Union-Berlin-Blog: Stuttgart rettet Remis gegen bärenstarke Unioner

Berlin - Eisern: In einer Personal-Union aus drei waschechten Berliner Fußball-Fan-Originalen gibt es bei TAG24 den Union-Berlin-Blog.

Christian Beeck, Jürgen Heinemann und Tobias Saalfeld.
Christian Beeck, Jürgen Heinemann und Tobias Saalfeld.  © Archiv

Die Autoren:

Icke (Jürgen Heinemann) ist seit Mitte der Siebzigerjahre Unioner und als Betriebswirt seit über 30 Jahren im Vertrieb tätig. Er ist verheiratet und hat ein erwachsenes Kind. Icke lebt heute in Grünheide und schreibt hier als Gründer des Blogs.

Unionfux (Tobias Saalfeld) ist seit über 40 Jahren Unioner, er arbeitet als Freischaffender für Bühne, Funk und Fernsehen, auch dort schreibt er.

Flummi-Pause, Traumtor, Rote Karte: Union Berlin rettet in Unterzahl Remis in Augsburg
1. FC Union Berlin Flummi-Pause, Traumtor, Rote Karte: Union Berlin rettet in Unterzahl Remis in Augsburg

Beecke (Christian Beeck), Ex-Bundesliga-Spieler (Hansa, Cottbus), Ex-Union-Manager, 21 Länderspiele für DDR-Junioren, stammt aus dem eigenen Nachwuchs von Union. Beecke hat zwei Kinder. In unserem Union-Blog fungiert Beecke als Berater.

18. Januar: VfB Stuttgart rettet Unentschieden gegen bärenstarke Unioner

Union Berlin und der VfB Stuttgart haben sich am 18. Bundesliga-Spieltag die Punkte geteilt.
Union Berlin und der VfB Stuttgart haben sich am 18. Bundesliga-Spieltag die Punkte geteilt.  © Marijan Murat/dpa

Icke: Diese Überschrift ist cool, oder? Die meisten Fußball-Anhänger hätten das genau umgekehrt erwartet. Wenn sie überhaupt (vorher) einen Pfifferling auf Union gesetzt hätten. Und ist das denn überhaupt beweisbar? JA! Die Spieldaten lügen nicht. 20 Torschüsse gab Union ab, nur 13 der VfB. Dabei hatte Union auch noch die größeren Chancen. Knapp zwei Kilometer rannten die Köpenicker mehr als die Schwaben. Auch das ist eine Hausnummer. 14 Flanken gab Union in das gegnerische Zentrum. Die Schwaben schafften nur acht. Richtungsweisend war auch, dass 50 Prozent aller Dribblings beim 1. FC Union erfolgreich waren. Bei der Garde der Nationalspieler auf der Schwaben-Seite waren es müde 30 Prozent. Bei den Ecken führten wir grandios mit acht zu drei. Das sind Argumente, die überraschen. Ja wir waren einfach die bessere Mannschaft.

Weil es so selten ist, muss an dieser Stelle Schiedsrichter Aytekin gelobt werden. Er hatte alles im Griff, sah sehr vieles. Vor allem aber sah er die diversen Schauspieleinlagen der Stuttgarter, allen voran von Nationalspieler und Ex-Unioner Leweling, der sich ständig auf den Rasen schmiss und laut losheulte. Aytekin fiel nicht darauf rein. Das Einzige was fehlte, waren ein paar Gelbe Karten für die schwäbischen Schauspieler.

Baumgart änderte bei Union, wie wir schon angekündigt hatten, Etliches. Geschuldet der Wettbewerbsverzerrungen gegen uns: Acht Spiele in drei Tagen (inklusive Donnerstagspiel). So besetzte er die Außenpositionen neu. Haberer (rechts) und Juranovic (links) kamen neu rein. Burcu und Kemlein spielten auf den offensiven Halb-Positionen und ganz vorn spielte wieder Ilic. Und genau jener Ilic hatte eine von mehreren (unserer) Tausend-Prozenter auf dem Schlappen. Allein vor dem Tor traf er nur den Pfosten. In der 59. Minute stellt dann Nationalspieler Führich das Spiel auf den Kopf. Trocken zieht er von der Strafraumgrenze ab und überrascht damit alle. Und ja, in der 2. Halbzeit haben die Schwaben zehn bis zwölf Minuten dabei, wo sie uns einschnüren. Das endet aber schnell wieder und wir laufen weiter an. Wie viel Respekt die Stuttgarter vor den starken Unionern hatten, zeigt auch ihr Trainer Hoeneß, als er in der 71. Minute mit Jeltsch einen zusätzlichen Innenverteidiger in ihr Spiel nahm.

Union Berlin erkämpft Punkt in Stuttgart: Nächster Joker trifft
1. FC Union Berlin Union Berlin erkämpft Punkt in Stuttgart: Nächster Joker trifft

Dann aber kommt die 83. Minute. Der eingewechselte Nsoki bricht auf links durch, bringt den Ball nach innen, wo der ebenfalls eingewechselte Jeong zum 1:1 einschiebt. Das war mehr als verdient für uns. Stuttgart musste über das gesamte Spiel gesehen, mit einem Punkt sehr zufrieden sein. Gern wiederhole ich das … Union hatte nicht nur mehr Torschüsse, sondern auch die größeren Chancen. Nach unserem Ausgleich hatten wir noch einmal drei Chancen den Sieg festzuzurren. Zwei davon von der Marke "Luft anhalten".

Vor dem Spiel hätte ich einen Punkt "blind" gekauft. Nach dem Spiel, waren drei Punkte nicht nur drin, sondern wären auch verdient gewesen. Egal, wir hamstern gerade wie die Eichhörnchen. Ein Punkt in Stuttgart, ein Punkt in Augsburg, ein Punkt gegen Mainz. Davor in Köln gewonnen und Leipzig geschlagen. Die letzten fünf Spiele, mit zwei Siegen und drei Unentschieden können sich sehen lassen. Nächsten Samstag empfangen wir Dortmund. Die dürfen sich warm anziehen. Wir wollen nämlich mit der Punkte-Sammlerei mitnichten aufhören. Eisern.

