Experimente statt Erfolge: Hansi Flick und DFB-Team weiter auf Schlingerkurs

Warschau - In ziemlich genau einem Jahr startet für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft die EM im eigenen Land. Doch von Euphorie und EM-Form ist auch nach dem 0:1 (0:1) am Freitagabend in Warschau nichts zu spüren.

Zum Verzweifeln: Hansi Flick hatte an der Seitenlinie kein leichtes Spiel.
Zum Verzweifeln: Hansi Flick hatte an der Seitenlinie kein leichtes Spiel.  © Christian Charisius/dpa

2:3 gegen Belgien, 3:3 gegen die Ukraine, jetzt 0:1 gegen Polen. Das DFB-Team kommt weiter nicht richtig in den Tritt. Ein Jahr vor der Heim-EM fehlen dem Team von Trainer Hansi Flick (58) weiter grundlegende Dinge.

Damit ist in diesem Fall weniger die Einsatzbereitschaft und Leidenschaft des Teams gemeint. Vielmehr hakt es am Zusammenspiel, an Automatismen, am Selbstverständnis.

Ganze neun Änderungen nahm Bundestrainer Flick im Vergleich zum Ukraine-Spiel am Montag vor. Logisch, dass binnen weniger Trainingstage bei der neu zusammengestellten Formation nicht alles glattlief.

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Unter anderem ließ Flick mit Niclas Füllkrug (30) den Torjäger vom Dienst draußen, setzte auf Benjamin Henrichs (28) als linken Schienenspieler. Eine Rolle, die dieser selbst bei seinem Klub RB Leipzig nur im äußersten Notfall einnimmt. Zumal mit David Raum (25) und Robin Gosens (28) zwei Spezialisten für diese Aufgabe auf der Bank saßen.

Und der spät angereiste Champions-League-Sieger İlkay Gündoğan (32)? Durfte keine einzige Minute ran, was wiederum die Sinnhaftigkeit seiner Nominierung per se infrage stellt.

Malick Thiaws Länderspieldebüt macht der deutschen Nationalmannschaft Mut!

Unbeeindruckt: Debütant Malick Thiaw (21, Nr. 26) legte ein reifes Länderspiel-Debüt hin.
Unbeeindruckt: Debütant Malick Thiaw (21, Nr. 26) legte ein reifes Länderspiel-Debüt hin.  © Christian Charisius/dpa

"Wir brauchen Ergebnisse", forderte der Bundestrainer direkt nach Spielschluss. Dabei muss er sich nicht wundern, warum bei seinem Team "die Überzeugung einfach noch nicht da" ist. Durch seine ständigen Personalrochaden gibt er der Mannschaft gar nicht die Möglichkeit, sich auf dem Feld zu finden.

Was bitter notwendig wäre, denn je nach Lesart ist man seit drei Länderspielen sieglos, holte aus den jüngsten zehn Auftritten nur drei Erfolge oder aus den vergangenen 15 Spielen vier Siege.

Insbesondere offensiv läuft wenig zusammen, viel Ballbesitz (76 Prozent) bedeutete am Freitagabend in den meisten Fällen weder Raumgewinn noch Ertrag. Von den wenigsten der 26 Schüsse aufs polnische Gehäuse ging Gefahr aus, den Rest entschärfte Schlussmann Wojciech Szczęsny (33) bravourös.

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Will man nach Mutmachern suchen, dann sei Debütant Malick Thiaw (21) genannt, der ein starkes erstes Länderspiel hinlegte. Außerdem erarbeitete sich das Team zahlreiche Torchancen nach Standardsituationen, was auch eher Seltenheitswert hatte.

Am Ende stand dennoch vorne die Null und die Erkenntnis, dass viel Experimentieren kurzfristig weder zu Erfolg noch einem guten Gefühl führt. Letzteres betrifft die Mannschaft wie die gesamte deutsche Fußballnation gleichermaßen.

Die letzte Chance, den deutschen Fans vor der Sommerpause einen Leckerbissen zu bieten, hat die Nationalelf am Dienstagabend auf Schalke. Dann geht es gegen Kolumbien (20.45 Uhr, RTL).

Titelfoto: Christian Charisius/dpa

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