Putins Spione setzen auf Sex-Tapes

Hamburg/Berlin - Spionage, Sabotage und Desinformation – die Sicherheitsbehörden warnen vor wachsenden Aktivitäten russischer Spione in Deutschland. Nicht erst seit Wladimir Putins (70) Angriff auf die Ukraine sind dessen Agenten im Westen aktiv. Wie die russischen Nachrichtendienste bis heute in Deutschland arbeiten, haben zwei Spiegel-Journalisten detailliert aufgedeckt.

In der russischen Botschaft in Berlin sollen drei Geheimdienste aktiv sein. (Archivbild)
In der russischen Botschaft in Berlin sollen drei Geheimdienste aktiv sein. (Archivbild)  © Kay Nietfeld/dpa

Ann-Katrin Müller (35) und Maik Baumgärtner (40) haben sich für ihr Buch "Die Unsichtbaren" durch Aktenberge gewühlt, geheime Dokumente ausgewertet sowie mit aktiven und ehemaligen Mitarbeitern von Geheimdiensten gesprochen, die für oder in Deutschland im Einsatz waren.

Sie haben festgestellt: "das russische Spionagesystem ist komplex". In Botschaften und Generalkonsulaten gebe es sogenannte Legalresidenturen, dort sitzen die Geheimdienste. Das Personal habe eine Arbeitserlaubnis in Deutschland, aber eben nicht immer offen als Mitarbeiter eines Nachrichtendienstes.

In Berlin sind drei russische Nachrichtendienste aktiv, nach Angaben des Senats sind es der militärische Geheimdienst GRU, der zivile Auslandsgeheimdienst SWR und der Inlandsgeheimdienst FSB.

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Vor allem die Abteilungen zur Visa-Vergabe seien durchsetzt mit Agentinnen und Agenten, schreiben die Journalisten. Denn sie seien ein wichtiger Baustein, um neue Quellen zu rekrutieren.

Auch Visa-Agenturen außerhalb der Botschaften würden dazu genutzt. Ein anscheinend besonders beliebtes Mittel der russischen Spione sei es, ein sogenanntes Kompromat zu erzeugen – also Material, mit dem man erpresst werden kann.

Russische Geheimdienste haben langen Atem bei Quellengewinnung

Besonders gern verwenden russische Spione heimlich aufgenommene Sex-Tapes zur Erpressung ihrer Quellen. (Symbolbild)
Besonders gern verwenden russische Spione heimlich aufgenommene Sex-Tapes zur Erpressung ihrer Quellen. (Symbolbild)  © terovesalainen/123RF

Beispielsweise bitte ein russischer Agent, der nicht als solcher zu erkennen ist, nach jahrelangem lockeren, scheinbar harmlosen Kontakt um eine kleine Gefälligkeit wie E-Mail-Adressen.

Werde dem nachgekommen, folge später eine größere Bitte. Bei Ablehnung werde die Person mit der ersten Gefälligkeit erpresst, denn die ist selten legal. Außerdem würden die russischen Agenten Schwächen und Probleme ihrer (zukünftigen) Quellen nutzen.

Bei der Quellengewinnung kommt auch ein klischeehafter Klassiker ins Spiel. "Wir haben trotz aller Warnungen noch oft genug Fälle, bei denen jemand in ein Ostblock-Land reist, dort Sex mit einer Prostituierten hat und dabei gefilmt wird – was dann wiederum zur Erpressung benutzt wird", zitieren die Autoren einen Verfassungsschützer.

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Wenn die russischen Dienste neue Agenten oder Quellen suchen, identifizieren sie gezielt junge Leute, vor denen eine vielversprechende Karriere liegt. Ihnen helfen sie dann, ohne sich als russischer Geheimagent zu enttarnen, beim Auslandsaufenthalt, Kontakten zu Unternehmen, Bewerbungen oder gar der Firmengründung.

Von dieser Art der Anbahnung bekomme die deutsche Spionageabwehr nur selten etwas mit. Die Russen handelten hochprofessionell und seien kaum zu überführen, solange sie keine Fehler machen würden, so die Autoren.

Russische Spione liefern sich Katz-und-Maus-Spiel mit Verfolgern im KaDeWe

Wladimir Putin (70) arbeitete selbst jahrelang beim sowjetischen Geheimdienst KGB.
Wladimir Putin (70) arbeitete selbst jahrelang beim sowjetischen Geheimdienst KGB.  © Sergei Bobylev/Pool Sputnik Kremlin/dpa

Digitale Kommunikation meiden Putins Spione. Sie setzen auf direkte Treffen und tote Briefkästen, also Verstecke, in denen Nachrichten oder Geld zwischengelagert werden. Da die Agenten wissen, dass sie überwacht werden, müssen sie auf dem Weg dahin ihre Verfolger teilweise wie im Film abschütteln.

Dazu werde in Berlin etwa gerne das KaDeWe benutzt. Der Vorteil sind mehrere Eingänge und eine Tiefgarage, durch die der Spion das Gebäude, nachdem er in einer Umkleide verschwunden war, unbehelligt verlassen kann.

Kommt es doch zu Enttarnung, landen die Spione nur selten vor Gericht. Meistens erkläre das Auswärtige Amt sie zur unerwünschten Person und weise sie aus. Eine weitere Methode ist es, auf inoffiziellen Wegen die russische Botschaft über die Enttarnung zu informieren. Danach folge ein Abzug der Person aus Deutschland.

Wenn jemand, der in einer deutschen Behörde arbeitet, als Agent identifiziert wird, werde auf eine Versetzung oder eine Nichtverlängerung des Vertrages gedrängt. So sei es Anfang der 2000er einer Referentin in einer deutschen Staatskanzlei ergangen, die, so meinte der Verfassungsschutz, für die Russen spioniert hatte.

"Die Unsichtbaren - Wie Geheimagentinnen die deutsche Geschichte geprägt haben" von Maik Baumgärtner und Ann-Katrin Müller, ISBN 978-3-421-04896-7, Verlag DVA, 384 Seiten, 24 Euro.

Titelfoto: Montage: terovesalainen/123RF, Sergei Bobylev/Pool Sputnik Kremlin/dpa

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