16. Januar: Das goldene Händchen an einem eigentlich gebrauchten Abend

Das erlösende Tor: Marin Ljubicic (23, l.) erzielt den Last-Minute-Ausgleich.
Das erlösende Tor: Marin Ljubicic (23, l.) erzielt den Last-Minute-Ausgleich.  © Harry Langer/dpa

Unionfux: Die Mannschaft hat offensichtlich den Präsidenten verstanden, denn das letzte Spiel der Hinrunde in Augsburg ist spielerisch ziemlich übersichtlich - zum Glück aber von beiden Seiten.

Wir beginnen im Gegensatz zum Mainzspiel diesmal mit Trimmel, Schäfer, Ansah und Jeong für Haberer, Kemlein, Ilic und Burcu, haben in der ersten halben Stunde durchaus mehr vom Spiel als die Gastgeber und obendrein die unbestritten besseren Chancen, so köpft Schäfer einen Aufsetzer nach guter Burke-Flanke knapp übers Tor, kurz danach hat Jeong die Führung auf dem Fuß, aber Augsburg-Keeper Dahmen kann abwehren und schließlich schießt Burke aus aussichtsreicher Position rechts vorbei. Dann werfen die Augsburger Fans aus Protest gegen den Spieltermin eine Menge Flummis aufs Feld, aber irgendwoher müssen die Fernsehgelder ja auch kommen, auch wenn das für den Stadionzuschauer nicht immer kommod ist.

Im Anschluss an diese Aktion kommt von unserer Seite nur noch wenig, während Augsburg plötzlich Druck macht und auf die Führung drängt, auch wenn es im Grunde nicht allzu gefährlich wird. Doch dann zieht Claude-Maurice in der letzten Minute der Nachspielzeit nach einem zu kurz abgewehrten Ball aus achtundzwanzig Metern ab und lässt Rönnow keine Chance, die Kugel dreht sich weg und schlägt unter Zuhilfenahme der Lattenunterkante im oberen rechten Eck ein - klassisches Traumtor zur Unzeit, der das bisherige Spiel vielleicht nicht ganz, jedoch zumindest teilweise auf den Kopf stellt. In der zweiten Hälfte merkt man, dass den Augsburgern die Führung gut getan hat, jetzt haben sie die besseren Möglichkeiten: nach einer knappen Stunde zirkelt Claude-Maurice einen Freistoß an den rechten Pfosten, kurz danach kommt Kade mittig frei zum Schuss, hier haben wir doch etwas Glück und Rönnow. Querfelds Freistoß wird per "Schutzhand" (die es ja eigentlich nicht gibt) geblockt, sowohl Schiedsrichter Badstübner als auch der VAR lassen das durchgehen, warumauchimmer.

Drei Minuten köpft Querfeld knapp vorbei, Augsburg vergibt durch Banks, Khedira schießt aus elf Metern über den Kasten, der Ball ist, zugegeben, schwer zu nehmen. Kömür schießt ebenfalls etwas überhastet drüber, Fellhauer kann kurze Zeit später alles klar machen, aber wieder hält Rönnow. Dann überschlagen sich, zumindest in diesem eher ereignisarmen Spiel, die Ereignisse: erst blockt Zesiger eine Flanke des eingewechselten Kral mit dem Arm, wieder hält das Schiedsrichtergespann das nicht für erwähnenswert, auch wenn das jetzt keine glasklare Situation ist. In der Folge versucht Köhn einen Konter im Mittelfeld zu verhindern, spielt klar den Ball, kriegt das Bein aber nicht schnell genug runter und erwischt so den reinlaufenden Essende an der Schulter - für mich bestenfalls Gelb, weil unabsichtlich und auch nicht allzu schwer, doch Badstübner zieht glatt Rot, auch das hätte der VAR zumindest zur Ansicht freigeben können - irgendwie passt das zu einem gebrauchten Abend, an dem wohl nichts zu holen ist, andererseits: ist die Oper nicht erst aus, wenn die dicke Frau aufhört zu singen?

Sechs Minuten gibt es obendrauf, da spielt Rönnow nach anderthalb Zeigerumdrehungen einen langen Ball, den Ljubicic per Kopf zu Ilic weiterleitet, der wiederum, heftig von Schlotterbeck bedrängt, irgendwie auf rechts zum durchstartenden Kral durchstochern kann, der flankt, Ilic bringt den Ball technisch stark mit dem rechten Außenrist vors Tor und der eingewechselte Ljubicic steht da, wo ein Mittelstürmer stehen muss und lenkt ihn, ebenfalls mit dem rechten Außenrist, geistesgegenwärtig ins linke Eck - da ist doch tatsächlich noch der etwas unerwartete Ausgleich, zu zehnt, in der Nachspielzeit und durch drei Einwechsler! Der überraschte und noch mehr schwer enttäuschte FCA macht danach zwar noch mächtig Betrieb, aber wir verteidigen konsequent alles weg und zum Schluss hält Rönnow im Anschluss an die letzte Ecke des Spiels einen Kopfball von Rieder - so holen wir schließlich das erste Auswärtsunentschieden der Saison.

