Ehepaar baute Puppen-Rekord-Kaufhaus mit ganz viel Liebe zum Detail

Langenbernsdorf - Puppenstuben sind Relikte der Kindheit. Hier konnten die Püppchen essen, schlafen und in eigens mit Wassertechnik ausgerüsteten Badezimmern sogar baden. Doch wo gingen die Püppchen eigentlich einkaufen? Diese Frage beschäftigte im Jahr 2009 auch das Ehepaar Kalitzki in Langenbernsdorf im Landkreis Zwickau. Weil es noch kein Kaufhaus für Puppen gab, bauten sie einfach eines. Inzwischen trumpft ihr Puppenkaufhaus mit insgesamt 45 Geschäften auf, gilt mit seinen riesigen Ausmaßen als größtes der Welt und musste deshalb sogar in eine größere Behausung umziehen. Jetzt soll das Kaufhaus zudem Nachwuchs bekommen.

Kleine Häppchen für Vegetarier: In der Frischeabteilung sind Obst und Gemüse zu klitzekleinen Mahlzeiten "eingetrocknet".
Kleine Häppchen für Vegetarier: In der Frischeabteilung sind Obst und Gemüse zu klitzekleinen Mahlzeiten "eingetrocknet".  © Uwe Meinhold

Für die einen sind es nur 70 Quadratmeter Sperrholz und 750 Meter Kabelsalat. Für die meisten ist es jedoch das größte Puppenkaufhaus der Welt! Es hat die Form eines riesigen Mercedes-Sterns mit um 120 Grad versetzten Gebäudeflügeln und beansprucht eine Fläche von 25 Quadratmetern! In dem Universalkaufhaus gibt es 45 Läden für alles, was das Puppenherz höher schlagen lässt: von Fleischer, Bäcker, Schuhgeschäft über Wäscherei, Lampen-, Taschen-, Musikinstrumente- und Blumenladen bis hin zu einem Zeitungskiosk, Juwelier, Brautmoden- und Dessousgeschäft.

"Alle Einrichtungen und Waren stellen das Geschäftsleben um 1920 dar und sind exakt im Maßstab 1:12 verkleinert", sagt Miniatur-Baumeister Frank Kalitzki (64). Dabei steckt ganz viel Liebe im Detail.

"Blütenblätter stanze ich jedes einzeln aus. Die geäderten Strukturen von Kohlköpfen oder Salami- und Schinkenscheiben erschaffe ich aus verschiedenfarbiger Knetmasse", verrät Berit (54). So besteht allein jede Minimelone aus sechs verschiedenfarbigen Knetmassen, die geschickt in- und aneinander gedrückt werden – ganz ohne Pinsel und Anmalen. Berit: "Das Miniobst wirkt so echt, dass ein Kind einmal sogar herzhaft in eine Banane hineingebissen hat."

Detailversessen von der Wurst bis zu den Fliesen: Aus der Stangenware entsteht später Aufschnitt für die Auslagen.
Detailversessen von der Wurst bis zu den Fliesen: Aus der Stangenware entsteht später Aufschnitt für die Auslagen.  © Uwe Meinhold

Etiketten im Weinladen des Puppenhauses sind x-fach verkleinert, aber lesbar

Weinhandlung en miniature: Die Fläschchen für die edlen Tröpfchen messen nur 3,5 cm.
Weinhandlung en miniature: Die Fläschchen für die edlen Tröpfchen messen nur 3,5 cm.  © Uwe Meinhold

Neben Kneten gehört auch Blasen zum Handwerk. "Die gläsernen Becher, Karaffen und Schüsselchen in den Geschäftsauslagen werden von einem Glasbläser in Neustadt in Thüringen angefertigt", sagt Frank, der für jedes seiner 45 Geschäfte einen 70 mal 35 cm großen Store ausstattete – und das über vier Etagen. "Jeder von Groß bis Klein sollte bequem hineinschauen können, ohne sich verrenken zu müssen", sagt Frank, der selbst 1,90 m groß ist.

