Atomforschung in Sachsen: Führt der Weg zum Wasserstoff über die Kernenergie?

Sachsen - Der Besuch an der TU Dresden beginnt mit einer Überraschung und endet mit Staunen. Überrascht ist das TAG24-Team, weil es im Eingangsbereich auf den Schriftzug "Ausbildungskernreaktor" stößt. Am Ende staunen wir, weil uns angesehene Professoren seelenruhig erklärt haben, dass eine künftige Energieversorgung ohne intelligente Kernenergie gar nicht möglich sein wird.

Professor Antonio Hurtado (62, l.) und Prof. Wolfgang Lippmann (67) im Laserlabor, das vor allem für Material-Tests rund ums Thema H2 eingerichtet wurde.
Professor Antonio Hurtado (62, l.) und Prof. Wolfgang Lippmann (67) im Laserlabor, das vor allem für Material-Tests rund ums Thema H2 eingerichtet wurde.  © Thomas Türpe

Doch der Reihe nach. Im Kerngelände der TU befindet sich der Walther-Pauer-Bau. Das Forschungsgebäude beherbergt auch die Professur für Wasserstoff- und Kernenergietechnik.

Die Köpfe: Antonio Hurtado (62) und Wolfgang Lippmann (67). Beide Professoren haben in Gestalt von Frances Zedler (31) die Zukunft des Hauses mitgebracht. Die junge Frau Dr. ist es auch, die uns das mit dem Reaktor erklärt, der hier seit 2005 werkelt, sein Vorgänger war seit 1978 in Betrieb.

"Wir betreiben Reaktorsicherheitsforschung, die auch auf andere Technologien anwendbar ist, darunter H2", sagt sie. "Das betrifft zum Beispiel Detonationsausbreitung und H2-Leckage. Überhaupt ein ganzheitliches Energiemanagement. Stichwort effiziente Energieströme."

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So könnten zur Produktion von H2 innovative Kernreaktoren mit Hochtemperatur-Elektrolyse gekoppelt werden. Auch an der Schwachstelle "Materialien" forscht das Team.

Atomausstieg bis Ende 2022 nicht umsetzbar – oder gar nicht?

Die nächste Generation der Dresdner H2-Forschung: Dr.-Ing. Frances Zedler (31).
Die nächste Generation der Dresdner H2-Forschung: Dr.-Ing. Frances Zedler (31).  © Thomas Türpe

Lippmann zufolge gab es schon vor 30 Jahren einen H2-Hype. So lange forscht man dazu auch an der TU. Der neue Hype habe mit Technologiesprüngen zu tun, vor allem mit der jetzigen Energiesituation, sagt er.

"Die Energiewende verlangt ein Speichermedium, und das Nächstliegende ist H2. Ohne ihn keine Wende!" Doch dafür brauche es auch Kernenergie, sekundiert Hurtado.

Aber war da nicht mal ein Atomausstieg bis Ende 2022? Sicher, so Hurtado. Das sei bis heute nicht nachvollziehbar. "Und noch immer sind die Ursachen von Fukushima nicht richtig aufgearbeitet worden."

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Beim Energiewende-Konzept wiederum fehle Selbstbefragung: "Wie realistisch sind die angepeilten Energiepotenziale, die eingespart werden sollen? Wie realistisch ist der Ausbau von Stromtrassen innerhalb der zur Verfügung stehenden Zeit?"

Denn die Professoren sind sich einig: Auch künftig muss Deutschland enorme Energiemengen importieren. Was aber, wenn bei den Nachbarn der Eigenbedarf steigt?

Der Leiter des Ausbildungsreaktors, Dr. Carsten Lange (42), an einem Modell.
Der Leiter des Ausbildungsreaktors, Dr. Carsten Lange (42), an einem Modell.  © Steffen Füssel

Neue Generation von Kernreaktoren soll Situation verändern

Die Professoren Antonio Hurtado (62, l.) und Wolfgang Lippmann (67).
Die Professoren Antonio Hurtado (62, l.) und Wolfgang Lippmann (67).  © Bildmontage/Thomas Türpe

Er und seine Kollegen warnen vor zu viel Ideologie und zu viel Optimismus rund ums H2 als Allheilmittel. Transformationsbereitschaft schön und gut, doch am Ende gelte immer die Physik. Im Übrigen werde man in Deutschland bestenfalls 40 Prozent Grünen Wasserstoffs erzeugen können.

Lippmann ergänzt: Für den braucht es Wind und Sonne. Was, wenn die ausbleiben, jedoch gerade Mengen H2 gebraucht würden?!

Daher setzt Hurtado auf eine neue Generation von Kernreaktoren. "Mich treibt an, mitzuwirken an der Entwicklung von mittelgroßen Reaktoren, die zu einer Entschärfung der Endlagersituation beitragen."

Anlagen, die sich selbst stabilisieren, wenn der Strom weg ist, ohne dass der Kern aufheizt. "Das Dreiländer-Eck ist für solche Konzepte prädestiniert. Ohnehin möchte ich, dass die große sächsische Nuklearkompetenz erhalten bleibt."

Der Walther-Pauer-Bau mit seinem alten und seinem neuen Gebäudeteil im Zentralareal der TU Dresden. Hier steht auch der Reaktor.
Der Walther-Pauer-Bau mit seinem alten und seinem neuen Gebäudeteil im Zentralareal der TU Dresden. Hier steht auch der Reaktor.  © Petra Hornig

Info: Mehr H2-Forschung in Chemnitz

Die TU Dresden (TUD) baut ihre Angebote rund um Forschung und Lehre zu Wasserstoff weiter aus.

  • Ab dem 1. April wird es einen neuen Masterstudiengang Wasserstofftechnik geben, der die gesamte Wertschöpfungskette beleuchtet. Anmeldungen sind noch möglich;
  • An der Helmholtzstraße im TU-Kerngelände soll bis 2023 ein Wasserstofftechnikum entstehen. Damit wollen die H2-Forscher der TUD unter die Top 5 ihrer Profession in Deutschland;
  • Das hochfliegendste H2-Projekt der Universität im Wortsinn ist ein neunsitziges Flugzeug, das noch in den 2020er-Jahren flugfähig sein soll!

Titelfoto: Bildmontage/Thomas Türpe

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