Sachsen/Äthiopien - Es werde Licht! Wie in diesem berühmten Bibelzitat schrieb auch der sächsische Pfarrer Jochen Hahn (66) Schöpfungsgeschichte. Er gilt als Gottvater der Elektrifizierung abgelegener Gegenden in Afrika. Im Hochland von Äthiopien setzte er die traditionell dunklen Rundhütten unter Strom. 260 Familien eines Bauerndorfes sind jetzt mit den Errungenschaften westlicher Zivilisation gesegnet. Wenn da nicht ein anonymer Stromverschwender wäre...
Am Anfang war es nur ein Experiment, das heute dunkle Hütten in Afrika erleuchtet - eine Idee aus Sachsen. Die zündete 1997 im heimischen Vorgarten von Hahn in Rüsseina bei Nossen.
"Meine Kinder gruben einen Teich, setzten Fische aus und fragten mich nach einer Belüftungsmöglichkeit für das Wasser", erzählt Hahn. Zum Antrieb einer Pumpe tüftelte der Theologe an einem Windrad.
Aus seiner Luftpumpe für Fische wurde schließlich ein ansehnliches Windrad: In zwölf Metern Höhe drehte sich ein Rotor mit acht in griechischer Segeltuchtechnik bespannten Flügeln - sechs Meter im Durchmesser und mit 2500 Watt Leistung zur Stromversorgung.
Während der Prototyp stoisch Strom erzeugte, schleppte Hahn 2003 einen kleineren Rotornachbau auf seinem Anhänger zum ersten ökumenischen Kirchentag nach Berlin.
Der Wind war zu schwach
"Während die Deutschen nur fragten, ob sich das überhaupt rechnen würde, waren vor allem Kirchentagsgäste aus Südamerika, Indien und Afrika interessiert." So wie ein Äthiopier, der mit einem solchen Windrad elektrisches Licht in sein Heimatdorf im Hochland bringen wollte.
Also brach Hahn zu einer abenteuerlichen Exkursion nach Äthiopien auf. "Doch nachdem wir ein Windrad gebaut und errichtet hatten, mussten wir mehrere Jahre später feststellen, dass der Wind in dem Dorf einfach zu schwach war", erzählt Hahn und wurde zum Windsucher.
Erst auf den fast 3000 Meter hohen Gebirgszügen des afrikanischen Grabenbruchs, etwa 250 Kilometer südlich der Hauptstadt Addis Abeba, wehte ein geeignetes Lüftchen. Dort oben liegt Tula, das über Nacht zum Pionierdorf für das sächsische Elektrifizierungsprojekt auserkoren wurde.
"Wir fragten alle 2500 Dorfbewohner, ob sie Strom wollten, und alle waren begeistert." Schließlich wurden ihre fensterlosen Rundhütten, in denen sie zusammen mit ihren Tieren leben, nur durch Talglampen erleuchtet.
Photovoltaikanlagen zusätzlich nötig
2012 gründete Hahn den Verein Windenergie für Äthiopien e.V. (heute 20 Mitglieder) und begann mit einer Handvoll Mitstreiter mit der Elektrifizierung des Vorzeigedorfs. Antreiber war wieder ein Windrad, dessen Mast in einer Werkstatt in Addis Abeba geschweißt wurde.
"Mithilfe der Luftaufnahmen bei Google Earth plante ich das Stromnetz, das Jahr für Jahr erweitert wurde", erzählt Hahn. Dabei wurden zu jeder Hütte der 260 Familien isolierte Stromkabel gezogen.
"Das Geflecht wurde am Ende größer als gedacht, weil wir die Ortsgrenzen nicht genau kannten", sagt Hahn. Immerhin zieht sich Tula auf einer Länge von drei Kilometern durch das Hochland.
Um die Versorgung zu stabilisieren, müssen an den anderen Enden des Ortes inzwischen zwei Photovoltaikanlagen zusätzlichen Strom liefern. Seit vergangenem Jahr ist auch der entlegene Ortsteil Gambo-Village mit 15 Grundstücken im Tal angeschlossen.
