Linken-Bundestagsabgeordnete spricht Klartext: "Wohnen ist die soziale Frage unserer Zeit"
Dresden - Während sich die drei sächsischen Großstädte zu Metropolen mausern, wachsen auch im Umland die Wohnkosten stetig. Dabei mehren sich auch hierzulande die Berichte über immer windigere (Groß-)Vermieter. Das Dresdner Amtsgericht gab zuletzt Hunderten Mietern recht, die gegen Maschen von Vonovia vorgingen. Dresdens Linken-Bundestagsabgeordnete Clara Bünger (39) bezeichnet das als "Mietmafia". Die in Freiberg aufgewachsene Volljuristin arbeitete jahrelang auch für solche Großkanzleien, die Mandanten wie Vonovia verteidigen würden. Gleichzeitig engagiert sich ihre Partei wie keine andere in Deutschland für Mieter: Die Linke bietet kostenlose Heizkosten-Checks, prüft Mietwucher, schreibt beharrlich Gesetzesentwürfe. Grund genug, mit der Vize-Fraktionsvorsitzenden ins Gespräch zu kommen.
TAG24: Frau Bünger, wie wohnen Sie eigentlich?
Clara Bünger: Zur Miete. Ich habe noch nie in einem Eigenheim gewohnt. Mir ist das wichtig, weil man die Perspektive der Menschen nur versteht, wenn es auch die eigenen Probleme sind. Ich habe in Berlin anderthalb Jahre eine Wohnung gesucht und sie nur durch Zufall bekommen. Wohnen darf nicht vom Glück abhängen. In Dresden wohnen rund 82 Prozent der Menschen zur Miete. Das betrifft also die große Mehrheit.
TAG24: Viele Mieter haben Angst vor ihrem Vermieter. Zu Recht?
Bünger: Als Juristin würde ich sagen: eigentlich nicht. Aber wenn sich Unternehmen nicht immer an Recht halten, dann ist diese Angst verständlich. Deshalb ist Vernetzung so wichtig. Viele merken erst in unseren Versammlungen: Ich bin nicht allein. Und es ist nicht meine Schuld. Wohnen ist die soziale Frage unserer Zeit - und man muss sich dagegen gemeinsam wehren.
TAG24: Warum?
Bünger: Weil sich daran entscheidet, ob das Leben planbar ist. Viele Menschen geben fast die Hälfte ihres Einkommens für die Miete aus, gleichzeitig steigen Energiepreise und Lebenshaltungskosten. Und dann kommen große Konzerne wie Vonovia oder Berlinhaus in diesen Markt und versuchen, möglichst viel Rendite herauszuholen. Das ist eine gefährliche Entwicklung.
Über Jahre falsche Abrechnung: Fehler oder System?
TAG24: Welche Rolle spielt Vonovia konkret in Dresden?
Bünger: Eine sehr große. Der Konzern besitzt hier rund 43.000 Wohnungen, etwa 15 Prozent des Marktes. Das ist enormer Einfluss. Und wir erleben an den Haustüren, was das bedeutet: Menschen werden weiter belastet, obwohl sie ohnehin schon am Limit sind. Neben Vonovia spielt auch Berlinhaus eine Rolle. Da erleben wir zum Teil massive Abzocke. Deshalb sprechen wir auch von Mietmafia. Die Menschen fühlen sich ausgeliefert.
TAG24: Wenn ein Konzern über Jahre falsch abrechnet: Fehler oder System?
Bünger: Diese Abzocke wird zumindest billigend in Kauf genommen. Wir sehen Abrechnungen für Leistungen, die es gar nicht gab, Winterdienst ohne Schnee oder nicht vorhandene Grünflächen. Ich habe selbst in einer Großkanzlei gearbeitet. Ich weiß, wie solche Strukturen funktionieren. Da geht es nicht darum, Mieterrechte zu schützen, sondern darum, möglichst viel herauszuholen.
TAG24: Sie setzen aber nicht nur auf Kritik, sondern helfen konkret.
Bünger: Ja. Wir wollen nicht nur reden, sondern handeln. Ein Beispiel ist unser Heizkostencheck. Mieter können ihre Abrechnungen prüfen lassen und bekommen Unterstützung, wenn etwas nicht stimmt. In Dresden wurden 311 Abrechnungen geprüft, in 60 Fällen Fehler festgestellt. Das betrifft rund 500 Haushalte. Das zeigt: Das Problem ist nicht individuell, sondern strukturell.