Unterm Strich ist der Punkt sogar verdient, auch wenn er doch etwas glücklich ist, in einem ansonsten mäßigen Spiel, in dem wir eben vom Glück nicht gerade verfolgt sind, auch weil alle kritischen Szenen gegen uns entschieden werden. Möglicherweise fühlt sich Augsburg nach dem zu harten Platzverweis zu sicher, die drei Punkte in Schwaben zu behalten, denn im entscheidenden Moment sind sie hinten zu unsortiert und fahrig und so können wir den Kontrahenten schlußendlich auch in der Tabelle auf Abstand halten, insgesamt gesehen lief dieser siebzehnte Spieltag gar nicht so übel für uns. Was kann man aus diesem Spiel mitnehmen? Zum Beispiel, dass der ungeliebte Ljubicic sein zweites Tor hintereinander macht, sollte uns zu denken geben, ich finde, der Junge hat sich weitere Chancen verdient (und die hat er nun wirklich nicht so wirklich bekommen) - und Ilic weist mit seinem achten Assist seine unbedingte Berechtigung für unser Spiel nach, da kann sich eine Torflaute schon mal relativieren. Und Trimmel kann sehr wohl noch neunzig Minuten plus Nachspielzeit gehen, also müsste eine weitere Vertragsverlängerung nur noch Formsache sein, oder?

Wir schließen die Hinrunde also auf einem einstelligen Tabellenplatz ab, elf Punkte entfernt von der Relegation, mit einer ausgeglichenen Statistik: sechs Siege stehen sechs Niederlagen und fünf Unentschieden gegenüber, nach der Hälfte der Spielzeit haben wir mehr als die Hälfte der Ernte eingefahren. Ein guter Ansatz für den zweiten Teil der Saison, die schon am Sonntag in Stuttgart beginnt. Wenn wir jetzt noch spielerisch etwas draufsatteln können (das müssen wir ja Dirk Zingler nicht unbedingt auf die Nase binden), dann ist vielleicht sogar noch etwas mehr als der sichere Klassenerhalt drin. Das hängt natürlich auch davon ab, wie sich das Transfergeschäft in den nächsten zweieinhalb Wochen so entwickelt - aber die Aussichten sind doch ganz ordentlich. Auch, weil Baumgarts Einwechselhändchen immer goldener wird und letztlich selbst so einen eigentlich gebrauchten Abend rausreißt - chapeau und weiter so!

14. Januar: Jeder, der Fußball bei uns entwickeln will, fliegt raus

Dirk Zingler (61) äußerte sich in einem Interview über Kritik angesichts der fehlenden fussballerischen Weiterentwicklung.
Dirk Zingler (61) äußerte sich in einem Interview über Kritik angesichts der fehlenden fussballerischen Weiterentwicklung.  © Andreas Gora/dpa

Unionfux: Gestern erscheint in der BZ ein Interview unseres Präsidenten Dirk Zingler (61), das der allseits bekannte Matthias Koch anläßlich des unmittelbar bevorstehenden 60-jährigen Vereinsjubiläums mit ihm führt und ich will hier auf eine ziemlich interessante Aussagen eingehen: Zingler äußert sich über Kritik angesichts der fehlenden fussballerischen Weiterentwicklung mit den relativ eindeutigen Worten „Jeder, der Fußball bei uns entwickeln will, fliegt raus“. Aha. Zingler dazu weiter: "Lasst uns versuchen, mit den Mitteln und Rahmenbedingungen, die uns zur Verfügung stehen, erfolgreichen Fußball zu spielen. Das ist etwas, was wir verlangen im Klub: pragmatischen und erfolgreichen Fußball und nicht Fußball, der hohe Risiken beinhaltet, der Spielertypen benötigt, die wir uns gar nicht leisten können. Man darf spielerische Weiterentwicklung beim 1. FC Union verlangen und fordern, aber es wird sie nicht geben.“

Seltsame Aussagen, zumindest in dieser kategorischen Art und Weise. Nun weiß man ja, dass Dirk Zingler gerne mal auf den Schlamm haut, um eine gewisse nötige Aufmerksamkeit zu erringen. Nichtsdestotrotz sollte ihm schon das Unausweichliche seiner Formulierungen klar sein. Natürlich wollen und müssen wir erfolgreich Fußball spielen, nur kann doch der Weg dahin nicht ausschließlich in der schlechtesten Passquote und dem geringsten Ballbesitz der Liga liegen. Dass wir uns bestimmte Spielertypen nicht leisten können - schon klar. Zwischenzeitlich haben wir jedoch z. B. mit einem Max Kruse Ausnahmen hinbekommen, der Unterschied war offensichtlich. Doch sogar, als uns Kruse verlassen hat, um zwar finanziell aufzusteigen, aber sein fussballerisches Ende einzuläuten, spielten wir weiter erfolgreich und attraktiv, erreichten sogar die Champions League. Ungefähr die Hälfte der damaligen Spieler ist noch bei uns und der Rest war auch nicht gerade spektakulär, was die Namen betrifft. Das zeigt nur, dass es sehr wohl möglich ist, gut und erfolgreich zu spielen, auch ohne extrem teure Verpflichtungen. Denn mit denen begann in der Saison darauf das Fiasko, vornehmlich weil das funktionierende Mannschaftsgefüge durcheinandergebracht wurde und besserer Fußball weitgehend ausblieb.

Davon abgesehen: jede Mannschaft braucht Weiterentwicklung, denn Stagnation kann wohl kaum der Weg in die Zukunft sein. Besserer Fußball heißt ja nicht automatisch Zauberfussball a la FC Barcelona oder, um im Land zu bleiben, Bayern München zu betreiben und heißt auch nicht, dass man mit solchen Mannschaften spielerisch mithalten soll und will. Besserer Fußball heißt für mich: höhere Stabilität in den Leistungen, Verbesserung der einzelnen Spieler, mögliche Lösungen gegen tiefstehende Gegner zu erarbeiten (sonst müssen wir vorm Tabellenletzten weiterhin mehr zittern als vorm Tabellenführer), denn der lange Ball führt auch bei uns selten zum Erfolg, mehr Präzision im unbedrängten Passspiel sowie in der Ballannahme und Weiterverarbeitung (sowas kann man trainieren), dazu bessere Antizipation und eingespielte Laufwege. Dadurch könnte man nämlich das Risiko minimieren und nicht etwa erhöhen - und es bedeutet nicht, gleichzeitig weniger zu kämpfen und zu laufen oder defensive Aufgaben zu vernachlässigen.