Die Detailverliebtheit der beiden geht so weit, dass sogar die Etiketten im Weinladen zwar x-fach verkleinert, aber dennoch lesbar sind. Zwar nur mit einer Lupe, aber immerhin. Am liebsten würde Berit die Minipullen sogar noch befüllen. "Doch die Fläschchen würden austrocknen, weil kein Pfropfen dicht genug wäre", hat Frank ihr die Idee schnell wieder ausgeredet.

Sogar jeder einzelne Geldschein im Tresor des Puppenkaufhauses wurde originalgetreu im Maßstab 1:12 verkleinert, ausgedruckt, übereinandergelegt und wie auf der Bank mit einer Banderole fixiert. Frank: "Es handelt sich natürlich um Reichsmark-Geldscheine, mit denen 1920 bezahlt wurde."

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Die große Leidenschaft zu kleinen Dingen hatten die beiden schon länger im Blut. Beide sammelten Spielzeug-Dampfmaschinen, bauten sich für das Weihnachtsfest 2006 in ihrer Wohn- und Werkstatt in Langenbernsdorf einen eigenen Striezelmarkt im Miniformat. Doch sie wollten mehr.

Für die Idee des weltgrößten Puppenkaufhauses war die Werkstatt jedoch zu klein und sie zogen nach Werdau (bei Zwickau) um. In der Ausstellung kann sich das Weltmeister-Puppenkaufhaus nun neben diversen Spielzeugsammlungen der Kalitzkis richtig breitmachen.

Aber bitte mit Sahne: Die kleinen Törtchen reizen zum Anbeißen, würden aber nach Knete schmecken.
Aber bitte mit Sahne: Die kleinen Törtchen reizen zum Anbeißen, würden aber nach Knete schmecken.  © Uwe Meinhold
Ließen in jahrelanger Detailarbeit ein ganzes Kaufhaus schrumpfen: Berit (54) und Frank Kalitzki (64) blicken durch das im Maßstab 1:12 verkleinerte Treppenhaus.
Ließen in jahrelanger Detailarbeit ein ganzes Kaufhaus schrumpfen: Berit (54) und Frank Kalitzki (64) blicken durch das im Maßstab 1:12 verkleinerte Treppenhaus.  © Uwe Meinhold

Kleine Sammlerstücke sind in Sachen Preis wahre Riesen

Braucht helles Licht, gute Augen und ganz viel Geduld: Die gelernte Physiotherapeutin Berit Kalitzki belegt gerade eine Wursplatte für den Fleischerladen mit filigranen selbstgemachten Wurstscheibchen.
Braucht helles Licht, gute Augen und ganz viel Geduld: Die gelernte Physiotherapeutin Berit Kalitzki belegt gerade eine Wursplatte für den Fleischerladen mit filigranen selbstgemachten Wurstscheibchen.  © Uwe Meinhold

Was die beiden in ihrer Werkstatt partout nicht selbst herstellen oder basteln können, muss eingekauft werden – auf Flohmärkten und auch mal bei chinesischen Online-Billighändlern.

So ist der geschrumpfte Originalkachelofen aus Meißner Keramik ebenso ein Kaufobjekt wie die miniaturisierten Porzellan-Kaffeeservice von der Reutter Miniaturen GmbH aus Ostfildern (Baden-Württemberg).

Dabei sind die kleinen Sammlerstücke in Sachen Preis wahre Riesen. Kostenpunkt für den Keramikofen: 200 Euro.

Ein einzelnes Miniservice (Teller, Untertasse, Tasse) schlägt mit stolzen 45 Euro zu Buche. "Das Rütteln von einer langjährigen Baustelle vor unserem Haus hat uns fast teure Scherben hinterlassen", erzählt Berit. Sie muss beim Staubwischen selbst ganz vorsichtig sein, damit nichts zu Bruch geht, wenn sie erst regelmäßig alle Teile aus- und dann wieder einräumt.

