Viele Patente, aber kaum neue Firmen: Läuft Sachsens Erfindergeist ins Leere?

Sachsen - Dass in Sachsen besonders helle Köpfchen wachsen, bestätigt nicht nur der Spitzenplatz im alljährlichen Bildungsmonitor. Auch unsere Studenten lassen alle anderen Bundesländer weit hinter sich, wenn es um die Anmeldung von Patenten geht - an Sachsens Hochschulen wird pro Student mehr als doppelt so viel erfunden als im Bundesschnitt. Allerdings resultieren daraus viel zu wenige Unternehmensgründungen. Ein Dilemma, welches die Politik inzwischen erkannt hat.

Sachsens Studenten sind äußerst patent und pfiffig. Beim Patentamt nehmen sie eine Spitzenrolle ein, doch daraus resultieren zu wenige Start-ups.  © 123RF/wavebreakmediamicro

Eine aktuelle Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) legte erstaunliche Zahlen offen: Im bewerteten Vierjahreszeitraum meldeten Sachsens Unis und Hochschulen 5,4 Patente je 1000 Studierende an.

Die Nächstplatzierten Thüringen (4,2) und Baden-Württemberg (3,3) benötigen schon das Fernglas, um den Spitzenreiter zu erkennen. Der deutsche Schnitt liegt bei zwei Patenten je 1000 Studenten.

Als bundesweiter Leuchtturm für Erfindungsgeist steht die Technische Bergakademie Freiberg. Mit knapp 4400 Studierenden gehört sie zu den kleinen Hochschulen - doch mit 23,7 Patenten je 1000 Studierenden liegt sie nicht zum ersten Mal laut IW-Studie auf einem uneinholbaren Spitzenplatz.

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Nach absoluten Zahlen bleibt die TU Dresden (301,8 Patente in vier Jahren, 29.000 Studierende) erneut vor der TU München (232,6) und der Technischen Hochschule Aachen (221,1). Laut Bundesfinanzministerium meldeten Sachsens Hochschulen zwischen 2022 und 2025 exakt 555 Patente an.

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Je Student werden nirgends so viele Patente angemeldet wie an der TU Bergakademie Freiberg.  © Sebastian Münster/dpa

Einige Patente sächsischer Unis sorgen auch in Fachwelt für Aufsehen

Wissenschaftsminister Sebastian Gemkow (47, CDU) will den Hochschulen mehr Freiheiten für Firmengründungen einräumen.  © Sebastian Willnow/dpa/ZB

Sachsens Wissenschaftsminister Sebastian Gemkow (47, CDU): "Mit einem Schwerpunkt auf Natur- und Ingenieurwissenschaften an den sächsischen Hochschulen und dem an vielen Stellen spürbaren Forscher- und Erfindergeist haben wir ausgezeichnete Bedingungen für ein starkes Patentgeschehen."

Einige Patente sächsischer Unis sorgen auch in der Fachwelt für Aufsehen. Ein Beispiel wäre der im Institut für Massivbau der TU Dresden entwickelte Carbonbeton, mit dem sich Bauteile deutlich schlanker und ressourcenschonender konstruieren lassen.

Diese Erfindung mündet jetzt in ein neues Bauforschungszentrum in der Lausitz. Weiteres Beispiel: Die Bergakademie verkaufte 2023 ein Patent zum CO₂-freien Aluminium-Schmelzen an ein bestehendes Unternehmen.

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Gemkow: "Technologietransfer trägt mittel- und langfristig zu Wachstum und Wohlstand in Sachsen bei. Dazu gehören die Schaffung zukunftsorientierter Arbeitsplätze und die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit der regionalen Wirtschaft."

TU Dresden ist deutscher Patentführer

Sachsens Schwerpunkt auf Natur- und Ingenieurwissenschaften macht erfinderisch.  © Uwe Meinhold

So wurden in den letzten zehn Jahren rund 1100 Unternehmen aus den sächsischen Hochschulen ausgegründet. Der überwiegende Teil der Start-ups überstand auch die kritischen ersten fünf Jahre und behauptete sich am Markt.

Das mag sich zunächst viel anhören. Im Verhältnis zur sächsischen Flut an Patenten und Erfindungen ist dies allerdings eine viel zu geringe Ausbeute. So gab es beim deutschen Patentführer TU Dresden zwischen 2014 und 2024 nur 243 Gründungen von Start-ups (Platz zwölf unter deutschen Hochschulen).

Beim Patent-Zweitplatzierten TU München stehen dem 1035 neue Unternehmen gegenüber - mehr als das Vierfache. Aachen gründete in diesem Zeitraum 679 neue Firmen.

Dieses sächsische Dilemma soll mit der 2024 beschlossenen Hochschulinnovationsstrategie aufgelöst werden.

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Koalitionsvertrag sieht für Hochschulen und Forschungseinrichtungen mehr Spielraum vor

Der an der TU Dresden entwickelte Carbonbeton ist ein Vorzeigebeispiel, wie revolutionäre Ideen zur Marktreife gebracht werden.  © Matthias Rietschel/dpa

Damals wurde analysiert, dass die Unterstützungsangebote der Unis mangels Transparenz nicht hinreichend bekannt waren. Doch auch der Mangel an willigen und fähigen Gründern wurde beklagt.

Der aktuelle Koalitionsvertrag sieht für Hochschulen und Forschungseinrichtungen künftig mehr Spielraum vor, um sich an Firmengründungen zu beteiligen.

Bisher fehlt ihnen dazu auch das spezielle Know-how. Das geplante Wissenschaftsinnovationsgesetz, welches die Bremsen lösen soll, ist aber noch in der Pipeline.

Unter Federführung der TU Dresden startete vor einem Jahr die Start-up Factory boOst, welche aus Bundes- und Privatgeldern finanziert wird. Ehrgeiziges Ziel ist, dass bis 2030 jährlich 200 Start-ups in Bereichen wie Halbleitertechnologie, Chip-Design, Photonik und Gesundheitstechnik gegründet werden.

Das wäre eine Verdoppelung der jetzigen Rate.

Jenseits der staatlichen Hochschullandschaft beherbergt Sachsen ein wahres Gründungsmonster

Bei der Anzahl an Patenten ist die TU Dresden Deutschlands Spitzenreiter.  © Arno Burgi/dpa

Für andere sächsische Gründungsinitiativen wie DD|exist, Saxeed und das Gründungsnetzwerk Leipzig kam die Unterstützung lange Zeit hauptsächlich vom Bund.

Doch diese Unterstützung lief Ende 2025 aus. Sachsen zapft dafür nun europäische Fonds an. Allerdings ist die Kofinanzierung des Freistaates beim aktuellen Haushalt noch immer Gegenstand der Gespräche und damit ungewiss.

Jenseits der staatlichen Hochschullandschaft beherbergt Sachsen aber noch ein wahres Gründungsmonster: die private Handelshochschule Leipzig (HHL). Pro 1000 Studierende wurden hier zwischen 2014 und 2024 genau 202 Start-ups gegründet - Platz zwei in Deutschland.

Patente spielen hier zwar kaum eine Rolle, doch die erfolgreiche Gründung von Unternehmen und deren Etablierung durchzieht als DNA den ganzen Lehrplan.

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