Spielertypen wie Benes oder auch Leweling würden uns eigentlich weiterbringen und nicht etwa gefährden, vielleicht nicht innerhalb weniger Wochen, aber auf längere Sicht. Null Risiko funktioniert weder im Fußball noch im Leben, es wiegt einen eher in einer nicht vorhandenen Sicherheit. Und wenn Dirk Zingler glaubt, dass bei Schweinefußball trotzdem siebzigtausend Zuschauer ins Olympiastadion strömen (und uns zujubeln wollen und nicht etwa dem Gegner) und dabei viertausend teure Business-Seats besetzt werden, wovon er im Interview, angesichts der finanziellen Möglichkeiten („Schlaraffenland“), ebenfalls spricht, dann könnte er einem Irrtum erliegen. Der harte (Zuschauer)Kern des Vereins ist nämlich nicht so groß und die Eventies stehen dauerhaft weder auf das Oly (wie denn auch?) noch auf Fußball, der sich freiwillig auf das Nötigste beschränkt. Ganz davon zu schweigen, dass so ein Fußball höchstwahrscheinlich in den Abstieg führt und dieser ist dann in der Folge schwer zu korrigieren, wie verschiedenste Beispiele eindrucksvoll zeigen.

Insofern brauchen wir unbedingt Weiterentwicklung und Spielertypen, die Fußball spielen wollen und können - natürlich alles im Rahmen der Möglichkeiten und mit Augenmaß. Ein Trainer und ein Sportdirektor in einem Verein wie dem unseren sind ja automatisch mehr gefordert, gerade weil sie nicht aus dem Vollen schöpfen können, sie müssen sich was einfallen lassen, wie man das vorhandene Potential optimal einsetzt. Fehleinschätzungen kann man sich da natürlich weit weniger leisten als bei den Schwergewichten der Branche, das macht es fraglos ziemlich schwierig. Doch von vornherein sportliche Weiterentwicklung per Dekret abzublasen - das ist schwer zu verstehen und zeugt eher von Schwarz-Weiß-Denken. Zudem ist es unattraktiv für die meisten ambitionierten Spieler, wenn es nicht gerade Defensivspieler sind. Deswegen halte ich solche markigen Aussagen nicht nur für schwierig, sondern sogar für verkehrt, halten zu Gnaden. Auch wenn es natürlich dem alten und oft zitierten Satz folgt: „Ick jeh nich' zum Fußball, ick jeh zu Union!“. Nur sollte so ein launiger Spruch eher nicht die Vereinsphilosophie bestimmen, selbst wenn er überwiegend seine Berechtigung hatte, schönen Fußball gab es in meinen 47 Jahren Union tatsächlich eher selten.

Ich gehöre trotzdem zu denen, die weiterhin eine spielerische Weiterentwicklung beim 1. FC Union anmahnen werden (verlangen und fordern kann ich sie sowieso nicht). Dass Pragmatismus und Erfolg dabei an erster Stelle stehen, versteht sich von selbst. Nur schließt das eine das andere eben nicht aus. Da Trainer Steffen Baumgart nicht rausfliegt, sondern sein Vertrag vielmehr heute verlängert wurde, scheint er dem Auftrag des unbestritten allmächtigen Präsidenten ja zu folgen. Ich hoffe insgeheim, nicht allzu kategorisch. In der einen oder anderen Viertelstunde blitzte ja durchaus mal was auf…

12. Januar: Wir nehmen die Wettbewerbs-Verzerrung an – Doppelte Punkte-Angebote bei den Augsburger und Stuttgarter Schwaben

Vor Union Berlin liegt eine anstrengende Woche.
Vor Union Berlin liegt eine anstrengende Woche.  © Soeren Stache/dpa

Icke: Die völlig überdimensionierte und künstlich aufgeblasene Weltmeisterschaft im Sommer 2026 hat Auswirkungen auf den Spielplan des 1. FC Union Berlin. Negative Auswirkungen! Aber auch die "Spielplanungs-Experten" beim DFB hätten mit mehr Kompetenz eine bessere Lösung finden müssen. Nun haben wir den Salat.

Am Samstag absolvierten wir unser normales Punktspiel gegen die Mainzer. Müssen am Donnerstagabend (20.30 Uhr) in Augsburg antreten, um dann am Sonntagnachmittag (15.30 Uhr) gleich wieder beim VfB Stuttgart zu spielen.

Drei Spiele in acht Tagen. Zwischen Augsburg und Stuttgart haben wir gerade mal 48 Stunden Rekonvaleszenz-Zeit. Warum wir hier keinen Protest eingelegt haben, verwundert mich. Wahrscheinlich schätzen Dirk Zingler und Oskar Kosche unsere Chancen dabei gering ein. Ich auch, gemacht hätte ich es trotzdem. Es ist schlichtweg eine Wettbewerbs-Verzerrung. Es trifft eben nicht alle Mannschaften gleich schlecht. Nun aber ist der Drops gelutscht.

Auf Grund der Auswärtsspiele und der Konzentrationshäufigkeit in dieser Woche erwartet keiner etwas von uns. Zwei Niederlagen wären "das Normale". Aber genau hier werden wir hoffentlich überraschen. Zumal die Augsburger gerade frisch verprügelt worden sind. 0:4 in Gladbach unterzugehen, das ist schon bitter. Allerdings gehören die Augsburger nicht wirklich zu unseren Lieblingsgegnern. Von insgesamt 16 Duellen – konnten wir gerade einmal zwei Spiele gewinnen. Es ist dringend angebracht, diese Statistik zu verbessern. Wenn es kompliziert wird, sind wir aber meist voll da.

