Kamenzer ist leidenschaftlicher Tankstellen-Fan: Alte Zapfsäulen sind diesem Sammler heilig

Kamenz - Eigentlich wollte Ulf Berger 1999 nur die seit Langem stillgelegte Tankstelle der Familie zu einem Carport umbauen. Doch dann setzten ihm einige Schaulustige einen Floh ins Ohr: "Wieso streichst du sie nicht in Originalfarben und stellst noch alte Tanksäulen auf?"

Ulf Berger (55) in historischer Tankwart-Montur vor einem seiner Heiligtümer. Als er die Säule fand, war sie eine erbarmungswürdige Ruine (unten).
Ulf Berger (55) in historischer Tankwart-Montur vor einem seiner Heiligtümer. Als er die Säule fand, war sie eine erbarmungswürdige Ruine (unten).  © Bildmontage: Eric Münch, Sammlung Berger

Inzwischen ist Berger Experte für historische Zapfsäulen und seine Tankstelle wurde mit der Denkmalschutzplakette geadelt. Obendrein entstand ein Museum, das seinesgleichen sucht.

Wenn Ulf Berger (55) in einer Scheune oder auf einem Trödelmarkt eine alte Zapfsäule aus den 1920er- oder 1930er-Jahren entdeckt, ist diese meist in einem jämmerlichen und erbarmungswürdigen Zustand: Die Bleche sind verrottet, der Lack ist ab, das Innenleben verrostet und ölverschmiert. Für Laien unvorstellbar, dass so eine Ruine zu neuem Leben erweckt werden kann.

In Bergers Werkstatt wird dann alles sorgfältig auseinandergepuzzelt und gereinigt, der Rost abgeschliffen. Und er muss vor allem erst einmal ohne Bastelanleitung die Funktionsweise der einzelnen Komponenten verstehen.

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Berger: "Zu diesen Anfangszeiten hatte jede Benzingesellschaft eigene Zapfsäulen, viele Einzelheiten unterschieden sich. Zunächst schaut man da rein wie die Kuh ins Uhrwerk. Dann aber erklärt sich die Technik von selbst."

Wie kommt man auf solch ein abgefahrenes Hobby?

Eine Ecke des Tankstellenmuseums in Kamenz. Die Vielfalt sucht ihresgleichen.
Eine Ecke des Tankstellenmuseums in Kamenz. Die Vielfalt sucht ihresgleichen.  © Eric Münch
Die liebevoll sanierte Tankstelle steht seit diesem Jahr auf der offiziellen Denkmalschutzliste.
Die liebevoll sanierte Tankstelle steht seit diesem Jahr auf der offiziellen Denkmalschutzliste.  © Eric Münch

Hunderte Arbeitsstunden, viel Herzblut und Detailversessenheit steckt der Friemler während seiner Freizeit in einen Zeugen der Vergangenheit. Manchmal muss er die Blechhülle komplett neu fertigen, bevor er sie lackiert.

Auch Nieten oder Scharniere müssen mitunter ersetzt werden. Schon 32 alte Zapfsäulen hat er so zu Schmuckstücken veredelt. Das ist auch nur möglich, weil seine Frau Antje (50) ihm den Rücken freihält und manchmal auch etwas zurückstecken musste. Doch wie kommt man auf solch ein abgefahrenes Hobby?

Um das zu verstehen, springt man am besten ein knappes Jahrhundert zurück. Im Mai 1925 erhielt Schmiedemeister Richard Feuchtemeyer - Bergers Urgroßvater - die Genehmigung zur Errichtung der ersten Tankstelle der Stadt.

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Sie war als Nebenerwerb gedacht, denn damals rumpelten nur wenige Fahrzeuge über das Kamenzer Pflaster. Kunden mussten sich in der Schmiede melden, wenn sie am "Pumpständer" bedient werden wollten.

Abriss hätte Großvater wohl das Herz gebrochen

Die Kamenzer Shell-Tankstelle in den 1930er-Jahren. Auch ein Münzfernsprecher war dabei.
Die Kamenzer Shell-Tankstelle in den 1930er-Jahren. Auch ein Münzfernsprecher war dabei.  © Sammlung Berger

Doch 1934 lohnte sich das Geschäft derart, dass zwei Zapfsäulen mit einem massiven Tankstellengebäude überdacht werden konnten. Bergers Großmutter war Tankwartin und Mädchen für alles. Nach dem Krieg wurde die Shell-Tankstelle zu Minol umgelabelt.

