In Leipzig ging's los und ein Protz-Monarch zockte bald mit: Wie Sachsen auf das Glücksspiel setzte

Leipzig - Mit einem kleinen Einsatz und einer gehörigen Portion Glück einen riesigen Schatz gewinnen? Vor 325 Jahren – im Juli 1697 – wurde erstmals auf deutschem Boden eine Klassenlotterie angezettelt. Eine Leipziger Privatinitiative sammelte so Geld für ein Armen- und Waisenhaus. Wenig später entdeckte August der Starke, wie man mit dem Glücksspiel die leer gefegten königlichen Kassen wieder füllen kann. Die Idee, das Gewinnstreben und den Nervenkitzel bei den Zeitgenossen auszunutzen, setzte sich bald in vielen sächsischen Städten durch. Sie finanzierten mit Lotterien öffentliche Gebäude, die wir noch heute bewundern können.

Beim Zocken liegen Jubel und Jammer eng beieinander. Am besten man setzt ein Pokergesicht auf, leidet oder freut sich innerlich.
Beim Zocken liegen Jubel und Jammer eng beieinander. Am besten man setzt ein Pokergesicht auf, leidet oder freut sich innerlich.  © Bildmontage: 123RF/melnyk58

Der Ausgangspunkt des Zahlenlottos ist im 15. Jahrhundert in Genua zu finden. Dort mussten fünf der 90 Senatoren turnusmäßig den Nachrückern Platz machen. Dazu hatte man für das Zufallsprinzip einen mechanischen Apparat konstruiert.

Findige Geschäftsleute erkannten, dass sich die Maschine und 5 aus 90 für ein Glücksspiel nutzen lassen. Aus dem "Los" wurde "Lotterie".

Das Modell der Klassenlotterie entstand zunächst in Flandern. Diese hatte den Reiz, dass sie über einen längeren Zeitraum ausgespielt wurde und sich die Spannung steigerte. Denn zuerst wurden die vielen kleinen Gewinne ausgelost – der Hauptgewinn folgte ganz am Ende.

Sachsen scheint bei Bewerbung um Millionen-Investition hoch zu pokern
Sachsen Sachsen scheint bei Bewerbung um Millionen-Investition hoch zu pokern

Für dieses System entschieden sich 1697 Leipziger Geschäftsleute um den Juristen Quintus Rivinus, als sie ein Armen- und Waisenhaus finanzieren wollten. Denn die prosperierende Handelsstadt hatte ein sichtbares Bettler-Problem, welches somit etwas kaschiert werden sollte.

Man beauftragte den Erfurter Mathematik-Professor Hiob Ludolff, ein gewinnbringendes Glücksspiel auszutüfteln.

Ob mit Zetteln oder Kugeln - Lotteriemaschinen sorgen für das Zufallsprinzip.
Ob mit Zetteln oder Kugeln - Lotteriemaschinen sorgen für das Zufallsprinzip.  © imago/kharbine-tapabor

Prunksüchtiger August der Starke wollte sich mit Lotterie bereichern

Lotterien gab es auch auf Jahrmärkten zur Volksbelustigung - und jede Menge Nieten.
Lotterien gab es auch auf Jahrmärkten zur Volksbelustigung - und jede Menge Nieten.  © imago/Leemage

Die 6000 Lose für jeweils vier Groschen verkauften sich recht schnell. Es gab 300 Gewinne zwischen einem und 50 Talern. Der Hauptgewinn wurde erst zwei Jahre später ausgelost. In jeder der sechs Klassen kamen 200 Taler der Armenpflege zugute, das Georgenhaus wurde gebaut.

Kurz darauf legte die Stadt Leipzig selbst weitere Lotterien auf, um ein "Almosenamt" zu finanzieren. Die Auslosung fand dann durch Waisenknaben in der Börse gleich hinter dem Rathaus statt.

Der Leipziger Erfolg blieb natürlich August dem Starken nicht verborgen. Durch dessen Kassen pfiff eigentlich ständig der Wind – nicht nur wegen seiner Prunksucht und den luxuriösen Prachtbauten.