"Derzeit basteln wir an Warenschildern und Türbeschlägen und neuen Regalen", sagt Frank. Außerdem werkelt er schon an seinem neuesten Projekt: ein Handwerkerhaus mit Tischlerei, Schnitzern, Drechslern und einer Druckerei. "Zu diesen Berufen schulten die ehemaligen Bergleute um, nachdem der Silberbergbau im Erzgebirge den Bach runterging", erklärt Frank. Zu Weihnachten soll das Projekt fertig sein und die Ausstellung rund um das Puppenkaufhaus ergänzen.

Wer die besucht, ist baff. Nur einer kann das Lebenswerk der zwei Sachsen nicht würdigen: das offizielle Guinnessbuch der Rekorde. "Sie vermaßen zwar unser Puppenkaufhaus, konnten darin aber 'keine besondere Leistung' erkennen", erzählt Frank. So ist ausgerechnet das Rekord-Puppenkaufhaus nicht im "Guinnessbuch der Rekorde" zu finden.

Sammelsurium für Bastler: Frank Kalitzki arbeitet beruflich für das private Bahnunternehmen "Die Länderbahn" in Neumark, baut in seiner kleinen Werkstatt gerade an einer historischen Dampfmaschine aus den 1930er-Jahren.
Sammelsurium für Bastler: Frank Kalitzki arbeitet beruflich für das private Bahnunternehmen "Die Länderbahn" in Neumark, baut in seiner kleinen Werkstatt gerade an einer historischen Dampfmaschine aus den 1930er-Jahren.  © Uwe Meinhold
Malerisches Mini-Märchen mit Malergilde: Im Bilderladen hängen über 80 echte Gemälde im Miniformat.
Malerisches Mini-Märchen mit Malergilde: Im Bilderladen hängen über 80 echte Gemälde im Miniformat.  © Uwe Meinhold

So lässt sich das Werk bestaunen

5,40 m lang, 2,85 m hoch: Die Schöpfer des weltgrößten Einkaufstempels für Puppen wirken vor ihrem Kunstwerk wie "Gulliver im Land der Liliputaner".
5,40 m lang, 2,85 m hoch: Die Schöpfer des weltgrößten Einkaufstempels für Puppen wirken vor ihrem Kunstwerk wie "Gulliver im Land der Liliputaner".  © Uwe Meinhold

Das Puppenkaufhaus kann in der "Spielzeugdampfmaschinen- und Puppenstubenausstellung" der Kalitzkis in Werdau besichtigt werden, ist längst zu einer Sehenswürdigkeit in der Stadt geworden ist.

Es gibt Gruppenführungen und sogar Busreisen wie von Polster & Pohl zur Ausstellung. Doch Vorsicht, manchmal gibt man vor Ort schnell viel mehr als die vier Euro Eintritt aus (Kinder: 2,50 Euro, Familien: 10 Euro). Das Miniaturkunstwerk in Riesenmaßen weckt zuweilen Wünsche bei Besuchern, die zur Herausforderung für die Tüftler werden.

"So bestellte einer einmal seine heimische Blocksauna als 1:12-Kopie bei uns, ein anderer wollte einen Weinkeller en miniature nachgebaut heben", sagt Frank.

"Und erst vor Weihnachten bestellte eine dreiköpfige Familie sogar eine ganze Puppenvilla mit zwei Etagen. Sie hätten zum Aufstellen viel Platz dafür in ihrer Villa."

In dem Universalkaufhaus gibt es 45 Läden für alles, was das Puppenherz höher schlagen lässt.
In dem Universalkaufhaus gibt es 45 Läden für alles, was das Puppenherz höher schlagen lässt.  © Uwe Meinhold
Hier duftet es förmlich nach frischem Brot: Der Mohnstollen in der Bäcker- und Konditorei wurde mit echtem Mohn "gebacken".
Hier duftet es förmlich nach frischem Brot: Der Mohnstollen in der Bäcker- und Konditorei wurde mit echtem Mohn "gebacken".  © Uwe Meinhold

Doch in Werdau werden auch zerbrochene Kinderträume wieder geklebt. "Hier reparieren und restaurieren wir auch Puppenstuben, -häuser und Miniaturdampfmaschinen", sagt Berit. www.kalitzki-s-puppenkaufhaus.de

Titelfoto: Uwe Meinhold

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