiler sei die Technologie nicht geeignet, im Kampf gegen die Klimakrise etwas zu bewirken.

Welche Gefahr von Atomenergie ausgeht, ist spätestens seit der Katastrophe in Fukushima im Jahr 2011 bekannt. (Archivbild)
Welche Gefahr von Atomenergie ausgeht, ist spätestens seit der Katastrophe in Fukushima im Jahr 2011 bekannt. (Archivbild)  © Jiji Press/AFP

Hinzu kommt die nicht gelöste Frage der Endlagerung des radioaktiven Abfalls.

Titelfoto: Montage: Sina Schuldt/dpa, Nicolas Maeterlinck/Belga/dpa, Sameer Al-Doumy/AFP

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