Der vergessene Schatz von Altenberg: Ruht in der früheren Zinngrube ein Milliardenvermögen?
Von Egbert Kamprath
Altenberg (Erzgebirge) - 550 Jahre lang wurde rund um Altenberg schon nach Erzen geschürft, seit Kurzem hat das Bergbaufieber die Region aufs Neue erfasst. Während bei der Firma Zinnwald-Lithium nach zahllosen Probebohrungen gerade an der Genehmigung für das Bergwerk gearbeitet wird, steht quasi in Sichtweite zum Firmensitz in Altenberg der frühere Zinnerz-Förderschacht. 35 Jahre nach dessen Schließung glaubt ein Experte: Hier schlummert noch ein wahrer Milliarden-Schatz!
Am 28. März 1991 wurde hier der letzte Grubenhunt von den Kumpels ans Tageslicht gebracht, danach schloss das Bergwerk für immer. Die Zinnpreise auf dem Weltmarkt waren im Keller, die Erzförderung lohnte sich nicht mehr. Die alten Bergbaustätten, wie der Riesentrichter der Altenberger Pinge gehören inzwischen zum UNESCO-Weltkulturerbe.
Doch einer erkennt, wenn er zu den schroffen Wänden der Pinge schaut, eine riesige Schatzkammer im Wert von mehreren Milliarden Euro. Es ist Prof. Dr. Wolfgang Schilka, und er weiß nach 40 Jahren Arbeit im Bergbau, wovon er spricht.
1978 begann er beim Bergwerk Zinnerz als leitender Geologe, war 1988 bis 1992 Betriebsleiter, leitete 1992 bis 2010 mehrere Kalkbergwerke und erschloss als Chef 2010 bis 2014 bei Niederschlag ein komplett neues Bergwerk für Flussspat.
"Mit der Schließung der Grube 1991 war die Altenberger Lagerstätte lange nicht erschöpft. Der Betrieb hätte eigentlich noch 20 bis 30 Jahre weiterlaufen können. Doch ausgerechnet 1991, als es um das Überleben des Bergwerkes ging, sank der Weltmarktpreis bei Zinn auf lediglich 4000 Dollar (pro Tonne, Anm. d. Red.). Dem standen unsere Produktionskosten von 8000 Dollar gegenüber. Das ließ sich auf Dauer nicht durchhalten."
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Die Treuhand schloss den Betrieb
Man habe alles versucht, um den Betrieb zu retten, sogar die Betriebskantine und einen Steinbruch verkauft, doch irgendwann war auch dieses Geld aufgebraucht. Die Treuhand schloss den Betrieb. Alle Beteiligten dachten damals: Das ist das Ende des Bergbaus für immer.
Inzwischen kostet Zinn auf dem Weltmarkt 47.000 Dollar pro Tonne und es befinden sich nach Auskunft des früheren Bergwerks-Chefs davon noch rund 74.165 Tonnen in der Erde. Es wird vor allem in der Elektroindustrie gebraucht, zum Beispiel für das Verlöten von Leiterplatten und Mikrochips. Es ist damit das Bindegewebe der Elektronik.
Auch wird es bei der Beschichtung von Konservendosen oder bei Legierungen, wie Bronze, verwendet. Das Angebot ist begrenzt, was Zinn zu einem strategischen Rohstoff macht. Außerdem gibt es geschätzt 35.000 Tonnen Lithium in der Altenberger Lagerstätte.
Der Lithiumgehalt im Gestein entspricht dabei rund zwei Dritteln der Zinnwalder Lagerstätte. Das macht das Vorkommen damit ebenfalls abbauwürdig. Doch zu DDR-Zeiten hatte Lithium wenig Bedeutung und blieb deshalb meist ungenutzt.
Die "Altenberger Schatztruhe"
"Wir hatten bei der Aufbereitung zudem einige Probleme mit Verunreinigungen, wie mit Arsen. Doch das ist heute beherrschbar", berichtet Wolfgang Schilka. Dann öffnet er die "Altenberger Schatztruhe" noch weiter. Im Gestein schlummern viele seltene Erden, von Erbium über Lutetium, Terbium bis zu Gadolinium oder Samarium. "Angesichts der heutigen Weltmarktpreise reden wir von einem Gesamtvolumen von um die fünf Milliarden Euro."
Das alte Bergwerk könnte nach Meinung des Experten ohne größeren Vorlauf neu erschlossen werden, denn es liegt im wahrsten Sinne des Wortes im Trockenen. Bei der Verwahrung wurde aufwendig ein vier Kilometer langer Entwässerungsstollen gebaut, damit die Grube nicht vollläuft. Geschaffen wurde so ein ganz besonderer Lost Place tief im Berg. Viele Dinge stehen hier noch, wie sie vor 35 Jahren hinterlassen wurden. Die Zufahrt in den Berg ist so weiträumig, dass Platz für einen Transporter ist.
So erreicht man bequem das verborgene, rund 40 Kilometer lange Stollensystem in 400 Metern Tiefe. Der Schein der Grubenlampe am Helm tastet Stück für Stück die roten Stollenwände ab, gleitet an alten Schienen vorbei und verliert sich schließlich in den Tiefen der Gänge und Weitungen. Schwere Tore sorgen dafür, dass diese vergessene Welt unter Tage ungestört bleibt.
Eine Wiederaufnahme des Bergbaus?
Deshalb wundert sich Wolfgang Schilka immer mehr darüber, dass die öffentliche Aufmerksamkeit ausschließlich auf der Lithiumlagerstätte in Zinnwald liegt. "Über Altenberg redet niemand!" Und er sieht das Jahr 1991 auch nicht als das endgültige Schlussdatum für den Altenberger Bergbau. "Ich sehe keine unlösbaren Probleme für die Wiederaufnahme des Bergbaus in Altenberg."
Die Verwaltung der Zinnerz-Liegenschaft liegt in den Händen der LMBV (Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft), die wiederum dem Bundesfinanzministerium untersteht. Aufgabe dieser Institution ist es, ehemalige Braunkohletagebaue und Grubenanlagen zu sanieren, zu sichern und nach Möglichkeit wieder nutzbar zu machen.
Dazu gehört auch Zinnerz Altenberg. Nach der Zukunft oder möglichen Interessenten für das Altenberger Bergwerk befragt, gab es von Pressesprecherin Jenny Findeisen die knappe Auskunft: "Der LMBV sind aktuell keine Projekte bekannt, die sich mit einer Nutzung des Bergwerks befassen."
Probleme, wenn die Rohstoffversorgung ins Stocken gerät
Recht nachvollziehen kann Wolfgang Schilka diese Aussage kaum. Die aktuellen Entwicklungen zeigten doch, wie schnell Deutschland und Europa Probleme bekommen, wenn die Rohstoffversorgung ins Stocken gerät.
Hauptförderländer für Zinn sind China, das in der letzten Zeit immer wieder mit Handelsboykotts droht, Indonesien, Bolivien oder die von Bürgerkrieg heimgesuchte Republik Kongo. Bislang hat sich die Lage jedes Mal wieder entschärft, aber das muss nicht immer so sein.
Und so schließt Prof. Dr. Wolfgang Schilka auch mit dem Fazit: "Deutschland ist kein rohstoffarmes Land, aber wir haben vergessen, wie man die Bodenschätze abbaut."
Titelfoto: Fotomontage: Egbert Kamprath

