Schamanismus in Deutschland: Uralter Schmuck gibt wichtigen Hinweis
Von Thomas Schöne
Eilsleben - Ein neu bewerteter rund 7000 Jahre alter Rehgeweih-Kopfschmuck aus der Börde liefert Hinweise auf die Tradition des Schamanismus in Mitteldeutschland.
Der jungsteinzeitliche Fund stammt aus einer 1987 ausgegrabenen Grube in der Siedlung Eilsleben-Vosswelle in Sachsen-Anhalt.
"Die neuen Analysen zeigen, dass das Stück überraschende Parallelen zum deutlich älteren Grab der sogenannten Schamanin von Bad Dürrenberg aufweist", sagte der an den Untersuchungen beteiligte Archäologe Oliver Dietrich. "Das Stück ist eindeutig Teil einer mittelsteinzeitlichen Tradition der Geweiharbeit."
Es handelt sich den Angaben zufolge um das Geweih eines etwa zwei bis drei Jahre alten Rehs. Beidseitige Kerben nahe dem Geweihansatz sprechen aus Sicht der Experten dafür, dass das Stück befestigt und getragen wurde – vermutlich als Kopfschmuck oder Maske. Eine Radiokarbondatierung ergab ein kalibriertes Alter zwischen 7291 und 7034 Jahren.
Der Kopfschmuck stammt aus einer Siedlung der sogenannten Linienband-Keramikkultur, der frühesten bäuerlichen Kultur Mitteleuropas, die ab der Mitte des 6. Jahrtausends vor Christus aus dem östlichen Mitteleuropa nach Westen wanderte.
Weist der Kopfschmuck auf Kontakt zwischen Bauern und Schamanen hin?
Mitteldeutschland zählt zu den Regionen, in denen die Auswirkungen des Übergangs zur Sesshaftigkeit besonders deutlich fassbar sind. Während die Jäger- und Sammlergruppen nach dem Ende der letzten Eiszeit von Jagd, Fischfang und pflanzlicher Nahrung lebten, begannen vor etwa 7500 Jahren sesshafte Bauern mit Ackerbau und Viehzucht die fruchtbaren Lössböden zu besiedeln. Die Jäger wurden dabei vielfach in weniger ertragreiche Randlagen verdrängt.
Archäologische Befunde zu Kontakten zwischen beiden Gruppen sind allerdings selten. Die Forscher schließen nicht aus, dass der Rehgeweih-Kopfschmuck aus Eilsleben auf direkte Kontakte zu steinzeitlichen Ritual- oder Heilkundigen hinweist.
"Es ist vorstellbar, dass [Bauern] in Situationen, die die eigenen medizinischen Fähigkeiten überstiegen, versuchten, die Fähigkeiten einer Schamanin oder eines Schamanen zu nutzen, die nicht nur über Kontakte ins Geisterreich, sondern auch über ein umfassendes Wissen zu den medizinischen Eigenschaften lokaler Pflanzen verfügten", sagte Landesarchäologe Harald Meller.
Allgemein sind Schamanen als Vermittler zwischen der Geisterwelt und den Menschen für viele Völker in Sibirien, am Nordpol, in der Mongolei und Nordchina belegt.
Titelfoto: Heiko Rebsch/dpa