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Sachsen Viele Kinder-Schwimmkurse in Sachsen ausgebucht: "Wir kommen nicht hinterher!"

Auch den Königstitel von Polen hatte er sich teuer erkauft und mit der Armee gerade einige Kriege verloren – alles wollte finanziert sein. Dabei ächzten die Stände aber schon unter der zu hohen Steuerlast. Seine Lotterie durfte sich also nicht mit ein paar Tausendern zufriedengeben – ihm ging es gleich um ein Millionenspiel.

Für die kurfürstliche-sächsische Lotterie, die er 1713 auflegte, mussten 10.000 Lose zum Preis von 100 Talern verkauft werden. Es sollte aber auch 10.000 Gewinne geben – jeder sollte zumindest seinen Einsatz zurückerhalten.

Das Gewinnmodell erschließt sich erst, wenn man die Laufzeit von 20 Jahren betrachtet: August legte für seine Landsleute also eine Art Staatsanleihe auf. Allerdings nur für die gut Betuchten – ein Maurer etwa verdiente damals bei einer Sechs-Tage-Woche höchstens vier Taler pro Monat.

Lose wurden bald in ganz Europa verkauft

Als die Baukosten für die Frauenkirche aus dem Ruder liefen, wurden sie auch über eine Lotterie finanziert.
Als die Baukosten für die Frauenkirche aus dem Ruder liefen, wurden sie auch über eine Lotterie finanziert.  © wikipedia

Weil sich die Lose nur schleppend verkauften, wurden sie bald auch in den reichen Handelsstädten Europas gehandelt – Amsterdam, Danzig oder Bozen. So wurde das Modell einer Staatslotterie auch anderen Fürstenhäusern bekannt, welche sich diese Zusatzeinnahme auch nicht entgehen lassen wollten.

Viel beliebter wurden zu dieser Zeit aber die Stadtlotterien – ganz besonders in Sachsen. Die Rathäuser organisierten Gewinnspiele mit erschwinglichen Losen, um den Bau öffentlicher Gebäude zu finanzieren.

So verdanken wir die (alte) Dresdner Frauenkirche, den Bautzner Reichenturm oder – allerdings viel später – das Leipziger Völkerschlachtdenkmal einer Lotterie.

Aber selbst in Dörfern wurden so Rathäuser (Wilsdruff), Schulen (Königswartha) oder Kirchtürme (Mühltroff) finanziert.

Lotterie füllt noch heute die öffentlichen Kassen

"Das war ein Durchläufer, Herr Orlowski!" Tele Lotto war als kurzweilige Familiensendung konzipiert und recht beliebt.
"Das war ein Durchläufer, Herr Orlowski!" Tele Lotto war als kurzweilige Familiensendung konzipiert und recht beliebt.  © picture alliance/ZB

Im Jahr 1831 wurde die Königlich-Sächsische Landeslotterie gegründet, die regelmäßig Klassenlotterien ausspielte. Sie lebte quasi als Parallelwelt zum VEB Vereinigte Wettspielbetriebe sogar noch in der DDR weiter – bis zu 1 Million Ost-Mark konnte man gewinnen. Mangels Nachfrage wurde sie 1975 sang- und klanglos eingestellt.

Denn 1972 betrat ein neuer Star die Lottowelt: Die DDR-Erfindung Tele-Lotto, bei der es zum "5 aus 35" zwischen "Sandmännchen" und "Aktueller Kamera" noch unterhaltsame Filmchen gab, zog die meisten Zocker in ihren Bann. Noch heute erinnern sich einige sehnsüchtig daran.

Nach der Wende entstand Sachsenlotto als staatliches Unternehmen und wurde Teil des deutschen Lottoblocks. Neben den glücklichen Gewinnern profitieren aus dem Erlös auch sächsische Vereine, Kunst- und Bauprojekte oder Veranstaltungsformate.

Vor allem aber der sächsische Haushalt. Allein 2021 wurden knapp 130 Millionen Euro an den Freistaat abgeführt.

Titelfoto: Bildmontage: 123RF/melnyk58, picture alliance/zb

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