Sächsische Geburtenrate im freien Fall - eine Studie kennt die Gründe
Sachsen - Deutschland gehen die Kinder aus. Vier Jahre in Folge sank die Zahl der Geburten und erreichte den niedrigsten Stand seit 1946. Den größten Einbruch der Geburtenrate musste Sachsen hinnehmen. Erblickten 2016 noch 38.000 Kinder das Licht der Welt, waren es 2024 nur noch 24.700. Eine aktuelle Studie zählt nicht nur die Köpfe, sondern schaut auch in diese hinein: Warum entscheiden sich Sächsinnen im gebärfähigen Alter gegen ein (weiteres) Kind? Es gibt beunruhigende Trends.
Der Geburtenknick spielt eine entscheidende Rolle bei der aktuellen Diskussion um die Finanzierung der Sozialsysteme. Denn diese basieren auf einem Generationenvertrag.
Zahlen nicht mehr genügend junge Leute ein, kollabiert das System. Um eine Generation vollständig zu ersetzen, bedarf es einer Geburtenrate von 2,1 Kindern pro Frau. Derzeit liegt sie bei 1,35.
Dabei lag die sächsische Geburtenziffer zwischen 2006 und 2020 zum Teil weit über dem Bundesdurchschnitt, doch seither brach sie rapide ein. Die Rate fiel binnen zehn Jahren von 1,57 auf 1,22 und macht Sachsen perspektivisch zum Schlusslicht der Nation.
Und bei 4768 von knapp 25.000 in Sachsen Neugeborenen besitzt die Mutter keine deutsche Staatsbürgerschaft.
Das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) ließ zwischen 2023 und 2025 in einer repräsentativen Befragung 1773 sächsische Frauen zwischen 20 und 44 Jahren zur Familienplanung interviewen.
Eine vergleichbare Studie wurde bereits zwölf Jahre vorher erstellt. Daher lässt sich eine klare Tendenz bezüglich des Kinderwunsches ableiten. Ein Trend aus der Studie löst im sächsischen Sozialministerium größte Besorgnis aus. Die Zustimmung zur Aussage "Ich wollte schon immer Kinder" ist von 63 Prozent im Jahr 2012 auf 34 Prozent im Jahr 2024 zurückgegangen.
Dagegen stieg im gleichen Zeitraum unter kinderlosen Frauen die Zustimmung zu "Man kann auch ohne Kinder glücklich sein" von 41 auf 71 Prozent. Mehr als jede fünfte kinderlose Sächsin hegt generell keinen Kinderwunsch.
Jetzt kostenlos für den News-des-Tages-Newsletter anmelden!
Inflation und Unsicherheit am Arbeitsmarkt führen zu Baby-Rückgang
Sozialministerin Petra Köpping (67, SPD): "Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass Frauen heute ihr Leben sehr individuell planen und Kinder nicht mehr selbstverständlich zur Zukunftsplanung gehören. Die Entscheidung für Kinder wird wesentlich von den aktuellen Krisen beeinflusst und hängt stärker als früher von den gesellschaftlichen und ökonomischen Rahmenbedingungen ab."
Für gerade etwas mehr als die Hälfte (57 Prozent) der sächsischen Frauen im reproduktionsfähigen Alter ist es ein fester Teil ihres Lebensentwurfs, Kinder zu bekommen. Zwölf Jahre zuvor war dies noch für 83 Prozent selbstverständlich.
Als Gründe für das Zurückstellen des Kinderwunsches werden Sorgen wegen der aktuellen Krisen (31 Prozent), finanzielle Unsicherheit (30 Prozent) und das Fehlen eines passenden Partners (30 Prozent) angegeben (Mehrfachnennungen möglich).
Die Zukunftssorgen aufgrund von Krisen spielten bei der Studie von 2014 noch keine Rolle. Heute wird dieser Grund auch in anderen Bundesländern genannt, doch für Sachsen hat er eine viel höhere Relevanz.
Denn für 92 Prozent der Frauen gehört es hier traditionell zur persönlichen Idealvorstellung, als Mutter nach dem Ende der Kleinkindphase erwerbstätig zu sein.
Inflation, Wirtschaftsstagnation und die Unsicherheit am Arbeitsmarkt führen daher in Sachsen in besonderem Maße zu einer Zurückhaltung bei der Verwirklichung von Kinderwünschen.
Köpping: "Es ist uns wichtig, dass junge Menschen mit Zuversicht in die Zukunft schauen"
Als weitere Gründe für die unentschiedene oder ablehnende Haltung gegenüber einem (weiteren) Kind nannten die Befragten die unzureichende Vereinbarkeit von Familie und Beruf (25 Prozent), die ungeeignete Wohnsituation (21 Prozent) oder die Bevorzugung der eigenen Karriere (17 Prozent).
Fast jede dritte Frau gibt partnerbezogene Gründe an - Sie möchte schon sicher sein, ob Er der Richtige ist. Bei der Hälfte aller Sächsinnen bestand die Beziehung bereits länger als fünf Jahre, bevor sie ihr erstes Kind zur Welt brachten.
Bei 29 Prozent währte die Partnerschaft - ungeachtet eines Trauscheins - immerhin schon über zwei Jahre.
Nun ist es nicht Aufgabe des Staates, sich in die individuelle Lebensplanung seiner Bürger einzumischen. Wenn sich Frauen gegen Kinder entscheiden, ist dies ihr gutes Recht. Bei den globalen Krisen oder der Partnersuche sind die Einflussmöglichkeiten der Landespolitik ohnehin nicht vorhanden.
Lediglich bei den Kinderablehnungsgründen "finanzielle Unsicherheit" oder "Unvereinbarkeit von Familie und Beruf" hat der Freistaat bescheidene Steuerungsmöglichkeiten.
Petra Köpping: "Es ist uns wichtig, dass junge Menschen mit Zuversicht in die Zukunft schauen und sich ein Leben mit Kindern vorstellen können. Als Freistaat werden wir weiterhin die geeigneten Bedingungen für die Gründung einer Familie bieten."
Kita-Kosten sind in den letzten zehn Jahren um 45 Prozent gestiegen
Tatsächlich bietet Sachsen mit seinem flächendeckenden Kita-Netz mehr Unterstützung als die meisten anderen Bundesländer.
Allerdings ist der durchschnittliche Elternanteil an den monatlichen Kosten binnen zehn Jahren von 220 auf 320 Euro gestiegen.
Immerhin sicherte Ministerpräsident Michael Kretschmer (51, CDU) vergangene Woche eine höhere Landesbeteiligung zu. Zudem dürfte der angekündigte Ausbau von Ganztags-Bildungsangeboten die Eltern entlasten.
Der Hauptgrund für den massiven Rückgang der Geburten kann hingegen nicht mehr korrigiert werden: Es gibt in Sachsen inzwischen erheblich weniger Frauen im entsprechenden Alter.
Das liegt zum einen am Geburtenknick Anfang der 1990er-Jahre. Zu dieser Zeit verlor Sachsen an westliche Bundesländer aber auch Tausende junge Menschen, die jetzt anderswo Großeltern wurden oder werden.
Titelfoto: Fotomontage/imago/Westend61/picture alliance/dpa

