Fabrik-Aus hat Auswirkungen für hunderte Betriebe: Zuckerkrise macht Sachsens Bauern sauer

Sachsen - Die Bosse der Südzucker AG verkündeten Anfang der Woche das Aus für die Zuckerfabrik im brandenburgischen Brottewitz (nahe Riesa). Die Entscheidung des Lebensmittelkonzerns ist für die strukturschwache Region eine Katastrophe und sie hat weitreichende Konsequenzen für sächsische Landwirtschaftsbetriebe. Die Bauern sind sauer, müssen sich jetzt eine Rübe machen, ob sie mit Zuckerrüben hierzulande noch ihre Brötchen verdienen können. Eine Agrar-Ära geht wohl zu Ende.

Mitarbeiter von Südzucker demonstrierten am Montag vor der Konzernzentrale in Mannheim gegen die geplanten Werksschließungen.
Mitarbeiter von Südzucker demonstrierten am Montag vor der Konzernzentrale in Mannheim gegen die geplanten Werksschließungen.  © Stephen Wolf/dpa

"Die jahrzehntelang beschworene Partnerschaft zwischen Südzucker und den Rübenerzeugern wird vom Konzern einseitig aufgekündigt!", empört sich Gerhard Förster (64), Vizepräsident des Landesbauernverbandes.

Rund 500 bäuerliche Betriebe bauen in Sachsen auf etwa 15 000 Hektar Fläche Zuckerrüben an - rund 320 davon (auf zirka 9 000 Hektar Anbaufläche) für die Fabrik in Brottewitz. Ihre Erträge liegen im Schnitt bei 69 Tonnen Rüben bzw. etwa zwölf Tonnen Zucker pro Hektar.

"Die Schließung der Fabrik Brottewitz trifft alle mitteldeutschen Zuckerrübenanbauer - nicht nur deren 90 Angestellte und die Lieferanten", erklärt Christian Beyer (33), Geschäftsführer des Verbandes Sächsisch-Thüringischer Zuckerrübenanbauer.

Der Rübenanbau für den Südzucker-Konzern basiert auf dem Besitz von Lieferrechten. Heißt: Nur wer so ein Recht besitzt, darf die Fabriken beliefern.

Das Lieferrecht behält auch nach der Schließung der Brottewitzer Fabrik zum Ende der diesjährigen Ernte seine Gültigkeit. Der Landwirt könnte künftig also seine Rüben nach Zeitz in Sachsen-Anhalt schaffen.

Gerhard Förster ist Vizepräsident des Sächsischen Landesbauernverbandes und Vorsitzender der Agrargenossenschaft Kreinitz.
Gerhard Förster ist Vizepräsident des Sächsischen Landesbauernverbandes und Vorsitzender der Agrargenossenschaft Kreinitz.  © privat

Aber rechnet sich das? Da müssen die Bauern nun kalkulieren. Sie tragen 25 Prozent der Frachtkosten, den Rest übernimmt Südzucker. Beyer: "Im Ergebnis verschlechtert sich für den Anbauer mit jedem Mehrkilometer für den Rübentransport die Wirtschaftlichkeit des Anbaus."

So werden wohl Betriebe, die mehr als 140 Kilometer von Zeitz entfernt sind, aus dem Rübenanbau aussteigen oder sich andere Verwertungsmöglichkeit suchen. Die nächstgelegene Zucker-Fabrik (gehört nicht zu Südzucker) liegt in Nord-Tschechien.

Betriebe, die sich vom traditionellen und jahrhundertealten Rübenanbau in Nord-Sachsen verabschieden, stehen außerdem vor dem Problem, dass sie "Ersatz" für die Rübe in der Fruchtfolge finden müssen.

"Mangels wirtschaftlicher Alternativen wird sich die Vielfalt auf den landwirtschaftlichen Flächen so weiter verringern", prophezeit Gerhard Förster. Er denkt, dass Körnermais an die Stelle der Zuckerrübe treten wird.

Große Erntemaschinen kommen heute auf den Feldern zum Einsatz, wenn die Zuckerrüben eingeholt werden.
Große Erntemaschinen kommen heute auf den Feldern zum Einsatz, wenn die Zuckerrüben eingeholt werden.  ©  imago/Martin Wagner

Südzucker-Vorstand Dr. Wolfgang Heer (62) erklärt die Werk-Schließung mit "Verlustreduzierung". Hintergrund: Die Weltmarktpreise sind im Keller. Es gibt eine massive, subventionierte Überproduktion vor allem in Indien, Brasilien, Pakistan und Thailand. Dazu kommt, dass manche EU-Länder ihre Zuckerproduzenten subventionieren, andere - wie Deutschland - nicht. Außerdem sind woanders die Pflanzenschutz-Gesetze laxer als bei uns.

All das führe "zu einer völligen Entkopplung der landwirtschaftlichen Rahmenbedingungen innerhalb der EU – bei einem freien Markt" klagt Gerhard Förster vom Landesbauernverband. Das helfe weder Umwelt noch Verbrauchern.

Die Sorge: Zucker aus der Lommatzscher Pflege wird zum Auslaufmodell, Rohrzucker-Importe aus ursprünglichen Regenwaldgebieten dagegen zum europäischen Grundnahrungsmittel.

Auch andere Regionen sind betroffen

Die Südzucker AG hat angekündigt, insgesamt fünf Zuckerfabriken in Europa zu schließen: zwei Werke in Frankreich (Cagny und Eppeville), eines im polnischen Strzyżów und in Deutschland die Betriebe in Brottewitz (Brandenburg) und Warburg (NRW). Von insgesamt 13 Zuckerfabriken in Ostdeutschland, die es 1990 gab, existiert bald nur noch eine - die Zuckerfabrik Zeitz von Südzucker.

Sachsen besitzt seit 2002 keinen regionalen Betrieb mehr, der Zucker produziert.

Die Zuckerfabrik Brottewitz wurde 1872/73 als "Actien Zuckerfabrik Mühlberg a. E." gegründet. Jährlich werden dort bis zu 800 000 Tonnen Rüben verarbeitet.
Die Zuckerfabrik Brottewitz wurde 1872/73 als "Actien Zuckerfabrik Mühlberg a. E." gegründet. Jährlich werden dort bis zu 800 000 Tonnen Rüben verarbeitet.  © imago/Rainer Weisflog
Zucker war bis Mitte des 18. Jahrhunderts kostbar, denn er kam aus Übersee und wurde aus Zuckerrohr gewonnen. 1747 entdeckte der Chemiker Andreas Sigismund Marggraf, dass heimische Viehfutter-Rüben Zucker enthalten.
Zucker war bis Mitte des 18. Jahrhunderts kostbar, denn er kam aus Übersee und wurde aus Zuckerrohr gewonnen. 1747 entdeckte der Chemiker Andreas Sigismund Marggraf, dass heimische Viehfutter-Rüben Zucker enthalten.  © 123RF
Würfelzucker ist befeuchteter, zu kleinen, meist quaderförmigen, Portionen gepresster und anschließend getrockneter Kristallzucker. Er kann aber auch auch braunem Rüben- und Rohrzucker hergestellt werden.
Würfelzucker ist befeuchteter, zu kleinen, meist quaderförmigen, Portionen gepresster und anschließend getrockneter Kristallzucker. Er kann aber auch auch braunem Rüben- und Rohrzucker hergestellt werden.  © Archiv

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