Ist das stark wachsende Dresden auf Konzerne angewiesen?
TAG24: Was bringt das politisch?
Bünger: Es hilft den Menschen direkt. Und es zeigt Muster. Ich bin überzeugt: Das setzt Konzerne stärker unter Druck als jede Rede im Bundestag. Eine wirksame Mietpreisbremse reicht nicht, deshalb brauchen wir einen Mietenstopp. Außerdem müssen zu viel gezahlte Mieten automatisch zurückgezahlt werden. Der Markt regelt das nicht im Sinne der Menschen. Wohnen ist ein Grundbedürfnis und muss einen höheren Stellenwert haben als Unternehmensinteressen.
TAG24: Die erste eigene Wohnung ist für viele der Beginn des Vermögensaufbaus. Erschweren Sie das nicht damit?
Bünger: Nein! Es geht nicht um die fünf Wohnungen von Oma Erna. Die Leute wissen das auch. Bei einem Konzern musst du hinter deinem Geld herlaufen, bekommst oft keinen Ansprechpartner. Bei "Oma Erna" gehst du hin und sagst: Da stimmt was nicht. Diese ganzen Tricks - Gebühren, Zusatzkosten - denkt sich Oma Erna nicht aus. Das ist Konzernlogik.
TAG24: Dresden wächst stark. Ist man da nicht auf große Konzerne angewiesen?
Bünger: Wir brauchen mehr Wohnraum. Aber die Frage ist: zu welchen Bedingungen? Wenn nur hochpreisige Wohnungen entstehen, verschärft das die Lage. Deshalb brauchen wir mehr sozialen Wohnungsbau und mehr Wohnungen in öffentlicher Hand. Im Schnitt zahlen Vonovia-Mieter rund 166 Euro im Monat an die Aktionäre des Konzerns. Das zeigt, wie stark Renditeinteressen den Markt prägen.
TAG24: Ihr Fazit?
Bünger: Wohnen ist ein Grundbedürfnis. Wenn Menschen Angst vor der nächsten Abrechnung haben oder sich einen Umzug nicht mehr leisten können, dann läuft etwas grundlegend falsch. Politik muss dafür sorgen, dass Wohnen bezahlbar bleibt - und sich wieder an den Bedürfnissen der Menschen orientiert.
So wohnen die Sachsen
Rund zwei Drittel aller Haushalte leben in Sachsen zur Miete, gute 34 Prozent im Eigentum.
4,5 Prozent davon sind Wohngeldhaushalte. Der einzelne Mieter bewohnt im Schnitt 48 Quadratmeter. 2022 lag die Bruttokaltmiete im Mittel bei 7,10 Euro pro Quadratmeter, der durchschnittliche Sachse gab 23,3 Prozent seines Einkommens für die Miete her.
In den Großstädten ist der Wert viel höher (29,1 Prozent in Dresden, 28,8 Prozent in Leipzig und 27,0 Prozent in Chemnitz). Jeder fünfte Leipziger gibt fast die Hälfte seines Gelds für Miete aus (42 Prozent).
Leerstand ist unterschiedlich verteilt. Ein Beispiel: In Dresden standen Ende 2024 "nur" 6,7 Prozent des Wohnraums leer, im Zwickauer Bestand der sächsischen Wohnungsgenossenschaften 16,4 Prozent.
Weniger Neubau in Sachsen
Neubau nimmt folgerichtig ab: Wurden 2022 noch gut 12.000 Neubauten genehmigt, sank die Zahl 2024 auf 9000. Die großen Bestandshalter - wie Vonovia - bleiben so in den Großstädten wichtig.
Und werden immer dreister: Allein am Amtsgericht Dresden waren 844 Verfahren gegen Europas größten Vermieter anhängig, knapp die Hälfte wurde zugunsten der Mieter entschieden.
Rechtswidrig verlangte Vonovia mehr Miete für "wohnwerterhöhende Merkmale" wie "private Grünflächen" vorm Haus - die seit Jahrzehnten an fast allen Vonovia-Häusern zu finden sind.
Eine Masche, die seit Jahren deutschlandweit an Fahrt gewinnt.
Quellen: Statistisches Landesamt, Statistisches Bundesamt, Mikrozensus 2022, Amtsgericht Dresden, Mieterverein Dresden, kommunale Bürgerumfrage "Leben in Leipzig 2025".
Titelfoto: Petra Hornig

