Wichtigster Ost-Politiker in der CDU: "Ich halte nicht viel von Klischees über die Menschen im Osten"

Berlin - Kennt Ihr Mario Czaja? Wenn nicht, dann wird es Zeit, ihn kennenzulernen! Denn: Seit Ende Januar ist der 47-Jährige bereits Generalsekretär der CDU. Wir haben uns mit dem gebürtigen Ost-Berliner getroffen, um mit ihm über die Neuausrichtung seiner Partei, Vorzeige-"Ossis", Parteichef Friedrich Merz (66) und die Klima-Kleber zu sprechen.

CDU-Generalsekretär Mario Czaja (47) im TAG24-Interview.
CDU-Generalsekretär Mario Czaja (47) im TAG24-Interview.  © Christian Kielmann

TAG24: Herr Czaja, nach eigener Aussage ist Politik Ihre Leidenschaft. Was macht die politische Arbeit denn so besonders?

Mario Czaja: Das Besondere an Politik ist, dass man die Chance bekommt zu gestalten und für Menschen und die Gemeinschaft da zu sein. Man bekommt die Möglichkeit, sich mit vielen unterschiedlichen und oft sehr praxisnahen Themen zu beschäftigen. Ich bin in die Politik gegangen, weil ich etwas verändern, die Welt ein bisschen besser machen wollte.

TAG24: Womit beschäftigen Sie sich aktuell?

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Czaja: Ein wichtiges Thema der letzten Wochen war das Bürgergeld. Als Union ging es uns vor allem darum, das bewährte Prinzip von Fördern und Fordern beizubehalten. Das ist letztlich dank unserer klaren Kante und nach intensiven Verhandlungen gelungen.

Ein weiteres wichtiges Thema ist die Energieversorgung und die Frage, wie wir die Preise für Strom und Gas für die Menschen, aber auch für die Unternehmen bezahlbar halten. Aber auch in meiner Partei gibt es viel zu tun – aktuell erarbeiten wir gerade ein neues Grundsatzprogramm.

Mario Czaja, der "Vorzeige-Ossi"?

Politikredakteur Paul Hoffmann (30) sprach in Berlin mit dem CDU-Generalsekretär.
Politikredakteur Paul Hoffmann (30) sprach in Berlin mit dem CDU-Generalsekretär.  © Christian Kielmann

TAG24: Berlin ist Ihre Heimatstadt, Marzahn Ihr Kiez. Ist Mario Czaja eigentlich ein perfektes Beispiel dafür, dass es auch "Ossis" im vereinigten Deutschland mittlerweile schaffen können?

Czaja: Ich halte nicht viel von Klischees über die Menschen im Osten. Für die Generation meiner Eltern, die 1989/90 nochmal ihr berufliches und oft auch privates Leben komplett neu aufbauen und sortieren mussten, war der Übergang nicht leicht.

Es ist bis heute so, dass viele dieser Menschen nicht in Führungspositionen gekommen sind. Ich kann verstehen, dass sich viele daher mit ihrer Lebensleistung nicht adäquat vertreten fühlen und für sich persönlich wahrnehmen, dass man als Ostdeutscher weniger Chancen auf Verantwortung bekommt.

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TAG24: Sorgen sind ok, aber wo hören die auf? Wann ist die Grenze erreicht, bei der man sagen muss: "Jetzt mach mal selber was dafür, dass Du Anerkennung erfährst!"?

Czaja: Sie sprechen ein grundsätzliches Problem an. 33 Jahre nach dem Fall der Mauer müssen wir uns insgesamt die Frage gefallen lassen, ob die Lebensleistung ostdeutscher Menschen, ihr Mut und ihre Errungenschaften, die zur Deutschen Einheit führten, hinreichend gewürdigt werden. Zu oft wurde bei Menschen der Eindruck hinterlassen, dass die Gesellschaft sie zurücklässt.

Ich sehe da auch meine Partei in der Pflicht, das Gespräch zu suchen und Möglichkeiten zu eröffnen, mitzureden und mitzugestalten. Wir wollen wieder Mitmachpartei werden und wollen auch jenen mehr Gehör verschaffen, die zuletzt wenig Aufmerksamkeit erfahren haben.

TAG24: Und was ist mit den Menschen, die es zu zweifelhaften Protesten auf die Straße zieht?

Czaja: Protest gehört in einer Demokratie dazu. Auf die Straße zu gehen, wenn einem die Politik nicht passt, ist jedermanns Recht. Man muss dabei aber enorm achtgeben, von wem dieser Protest initiiert und in konkreten Fällen auch missbraucht wird und mit wem man sich da abgibt. Deshalb der Wunsch und die Aufforderung von mir an jeden, der gesellschaftlichen Protest zeigen möchte: Schauen Sie genau hin, mit wem Sie mitlaufen.