Augsburg liegt auf Platz 15. Zwei Punkte hinter dem Relegationsplatz. Sie brauchen ganz dringend einen Dreier. Trainer in Augsburg ist Manuel Baum. Er ist der Interims-Trainer mit Vertrag bis zum 30. Juni 2026. Ein wenig rumort es dort immer noch. Und Baum macht teilweise komische Dinge. Zum Beispiel beordert er den Berliner Außenbahnspieler Anton Kade auf die Mittelstürmer-Position. Er ist der Bruder von Julius Kade, der mal bei uns spielte. Testete dann Kevin Schlotterbeck auf der zentralen Position in der Verteidigung, um dann zuletzt den 19-jährigen Banks in die Zentrale zu stellen. Das zeigt eins: In Augsburg wird noch viel probiert, wie es am besten funktioniert. Lasst uns das ausnutzen. Unsere Abwehr steht. Rechts MUSS wieder Trimmel spielen. Und vorn darf Steffen Baumgart auch wieder Konstanz walten lassen. Zuletzt Ansah draußen zu lassen, wäre fast schief gegangen. Und auch Schäfer ist aktuell formstärker als Kemlein. Daraus ergäbe sich – wie von selbst – folgende Formation für Augsburg: Rönnow – Doekhi, Querfeld, Leite – Trimmel, Khedira, Schäfer, Köhn – Burke, Ilic, Ansah.

In Stuttgart wird es dann einiges an Rotation zu sehen geben. So ganz spurlos wird das Match in Augsburg nicht an allen vorbei gehen, so dass nach 48 Stunden alle schon wieder bei 100 Prozent sind. Allerdings ist mir für das Spiel in Stuttgart nicht bange. Immer wenn wir gegen Spitzen-Mannschaften antreten, passen wir uns automatisiert dem höheren Niveau an. Ergo wird das hoffentlich auch wieder so sein. So unsere Abwehr wieder steht, müssen "nur" noch Ansah oder Burke, vielleicht sogar Ilic einen Top-Tag haben und wir nehmen auch von dort etwas mit.

Apropos Ilic. Zwischen dem Unionfux und mir gab es eine sehr intensive Diskussion, muss Ilic nun das Tor vor dem leeren Mainzer Tor machen oder nicht? Ich sage nach wie vor: ja. Der Unionfux bringt es auf den Nenner: es war dann doch komplizierter, als man denkt. Eins bleibt aber im Konsens. Kaum einer ist so aktiv und engagiert auf dem Platz wie er. Er arbeitet auch in der Defensive stark mit. Und er spielt vor allem kluge Pässe, was ACHT (!) Torvorlagen in Pflichtspielen (sechsmal Bundesliga, zweimal Pokal) eindrucksvoll belegen. Jetzt ist es an der Zeit für ihn, auch mal selber einzunetzen.

Lieber Baume und falls der Verein Ljubicic nicht verliehen bekommt … Du hast aktuell keinen effizienteren Stürmer als ihn. Ganze zweimal hast Du ihn nur eingewechselt und jedes Mal hat er Dir es mit einem Tor gedankt. Nur mal ein kleiner Hinweis, falls Du wieder mal ein Tor benötigst! Eisern.

11. Januar: Schadensbegrenzung gegen Urs Fischer: Union rettet Punkt gegen Tabellenletzten

Am Ende haben sich die alten Weggefährten Dirk Zingler (61, r.) und Urs Fischer (59) schiedlich friedlich mit einem Unentschieden getrennt.
Am Ende haben sich die alten Weggefährten Dirk Zingler (61, r.) und Urs Fischer (59) schiedlich friedlich mit einem Unentschieden getrennt.  © Soeren Stache/dpa

Unionfux: Union und die Tabellenletzten, das ist ein ganz eigenes Kapitel, speziell zu Hause - und es ist kein gutes, ich erspare uns die Beispiele, die ohnehin jeder kennt.

Nachdem das so hartnäckig und bis fast zuletzt prognostizierte Schneesturmchaos ausgeblieben ist (der Alarmismus in diesem Land treibt immer seltsamere Blüten), sind die Bedingungen ziemlich erträglich, immerhin ist es ja Januar. Und es ist kein so ganz gewöhnliches Spiel, eben weil der Tabellenletzte Mainz 05 kommt und der ja seit Dezember einen neuen Trainer hat: Urs Fischer - donnernd mit "Fussballgott" begrüßt.

Die Partie ist anfangs gar nicht so übel, nach fünf Minuten setzt sich Khedira auf rechts phantastisch gegen Sano durch, passt zum Startelf-Debütanten Burcu, aber der setzt den Ball aus fünf Metern links vorbei - das hätte zwingend die Führung sein müssen. Wir versuchen weiter, nach vorn zu spielen und Dominanz auszustrahlen, dabei kommt aber wenig über Ansätze hinaus und nach einer guten Viertelstunde kommt Mainz vermehrt zu Chancen, die aber der gewohnt sichere Rönnow hält.

In der dreißigsten Minute allerdings genügt ein guter Pass des Mainzers Lee in die Spitze, dort klafft eine zu große Lücke. Amiri kann den Ball mitnehmen und technisch gekonnt einnetzen. Beinahe gelingt Burcu die direkte Antwort, er setzt den Ball aber einen Meter rechts vorbei. Bis zur Pause passiert dann relativ wenig, wir tun uns gewohnt schwer im Spielaufbau, versuchen es zu viel mit langen Bällen, es fehlt allgemein an Präzision, Laufwegen und Ideen, nur nach einer Köhn-Ecke (eine von ingesamt nur zwei Ecken) bekommt der weitgehend unglückliche Burke noch eine Chance, die er aber nicht nutzen kann.

Nach der Pause geht es relativ zäh weiter, erst Burke hat nach einer Stunde eine Möglichkeit, Minuten später verpasst Khedira eine Eingabe des Schotten nur knapp. Doch die Mainzer machen das zweite Tor, es wird flott über Lee und Veratschnig gespielt und am langen Pfosten lauert, völlig frei, Hollerbach, der dann keine Mühe mehr hat, die Kugel über die Linie zu schieben. Und ebenjener Hollerbach, der im Übrigen in diesem Spiel all seine Stärken und Schwächen zeigt, kann kurz danach sogar das dritte Tor machen, aber trifft zum Glück nur das Lattenkreuz. Ganz ehrlich: viel Hoffnung hat man auf den Rängen nicht, wo sollen denn jetzt noch mindestens zwei Tore herkommen?

