Von Johannes Sadek und Nehal El-Sherif
Rabat (Marokko) - Hunde liegen tot am Straßenrand, im Gebüsch oder mit Schusswunden auf dem Asphalt. Mal wird ein von Fliegen umschwärmter Kadaver in einen Container oder ein Flussbett geworfen, mal kommen Männer mit Zangen und Netzen, fangen die Tiere und fahren sie mit Lieferwagen davon - so berichten es Augenzeugen und Tierschützer. In Marokko läuft ihnen zufolge eine Jagd auf Straßenhunde, und einige sehen den Versuch, die Straßen vor der Fußball-Weltmeisterschaft im Jahr 2030 frühzeitig zu "säubern".
Unabhängig überprüfen lassen sich die einzelnen Fälle nicht. Aber die vielen, oft nur schwer zu ertragenden Fotos, Videos und Schilderungen aus Städten wie Rabat, Fes und Agadir deuten darauf hin, dass die Fälle sich häufen.
Ein Anwohner in Casablanca beschrieb gegenüber der Deutschen Presse-Agentur, wie Angestellte einer städtischen Behörde regelmäßig Hunde zu einer Müllverbrennungsanlage fahren, wo sie dann verbrannt würden. Andere beschreiben, wie Hunde erschossen oder an einer Mülldeponie lebend vergraben wurden.
Bis Fußballfans zur WM 2030 nach Marokko reisen, einem der Haupt-Gastgeber zusammen mit Spanien und Portugal, sind es noch vier Jahre. Die Tierschutzallianz IAWPC beschreibt aber schon jetzt ein "verschärftes" Fangen und Töten der Hunde, seit das nordafrikanische Land im Dezember 2024 den WM-Zuschlag erhalten hat.
Die Organisation PETA, die auch Teil der Allianz ist, spricht von einem "massenhaften Abschlachten". Andere sagen dagegen, die gewaltsamen Methoden seien schon vorher verbreitet gewesen.
Marokkos Innenministerium weist Vorwürfe zurück
Marokkos Innenministerium erklärt auf Nachfrage, große internationale Ereignisse im Land würden einen "zusätzlichen Anreiz" geben, laufende Programme zum Umgang mit Hunden zu "beschleunigen". Einen direkten Zusammenhang zur WM gebe es aber nicht.
Vorwürfe von Tötungen weist die Regierung zurück. Vielmehr laufe seit 2019 ein Programm, um die Hundepopulation mit Kastrierungen und Impfungen schrittweise zu senken.
"Es gibt keine organisierte Kampagne, um streunende Hunde auf der Straße zu töten", heißt es aus dem Innenministerium. Fotos oder Videos von "isolierten Vorfällen" spiegelten "in keiner Weise" den Ansatz des Königreichs, nämlich Fangen, Kastrieren, Impfen und zurück auf die Straße setzen, abgekürzt bekannt als "TNVR".
So beschrieb es auch Omar Jaid, Präsident des örtlichen Tourismusrats in Irfane, gegenüber CNN. Die in der Nähe von Fes liegende Stadt, wo einige WM-Spiele stattfinden sollen, habe begonnen, "die Straßen von Straßenhunden zu säubern als Teil unserer Vorbereitungen" für das Turnier. Die Tiere würden eingesammelt, zu Heimen gebracht und dort geimpft.
Nur widerspricht diese Darstellung unter anderem einer Recherche des Online-Magazins "The Athletic". Demnach bestellte eine örtliche Behörde in Marokko schon vergangenen Herbst 1000 Schuss Munition, um sie gegen Straßenhunden einzusetzen. Vor dem Africa Cup of Nations (AFCON) in Marokko im vergangenen Jahr wurden Hunde nach Informationen des Magazins verbrannt oder in einem Schlachthaus nahe Marrakesch systematisch getötet.
Auch CNN hat Videos von Keulungen in Marrakesch, Casablanca, Agadir und Irfane verifiziert. Und was hinter den Zäunen und Mauern der Heime geschieht, bleibt meist verborgen. IAWPC erklärt, dass Hunde in den Einrichtungen vergiftet würden und dann "einfach verschwinden". Einige Politiker haben solche Berichte als Fake News angeprangert.