Auch sollten Sie sich bei Verärgerung über gesellschaftliche Prozesse und Entwicklungen immer fragen, wie die Dinge in der Praxis wirklich zu ändern sind. Das geht dann doch zumeist in Parteien oder gesellschaftlichen Organisationen besser. Denken Sie daran: Die Welt ist offen, wir haben ein freies Land und jeder hat die Chance, sich einzubringen. Aber nicht jede einfache Antwort ist auch eine Lösung.

Czaja: "Friedrich Merz hat sehr klar zum Ausdruck gebracht, dass er die CDU als Team versteht"

CDU-Chef Friedrich Merz (66) ist bei jungen Menschen längst nicht mehr unumstritten.
CDU-Chef Friedrich Merz (66) ist bei jungen Menschen längst nicht mehr unumstritten.  © Carsten Koall/dpa

TAG24: Apropos "Mitmachpartei": Wie steht es eigentlich um das neue Gesicht, was sich Ihre Partei geben will?

Czaja: Die CDU hat seit gut neun Monaten einen neuen Vorsitzenden …

TAG24: Um den sich ja schon so was wie eine Art Personenkult rankt …

Czaja: Finden Sie? Ich finde das nicht! Friedrich Merz hat sehr klar zum Ausdruck gebracht, dass er die CDU als Team versteht. Die Mitglieder unseres Präsidiums und Bundesvorstands stehen für viele unterschiedliche Themen.

TAG24: Und wann bekommen wir konkrete Ergebnisse präsentiert?

Czaja: Kontinuierlich. Wir erarbeiten Positionen, machen Lösungsvorschläge und bringen uns in Debatten ein. Und wir laden unsere Mitglieder ein, sich an diesem Prozess zu beteiligen.

Wie erklären Sie sich eigentlich das Phänomen, dass Ihr Parteichef bei immer mehr jungen Menschen zu einer Art Persona non grata geworden ist?

Czaja: (Lacht) Ich weiß nicht, welche jungen Menschen Sie da kennen wollen … Mal im Ernst: Das scheint mir wieder so eine Klischee-Unterstellung zu sein, die – offen gesagt – haltlos ist. Friedrich Merz ist es gelungen, die Union in kurzer Zeit wieder an die Pole-Position zu führen. Das ist gut. Aber sie haben natürlich recht, wir haben in der Gruppe der jungen Wähler, insbesondere bei der letzten Bundestagswahl, nicht die Zustimmung erhalten, die wir uns gewünscht hätten. Grüne und FDP waren da die beiden bestplatzierten Parteien.

Czaja: "Ich erlebe auf beiden Seiten Enttäuschung"

Mario Czaja nimmt den Finanzminister ins Visier.
Mario Czaja nimmt den Finanzminister ins Visier.  © Christian Kielmann

TAG24: Stimmt.

Czaja: Aber da erlebe ich auf beiden Seiten Enttäuschung. Die, die Grün gewählt haben, beschweren sich über die Technologieverbohrtheit und -feindlichkeit der Partei. Erst unlängst traf ich einen jungen Mann, der sich bei Fridays for Future engagiert und nun der Jungen Union beigetreten ist. Ihn stört vor allem die Technologiefeindlichkeit, mit der die Grünen den Klimaschutz angehen.

Bei der FDP sorgt vor allem Christian Lindner für Enttäuschung, der als Finanzminister, die höchste Verschuldung seit dem Zweiten Weltkrieg zu verantworten hat. All die Fragen der Zukunftssicherung und der Rentensysteme hat er beiseitelegt und meint, dass das ja keine so große Rolle spielt.

TAG24: Aber wenn jetzt Christian Lindner nicht für die höchste Neuverschuldung seit dem Zweiten Weltkrieg sorgen würde, dann könnten viele der von Ihnen erwähnten jungen Menschen schon bald nicht mehr ihre Rechnungen bezahlen, oder?

Czaja: Christian Lindner hat vor allem aber Geld für Wohlfühlprojekte der Koalitionspartner ausgegeben, die nicht nachhaltig waren. Denken Sie mal an das 9-Euro-Ticket. Das war für den einen oder anderen eine ganz spaßige Sache, hat aber weder zu weniger Autoverkehr geführt noch zu einer Entlastung für Berufspendler und 2,5 Milliarden Euro gekostet.

Der Tankrabatt, der Entlastung bringen sollte, war handwerklich so schlecht gemacht, dass vor allem die großen Mineralölkonzerne, nicht aber die Bürgerinnen und Bürger davon profitiert haben. Auch das hat nochmal 3,5 Milliarden Euro gekostet. Und der "Doppel Wumms", diese 200 Milliarden Euro, sind zunächst als Neuverschuldung von Christian Lindner aufgenommen worden, ohne nur ein einziges Projekt zu hinterlegen.

Am morgigen Sonntag lest Ihr, wie die CDU mit den Klima-Klebern umgehen möchte.

Titelfoto: Christian Kielmann

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