Doch dann bedient der eingewechselte Ansah Köhn und der flankt sauber auf den ebenfalls eingewechselten Jeong und der geht in die Knie und köpft ein. Und nur zwei Minuten später nimmt Schäfer (eingewechselt!) einen Fehlpass der Mainzer Abwehr auf und hebt den Ball aus 25 Metern aufs leere Tor, der klatscht aber nur an die Latte und den Abpraller kann Ilic nicht verwerten, weil der Ball zu hoch zurückkommt, er ihn nicht mehr gedrückt bekommt und deswegen aus kurzer Distanz übers Tor semmelt. Es ist schon erstaunlich, wie sehr der fleißige und fussballerisch gute Serbe vom Pech verfolgt wird und immer noch ohne Torerfolg dasteht.

Doch wir machen weiter Druck und schließlich bringt Köhn einen Freistoß aus dem linken Halbfeld exzellent vor das Tor, Doekhi kann sich gegen zwei Mainzer durchsetzen und köpft an die Unterkante der Latte und der natürlich eingewechselte Ljubicic geht auf Nummer sicher und köpft den Ball endgültig über die Linie. Die bewegten Bilder beweisen später, dass das schon noch nötig war, insofern ist es richtig, Ljubicic das Tor zuzuschreiben - und zu gönnen ist es ihm auch. Wir versuchen danach zwar noch, aufs dritte Tor zu gehen, Ansahs Schuss aus aussichtsreicher Position wird aber geblockt und in der relativ kurzen Nachspielzeit (die neuerdings an der Anzeigetafel mitläuft!!) wird das Spiel vogelwild - auf beiden Seiten, es bleibt letztlich beim Unentschieden.

Sicher ist ein Punkt eigentlich zu wenig, wenn man aber den Spielverlauf sieht, ist man doch mit der Schadensbegrenzung relativ zufrieden. Erst in der Schlussviertelstunde entwickeln wir den Druck, der nötig ist, einen Kontrahenten in der Bundesliga niederzuringen, der, zugegeben, besser ist, als sein derzeitiger Tabellenplatz aussagt. Der Ball läuft jedenfalls besser als bei uns. Spielerisch bleiben bei uns also nach wie vor große Fragezeichen, doch für besseren Fussball fehlen uns offenbar die Spieler und wohl auch der Trainer - aber wenn der Punktestand stimmt, will das wohl kaum jemand so genau wissen und das ist glücklicherweise der Fall.

Es geht schon am Donnerstag in Augsburg weiter und dann am Sonntag beginnt die Rückrunde in Stuttgart, wo gerade Leweling weiter aufdreht, den wir ja bekanntlich für schlanke fünf Millionen dorthin, ganz ohne Not, verschenkt haben. Ich könnte immer noch Knochen kotzen bei der Tatsache, auch mit dem Wissen, dass Stuttgart gerade ein 40 Millionen-Angebot aus der Premier League abgelehnt hat. Und wir hoffen noch auf ein paar Millionen für Leite und Doekhi… Irgendwas läuft da nicht so wirklich optimal.

Noch eine Info am Rande: Wir sollen schon relativ weit mit dem zweiundzwanzigjährigen belgischen Innenverteidiger Zeno van den Bosch sein (war auch bei Gladbach im Gespräch), der mit 1,91 Gardemaß aufweist, U21-Nationalspieler und Stammspieler bei Royal Antwerpen ist - weist das auf bestimmte Abgänge hin oder ist das schon ein Vorgriff auf den Sommer? Klingt auf jeden Fall interessant, mal sehen, wie sich das weiter entwickelt.

9. Januar: Das Union-Spiel am Samstag gegen Mainz wird stattfinden

Am Samstag gibt es ein Wiedersehen mit Urs Fischer (59).
Am Samstag gibt es ein Wiedersehen mit Urs Fischer (59).  © Torsten Silz/dpa

Icke: Das Bundesliga-Punktspiel gegen Mainz 05 am Samstag, den 10.1.2026 um 15.30 Uhr, wird aller Voraussicht nach stattfinden. Christian Arbeit sieht das auf Anfrage von uns genauso.

Der Deutsche Wetterdienst hat seine Schneewarnung auch zurückgezogen. Da auch die vorhergesagten Temperaturen mit -4 Grad im Rahmen bleiben, gibt es keinen Grund, das Spiel zu verlegen. Einzig die Schneemassen müssen noch geordnet werden. Da allerdings ist Union – zusammen mit einigen Fans – dran.

Und Mainz 05 wird ein spannender Gegner. Zum einen gibt es ein Wiedersehen mit Urs Fischer, der jetzt dort der Trainer ist. Zum anderen kommen die Mainzer als Tabellenletzter zu uns. Ein "Hinten-Reinstellen" sollte es Seitens der Mainzer nicht geben. Sie müssen bei uns gewinnen, die Abstände zu den eventuell rettenden Plätzen 15 und 16 betragen immerhin schon 6 beziehungsweise 4 Punkte.

Allerdings können wir davon ausgehen – und so gut kennen wir Urs – er wird erst einmal (die ersten 15 bis 20 Minuten) seine Defensive stärken. Ex-Unioner Hollerbach wird auflaufen und der zweite Ex-Unioner Maloney scheint bei Fischer auch kein Stammspieler zu sein.

Sehr große Änderungen hat Fischer in Mainz bisher nicht vollzogen. Die Qualität im Aufbauspiel ist bei ihnen mit Nebel, Amiri und Lee nach wie vor vorhanden. Da sind sie sogar klar stärker als wir. Für ganz vorn hat sich Fischer – den robusten Tietz aus Augsburg geholt. Ob nun er wirklich gleich im Stamm aufläuft oder U21-Nationalspieler Weiper spielt – dürfte für uns nicht spielentscheidend sein. Aufpassen müssen wir auf beide.