Zu viele Fernseher am Netz
Mit dem Strom kamen neue Ideen nach Tula. Dank elektrischer Rasiermaschinen gründeten sich zwei Friseursalons im Ort. In zwei kleinen Läden und einer gemütlichen Schnapskneipe berieselt jetzt TV- und Radiogedudel die Kundschaft.
Und die zwei evangelischen Ortskirchen spendierten sich komfortables Flutlicht und leistungsstarke Lautsprecheranlagen für ihre wellblechgedeckten Kirchenhallen.
Eigentlich sollten mit dem Strom nur 6-Watt-LED-Lampen in den Hütten sowie kleine Radios und Ladegeräte versorgt werden. Die meisten Dorfbewohner halten sich an diese Beschränkungen. Doch nicht alle.
"Inzwischen gibt es schon 27 Fernseher in Tula, die das Netz zu überlasten drohen", sagt Hahn und empfahl auf der Dorfversammlung bei seinem letzten Afrikabesuch im Januar, einen gemeinschaftlichen Fernsehraum einzurichten.
Johann oder Jochen Hahn?
"Ich erklärte es so, dass man aus einem 1-Liter-Topf nicht zwei Liter Wasser entnehmen kann." Zudem lässt ein illegaler Großverbraucher am Morgen regelmäßig die Sicherungen glühen.
Hahn: "Wir vermuten, da schließt jemand verbotenerweise einen Wasserkocher an. Nach dem ominösen Stromschlucker soll jetzt gefahndet werden."
Seit 21 Jahren fährt der inzwischen pensionierte Pfarrer jedes Jahr mit Vereinsmitgliedern nach Äthiopien. Sie spielen mit den Kindern Fußball, bauen Drachen mit ihnen.
Nach Abschluss der erfolgreichen Elektrifizierung wünscht sich Hahn jetzt, dass im schulischen Werkunterricht elementare Elektrokunde vermittelt wird: "Dadurch könnten junge Leute aus dem Ort das System künftig selber warten."
So wird vielleicht schon bald im Lexikon stehen: Die Elektrifizierung der äthiopischen Dörfer begann mit Johann Hahn. Johann? "Ja, Johann", schmunzelt Hahn. "So nennen mich in Afrika alle, weil sie Jochen nicht aussprechen können." Infos: https://creaprotect.de.
So funktioniert das Netz
Wie funktioniert das Afrika-Netz? Wind- und Sonnenenergie sowie bei Flaute ein Dieselaggregat speisen eine Batterie, die extra aus Deutschland eingeschifft wurde. Sie liefert durchgängig Strom für alle Haushalte.
"Die Batterie hat etwa eine Kapazität von drei Elektroautos", vergleicht Hahn. "Allein das Hauptelektrohaus liefert 1800 bis 2000 Watt für alle LED-Lampen in den 150 Hütten. Das entspricht etwa dem Energiebedarf von zwei Kochplatten hierzulande." Damit kein Brand in den Hütten entsteht, schützen Haussicherungen das System ab.
Drei ausgebildete Techniker aus dem Dorf betreuen die 230-Volt-Anlagen, setzen Steckdosen und Dosensicherungskästen. Spezielle Nachtwächter schlafen nachts abwechselnd zum Schutz in den Generatorhäuschen. Jede Familie zahlt monatlich pauschal 55 Äthiopische Birr (etwa 30 Cent) Stromgeld. Hahn: "30 Familien sind aus sozialen Gründen allerdings ausgenommen."
Für das Hahnsche Elektrifizierungsprojekt wurden oberirdisch über 30 Kilometer Stromkabel verlegt. Sie ruhen auf im Boden eingegrabenen Stämmen von jungen Eukalyptusbäumen (Durchmesser: etwa 10 cm) und werden jetzt zum Problem. "Nach etwa sieben Jahren beginnen die Masten zu faulen, müssen ersetzt werden", erklärt Hahn.
Damit nicht erst Kabel abstürzen, hat er jetzt eine Mast-Prämie in Höhe von 200 Birr (1,12 Euro) ausgesetzt. Die wird den drei Technikern pro Mastaustausch ausgezahlt, nachdem sie das morsche Stangenholz ersetzt haben. Zum Vergleich: Ein Liter Benzin kostet in Äthiopien 120 Birr (67 Cent).