Königstein - Nur etwa 23 Jahre lang baute die Wismut in Königstein Uran ab - allerdings ohne Rücksicht auf die möglichen Langzeitfolgen für Mensch und Umwelt. Um die Effizienz zu erhöhen, wurde das Erdreich in 300 Metern Tiefe sogar mit Schwefelsäure getränkt. Eine Hinterlassenschaft, die bis heute ihre Wirkung entfaltet. Seit 36 Jahren versuchen die Mitarbeiter der Wismut GmbH am Standort Königstein nun schon, die Säure zu stoppen - neuerdings sogar mit "Impfungen".
Der Standort Königstein ist nicht nur der östlichste Sanierungsstandort der Wismut GmbH in Sachsen, sondern auch einer der schwierigsten. Bei Produktionsende im Jahr 1990 befanden sich etwa zwei Millionen Kubikmeter schwefelsaure Porenwässer im Gestein, erzählt Ulf Jenk (60).
Seit 1992 arbeitet der Projektleiter für Wassermanagement am Standort Königstein mit. "Ich war sozusagen von Anfang an dabei", sagt er und erinnert sich gut an die Anfangsphase, in der zehn Jahre lang Modelle und über 300 Studien entwickelt wurden, um den besten Weg für die Sanierung in Königstein zu finden.
Während über Tage auf weiten Flächen der alten Urangewinnungsanlage inzwischen grüne Wiesen wachsen, ist das saure Problem unter Tage noch immer akut. Um das Grundwasser zu schützen, geht die Flutung des ehemaligen Uranbergwerks nur langsam voran.
Erst 2001 wurde von Nord nach Süd damit begonnen. "Die Schwefelsäure hat dabei nie das Umfeld der Grube verlassen", beruhigt Standortleiter Thomas Albrecht (58), der vor Ort etwa 70 Mitarbeiter koordiniert.
Auch weil von Anfang an die kontaminierten Grubenwässer kontinuierlich abgepumpt wurden - zunächst über die Schächte, dann über zwei gebohrte Förderbrunnen. Bis heute kamen 65 Millionen Kubikmeter saures Grubenwasser zusammen.
Bis 2021 wurde noch Uran gewonnen
Doch was passiert mit all dem sauren Wasser? Das wird zunächst in chemische Neutralisationsbecken geleitet. Dort fallen die Schwermetalle aus und setzen sich am Boden ab. Der kontaminierte Schlamm, der vor allem aus Eisenhydroxid besteht, das wiederum Schwermetalle wie Uran bindet, wird abgetrennt und in einem Sondereinlagerungsbereich der Abfallentsorgungseinrichtung Halde Schüsselgrund eingelagert.
Übrigens: Bis 2021 wurde sogar noch Uran gewonnen - circa 2000 Tonnen insgesamt - und dem europäischen Kernbrennstoffkreislauf zugeführt. Das gereinigte Wasser wird anschließend in ein Schönungsbecken gepumpt.
"Dort ist das Wasser schon sehr sauber. Aber es stellen sich noch chemische Gleichgewichte ein und die letzten Flocken setzen sich ab", beschreibt Albrecht. Ehe das Wasser in die Elbe geleitet wird, fließt es noch durch Mehrschichtfilter aus Kies und Aktivkohle und eine letzte Messstelle zur Überwachung der Wasserqualität.
Ein Teil der Säure konnte auf diese Weise schon aus dem Gestein gewaschen werden.
Aber: "Bei einem Schwamm hätten wir es leichter. Den drücke ich aus, lasse ihn dreimal vollsaugen und dann ist er sauber. Sandstein kann ich leider nicht ausdrücken. Deshalb ist das ein sehr langer Prozess", erklärt der Chemieexperte. So läge der ph-Wert der Grubenwässer auch nach einem Vierteljahrhundert noch immer bei 3. "Also immer noch sehr sauer", schätzt Ulf Jenk ein.
Um die Geschwindigkeit der unterirdischen Reinigung zu beschleunigen, wurde deshalb vor zwei Jahren ein neuer Großversuch gestartet. Zum Zuge kommt dabei einfache Chemie. So soll die Säure durch eine Lauge direkt in der Grube neutralisiert werden.
Natronlauge wird in die ehemalige Grube gepumpt
Dafür wurde im September 2022 ein Bohrloch am Schacht 398 bei Langenhennersdorf gebohrt. Eigentlich wollte man den Schacht treffen. Doch das Gestein machte den Planern einen Strich durch die Rechnung. "Wir sind einen halben Meter neben der Wand rausgekommen", erinnert sich Ulf Jenk. "Eine weitere Bohrung wäre sehr teuer gewesen. Deshalb haben wir uns entschieden, es mit einer kleinen Sprengladung zu probieren."
Nach einem lauten Rums im August 2023 war der Weg endlich frei. Nach ersten Probeinjektionen im Jahr 2024 werden inzwischen alle 14 Tage zwölf Tonnen Natronlauge in die ehemalige Grube gepumpt, wo es vom unterirdischen Wasser aufgenommen und entsprechend dem Gefälle von Süd nach Nord verteilt wird. Bisher wurden so etwa 620 Tonnen Lauge injiziert.
Jenk: "Wir sehen an bestimmten Parametern, dass es wirkt. Aber wir gehen sehr vorsichtig vor. Wir wollen die Säure neutralisieren und nicht stattdessen einen Laugeschaden verursachen. Unser Ziel ist es schließlich, weitgehend den ursprünglichen Zustand wieder herzustellen", erklärt der Experte.
"Aber das wird mindestens nochmal 25 bis 30 Jahre dauern", meint Thomas Albrecht.
Tipp: Am 27. Juni (10-16 Uhr) kann man zum Tag der offenen Tür der Wismut GmbH am Standort Königstein einen Blick hinter die Kulissen werfen. Eintritt frei. Infos: wismut.de/kommunikation/termine/