Das Drumherum wird auch vom traurigen Tod von Andre Rolle bestimmt sein. Viele werden an ihn denken. Eine Choreo wird vorbereitet sein und eine Gedenkminute versteht sich sowieso von selbst. Wahrscheinlich hat der Verein sogar noch mehr geplant. Andre Rolle hat es verdient! Und ganz sicher wird er Spiel 1 - ohne ihn – mit verfolgen.

Der 1.FC Union könnte seinen überraschend guten Tabellenstand (Platz 8 mit 21 Punkten) stärken. So wir drei Punkte hierbehalten, muss die vor uns stehende Frankfurter Eintracht gegen Dortmund auch erst einmal gewinnen. Im Idealfall wären wir bis auf einen Punkt an ihnen dran. Aber wir wollen nicht von oben träumen. Schon gar nicht im Gedenken an Andre, dem genau das immer ein Gräuel war. Freuen wir uns auf ein schönes Spiel gegen unseren Ex-Trainer. Eisern!

6. Januar: Ein großer Unioner ist gegangen: Abschied von unserem Freund André Rolle

Fans des 1.FC Union Berlin trauern um ihren ehemaligen Stadionsprecher André Rolle.
Fans des 1.FC Union Berlin trauern um ihren ehemaligen Stadionsprecher André Rolle.  © Andreas Gora/dpa

Icke: Diese Nachricht haute mich heute von den Socken. Erst einmal tief durchatmen, dann einen (kleinen) Black Label getrunken. Andre Rolle – mein Freund – ist gestern Abend (5.1.2026) friedlich im Krankenhaus Köpenick eingeschlafen. Und Gott sei Dank konnte er sich noch von seinen Liebsten verabschieden.

Andre Rolle war ein ganz Großer - großartiger Mensch, Vater, Sohn, Unioner, Kumpel, Freund. Christian Beeck traf es heute verbal perfekt: "So ein feiner Mensch", war sein erster Satz, der ihm einfiel. 68 Jahre ist noch viel zu früh zum Gehen. Und diesen Sommer hatte er versprochen, mich endlich (in meinem neuen Domizil) zu besuchen. Nachdem wir uns das schon etliche Male vornahmen, kam immer etwas dazwischen.

Ja, Andre war krank. Trotzdem sah es zuletzt so aus, als wenn es gesundheitlich mit ihm bergauf ging. Seine (regelmäßigen) Besuche im Virchow-Krankenhaus sollten seltener werden. Wir freuten uns darauf. Und dann kommt dieser Schlag tief in die Magengrube. Unser ehemaliger Stadionsprecher war schlichtweg ein Vorzeige-Unioner. Immer klar in seinen Äußerungen. Auch wenn es dem einen oder anderen nicht passte (deshalb vielleicht verstanden wir uns so gut). Besonderen Spaß hatten wir beide bei der Gründung des FC User 04. Ein Fan-Fußball-Spiel An der Alten Försterei mit allem Pipapo (Flutlicht, TV/RBB) zu organisieren und es zu einem tollen Erlebnis für Alle zu gestalten, das war seine (und meine) Welt. Lieber Andre, wir werden Dich vermissen. Kerle wie Du werden heute nicht mehr gebaut. Und ich vermisse Dich ganz besonders… EISERN.

Unionfux: André Rolle kannte ich schon, bevor ich ihn kannte - zumindest seine sonore, angenehme Stimme, denn er war viele Jahre Stadionsprecher beim 1. FC Union, in äußerst schwierigen Zeiten, in den Neunzigern. Dann fielen mir seine ebenso intelligenten wie wichtigen und streitbaren Beiträge im Unionforum auf und umsomehr freute es mich, als sich André bei mir meldete und vorschlug, man könne sich ja mal verabreden. Wir waren uns auf Anhieb sympathisch und dem einen Treffen folgten viele weitere - und jedesmal war es ein Highlight, wir hatten oft denselben Blick auf’s letzte Spiel und auf das sonstige Geschehen bei unserem Herzensclub und wenn mal nicht, haben wir uns die Köpfe heißgeredet und fast immer konnte ich was lernen, denn André war ein überaus kluger und lebenskluger Mensch mit einem großen Herzen, der sich keinem Argument gegenüber verschloß - auch, wenn er geradezu legendär stur sein konnte.

So verweigerte er beispielsweise in unserer Aufstiegssaison in die Zweite Liga strikt einen Besuch im Jahn-Tierpark, in den wir wegen des Stadionneubaus ausweichen mussten, denn schließlich hatte dort lange der ehemalige Serienmeister gespielt und somit war das Gebiet für ihn verseucht und unseres Vereins irgendwie unwürdig. Das konnte man nachvollziehen oder auch nicht, aber man respektierte es natürlich und ein wenig imponierte es einem ja auch, dass jemand so klare Prinzipien und so einen starken Charakter hatte.

In den letzten Jahren ging es ihm leider gesundheitlich immer schlechter, er ertrug es tapfer und ohne viel Drama, seine Besuche in der Alten Försterei waren deswegen eine Seltenheit geworden, vorbei die Zeiten, da wir uns im Stadion über den Weg gelaufen sind und uns kurz über das Spiel austauschten. Zuletzt haben wir an meinem Geburtstag vor gut zwei Monaten telefoniert, er klang eigentlich wie immer, auch wenn er sich über seine kritische Situation im Klaren war. Er wünschte sich so sehr, dass er noch ein paar Jahre hätte, um seine Enkel weiter aufwachsen zu sehen, daraus wird nun leider nichts. Der große Unioner und feine Mensch André Rolle ist gestern gestorben, viel zu früh. Er wird nicht nur mir gewaltig fehlen, denn solche Menschen sind selten - die große Lücke, die er hinterlässt, ist nicht wirklich zu schließen, ohne ihn wird es nicht mehr dasselbe sein. Und doch er lebt weiter, in den Erinnerungen und den Herzen all jener, die ihn kannten, liebten und immer weiterlieben werden. Gute Reise, André, ich denke an dich - und bin tieftraurig und gleichzeitig doch so froh, dass wir Freunde waren, nein, sind.

