Obdachloser ins Rathaus gewählt: In der ersten Sitzung trank er ein Bier

Stralsund - Steven "Pinky" Braun (29, Die Partei) kam als Kind in eine Einrichtung für schwer erziehbare Kinder, erlebte Missbrauch, lebte auf der Straße. Jetzt ist er der erste Obdachlose in der Stralsunder Bürgerschaft - und bekommt endlich eine eigene Wohnung. TAG24 hat mit dem außergewöhnlichen Politiker gesprochen.

Steven Braun (29) hielt sein einziges Wahlversprechen und trank bei der ersten Sitzung ein Bier.
Steven Braun (29) hielt sein einziges Wahlversprechen und trank bei der ersten Sitzung ein Bier.  © privat

Als er damals den Anruf bekommen hat, sei er sich sicher gewesen, dass man ihn "verarscht". "Pinky", der Obdachlose ohne Schulabschluss, in der Bürgerschaft - das konnte er sich beim besten Willen nicht vorstellen.

Doch es stimmte. Als Nachrücker für Bert Linke (Die Partei) landete der Stralsunder im Juni 2024 in der Bürgerschaft. Sein erster Gedanke: "Scheiße. Ich muss ja jetzt tatsächlich noch was Sinnvolles machen", gesteht der Politiker.

Er wollte aber keinen Rückzieher machen und es einfach mal versuchen. "Ich habe eh gesagt, ich kann nichts versprechen. Und habe auch nie was versprochen, außer in der ersten Sitzung ein Bier zu saufen", so Braun.

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Das hat er getan, was ihn vielleicht zum einzigen Politiker macht, der bei der Einhaltung der Wahlversprechen eine Hundert-Prozent-Quote vorzuweisen hat.

Die Arbeit in der Lokalpolitik hat auch persönliche Vorteile für ihn. Ein Fraktions-Kollege unterstützte ihn bei der Wohnungssuche, schon bald bezieht er eine eigene Bleibe.

Steven Braun wehrte sexuelle Belästigung mit einem Messer ab

Steven Braun (29, Die Partei) schloss sich der Linken-Fraktion in der Stralsunder Bürgerschaft an.
Steven Braun (29, Die Partei) schloss sich der Linken-Fraktion in der Stralsunder Bürgerschaft an.  © Fraktion Die Linke

Der Weg dorthin war allerdings von Leid und Rückschlägen geprägt. Er sei ein schwieriges Kind gewesen, räumt er ein.

"In der ersten Klasse hat man sehr schnell gemerkt, dass ich Probleme habe und verhaltensauffällig bin. Ich habe zum Beispiel zu Gewalt geneigt, zu Ausbrüchen und hatte Probleme mit dem Lesen, Schreiben und Rechnen", erinnert sich der Stralsunder.

Man habe ihm ADHS, Legasthenie und Dyskalkulie diagnostiziert, mit zehn Jahren kam er auf ärztlichen Rat in eine lernpsychotherapeutische Einrichtung in Kiel. Dort habe er sexuellen Missbrauch durch einen Mitbewohner erlebt.

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Seine Reaktion darauf machte es noch schlimmer. "Ich habe ein Messer versteckt und das gezogen, als er ins Zimmer kam. Das lief nicht gut für mich, weil man mich dann als Psycho abgestempelt hat", erzählt er.

Mit 18 Jahren ging es zurück nach Stralsund, wo er über den Verein "Dänholm – Grüne Insel" im betreuten Wohnen unterkam. "Da bin ich dann rausgeflogen, weil ich das Trinken nicht lassen konnte. Es gab ein absolutes Drogenverbot und ich habe mich wahrscheinlich 20-mal darüber hinweggesetzt. Also selbst schuld", gibt Braun zu.

Steven Braun landete mit 25 Jahren auf der Straße

In der Bürgerschaft bezeichnet sich Steven Braun (29) nicht als "der Kompetenteste", aber er habe "helle Momente".
In der Bürgerschaft bezeichnet sich Steven Braun (29) nicht als "der Kompetenteste", aber er habe "helle Momente".  © privat

So sei er dann mehr oder weniger auf der Straße gelandet. "Ich komme immer für ein paar Tage bei Freunden oder Bekannten unter. Aber da bleibe ich nie mehr als zwei oder drei Tage, damit ich niemandem auf die Nerven gehe", sagt der 29-Jährige.

Zu den Bekannten zählen auch Menschen, die er tagsüber kennenlernt und wo er dann abends auf dem Sofa landet. "Meine Stärke ist, charismatisch zu sein und mit Leuten gut reden zu können. Das sind wahrscheinlich die alten Tricks, die ich mir in den Einrichtungen angeeignet habe", meint er.

Einen Job hat Braun, der einst durch einen pink gefärbten Iro den Spitznamen Pinky bekam, derzeit nicht. "Ich bin Bürgergeldempfänger. Und wenn ich das nicht wäre, würde ich Schnorren", gibt er unumwunden zu. Wobei er auch gern eine Arbeit hätte.

"Es ist langweilig, die ganze Zeit nichts zu tun zu haben. Deswegen saufe ich doch überhaupt", sagt Pinky.

In der Bürgerschaft will er sich für Obdachlose einsetzen. "Wenn ich eins gelernt habe, dann dass es nicht angenehm ist, auf der Straße zu sein und zu leben", so der 29-Jährige.

Titelfoto: Bildmontage: Fraktion Die Linke/privat

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