In Ulf Bergers Kindheitserinnerungen knattern noch lange Schlangen von Trabis zum Tanken heran. Doch Minol stellte 1982 einfach die Lieferung ein, weil wenige Kilometer weiter eine andere Tanke eröffnete.

Ende der 1990er-Jahre tagte der Familienrat zur immer mehr verfallenden Tankstelle, die schon fast ein Schandfleck in der Straße zu werden drohte.

Ein Abriss hätte dem Großvater, bei dem Berger einst das Schmiedehandwerk gelernt hatte, wohl das Herz gebrochen. Man einigte sich auf einen Umbau zu einem Carport.

Um Baufreiheit zu schaffen, wurde zunächst das hölzerne Kassiererhäuschen aus dem Jahr 1935 entsorgt.

Seit nunmehr 23 Jahren auf der Jagd nach alten Zapfsäulen

Ende der 1990er-Jahre verkam die Tankstelle zu einem Schandfleck. Die Stadt hätte sogar den Abriss gefördert.
Ende der 1990er-Jahre verkam die Tankstelle zu einem Schandfleck. Die Stadt hätte sogar den Abriss gefördert.  © Sammlung Berger

Ulf Berger: "Dafür könnte ich mich noch heute in den Hintern beißen! Auch das hätte ich restaurieren können." Denn erst danach kamen Anwohner mit einem etwas lockeren Mundwerk und fabulierten die Idee mit der originalgetreuen Sanierung. Doch das zündete.

Berger suchte alte Fotos heraus und tauchte dabei tief in die Geschichte des Tankwesens ein. Und er recherchierte, in welchen Farbtönen die Shell-Tankstellen anno dazumal leuchteten.

Er fand auch zwei alte Zapfsäulen und Ölkabinette, die zur feierlichen Einweihung im Juli 2000 auf Hochglanz poliert waren. Doch ein Wermutstropfen blieb: "Leider entsprachen die Tanksäulen nicht den Originalen."

Der gelernte Schmied hatte aber Benzin geleckt. Er macht sich seit nunmehr 23 Jahren auf die Jagd nach alten Zapfsäulen und historischen Tankstellen-Fundstücken, denen er dann ein neues Dasein einhauchen kann.

Stadt bot einst Fördergeld für Abriss der alten Tanke

Das Zählwerk einer unsanierten Säule. Auf den Friemler warten hunderte Arbeitsstunden.
Das Zählwerk einer unsanierten Säule. Auf den Friemler warten hunderte Arbeitsstunden.  © Eric Münch

Natürlich sind bekannte Marken wie Aral, BP oder Standard-Oil dabei. Aber auch Zeugen längst vergangener Firmen wie Oelhag, Leuna oder Derop. Die Sammlung spiegelt inzwischen eine Vielfalt wider, die man nirgends sonst findet.

Diese Schätze lassen sich im Erdgeschoss der alten Schmiede bewundern. Dort wurde ein Tankstellenmuseum eingerichtet. Berger: "Zu den einzelnen Firmen habe ich auch viele Fotos, altes Werbematerial und Informationen zusammengetragen. Es ist nicht nur eine Ausstellung."

Wegen seiner Berufstätigkeit kann er keine permanenten Öffnungszeiten anbieten. Doch falls sich größere Personengruppen per Mail anmelden (info@tankstellenmuseum.de, 5 Euro pro Person), führt sie der Tankstellen-Freak gerne durch sein Reich.

Auch für die alte Tankstelle an der Bautzner Straße hat Ulf Berger inzwischen die baugleichen Zapfsäulen gefunden, an denen seine Großmutter damals die Kunden bediente. Für den Tag des offenen Denkmals vor vier Wochen brachte er nun die offizielle Denkmalschutzplakette an. Dass ihm die Stadt Kamenz einst Fördergeld für den Abriss der ersten Tankstelle der Stadt angeboten hatte, erwähnt er nur in einem Nebensatz.

Info: tankstellenmuseum.de.

Titelfoto: Bildmontage: Eric Münch

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