3. Januar: Los geht's: Das neue Jahr hat's in sich!

Trainer Urs Fischer (59) am 15. Spieltag.
Trainer Urs Fischer (59) am 15. Spieltag.  © Torsten Silz/dpa

Unionfux: Das war’s schon wieder mit der Winterpause, die ja schon seit einiger Zeit bestenfalls eine Weihnachtspause ist - gestern war der Trainingsauftakt und in einer Woche spielen wir bereits wieder um Punkte in der Alten Försterei gegen den derzeitigen Tabellenletzten Mainz 05, der ja mittlerweile von Urs Fischer trainiert wird, hoffentlich lassen die Wetterbedingungen das dann auch zu.

Was das neue Jahr für unseren Verein bringen kann und wird, ist zu diesem Zeitpunkt nicht so wirklich abzuschätzen, klar ist nur eins: die Herausforderungen werden kaum kleiner. Schon der Januar ist in mehrfacher Hinsicht ein dickes Brett: fünf Punktspiele innerhalb dreier Wochen, zwei Begegnungen gehören ja noch zur Hinrunde - gegen Mainz und auswärts in Augsburg, danach das Rückspiel des Saisonauftakts in Stuttgart, dann kommt Borussia Dortmund, schließlich sind wir in Hoffenheim zu Gast. Obendrein wird das offene Transferfenster unbestritten Unruhe und Unklarheiten mit sich bringen, insbesondere, was unsere Abwehr angeht. Der mögliche Abgang von Leite ist wahrscheinlich eher kompensierbar als der von Doekhi, obendrein kommt die Personalie Ilic und vielleicht gar noch eine obendrauf, von der wir noch nichts ahnen? Das Verleihen von eher unbedeutenden Spielern wie Ljubicic oder auch Ogbemudia, der gerade für ein halbes Jahr zum Drittligisten Waldhof Mannheim verliehen wird und mit einem verlängerten Vertrag im Gepäck, fallen sicherlich unmittelbar weniger ins Gewicht.

Die Frage wird natürlich sein: können wir uns verstärken oder zumindest Abgänge adäquat ersetzen und wie schnell sind dann diese Spieler in der Lage, ins Geschehen einzugreifen? Der Wintertransfermarkt ist seit jeher wesentlich schwieriger als der im Sommer und mittlerweile so kaum noch haltbar, weil sich die ohnehin bekannten Probleme aus terminlichen Verschiebungen heraus verschärft haben. Insofern muss man das Fenster an die veränderten Bedingungen anpassen, vielleicht sollte er Mitte Dezember beginnen und Mitte Januar enden, auch wenn die Feiertage dazwischen liegen. Was nützt denn ein Transfer, der unter Umständen erst am 22. Spieltag relevant werden kann? Von der schon erwähnten Unruhe mal ganz abgesehen, die hier und da schon an Wettbewerbsverzerrung grenzt, allein deswegen sollte also schnell eine unkomplizierte Modifikation her, dazu würde ja auch nicht allzuviel gehören. Aber zumindest diesmal ist es so, wie es ist, angesichts unseres doch einigermaßen heftigen Programms muss man auf möglichst glatt gehende Geschäfte hoffen, lassen wir uns überraschen und verlassen uns auf Horst Heldt und natürlich auch auf das nötige, unverzichtbare Glück.

Am Montag testen wir zweimal 60 Minuten gegen Wismut Aue, trainiert von Jens „Nischel“ Härtel, der ja auch weite Teile der turbulenten Neunziger eine feste Größe bei uns war, hoffentlich lassen die Platzverhältnisse ein sinnvolles Spiel überhaupt zu. Auf jeden Fall geht’s wieder los, noch ist das Kribbeln leicht, wird sich aber schnell verstärken, allein die Aussicht, den Klassenerhalt frühzeitig einzutüten (wenn auch nicht endgültig), ist schon verlockend. Der Jahresausklang 2025 machte Lust auf mehr - Ende Januar sind wir auf jeden Fall schlauer.Natürlich möchte ich nicht versäumen, all unseren Lesern ein in jeder Hinsicht gutes 2026 zu wünschen, bleibt uns auch in diesem Jahr gewogen und natürlich hoffen wir alle für unseren Verein das Beste, wäre schön, wenn wieder mehr Kontinuität auf dem Platz zurückkommen und vor allen Dingen die Alte Försterei wieder zur fast uneinnehmbaren Festung werden würde. Also, nochmal tief Luft holen, ums mit einer alten Mineralölwerbung zu sagen: es gibt viel zu tun, packen wir’s an!!

27. Dezember: Transfer-Theater - die Bühne geht auf

Neben Diogo Leite (26, 2.v.r.) hat auch Danilho Doekhi (27, 2.v.l.) das Interesse geweckt.
Neben Diogo Leite (26, 2.v.r.) hat auch Danilho Doekhi (27, 2.v.l.) das Interesse geweckt.  © Andreas Gora/dpa

Icke: Wenn Leeds sich wirklich um Doekhi bemüht, dann haben wir wohl keine Chance mehr. Der deutsche Leeds-Trainer Farke möchte in der Winterpause auf eine Dreierkette umstellen. Nach dem 19.Spieltag stehen die Engländer auf Platz 16 der 1.Liga und sind akut abstiegsgefährdet. Natürlich macht das dann Sinn, so eine Umstellung sofort zu unternehmen. Das stärkt wahrscheinlich auch deren Abwehr. Und was gibt’s da Besseres, als den torgefährlichsten Innenverteidiger in Europa zu holen. Unser Vorteil dabei, mit dem Wissen, sie wollen und brauchen ihn unbedingt, können wir wohl noch ein paar Taler zusätzlich generieren. Schaffen wir es, noch 6 Millionen für ihn zu erhalten, dann wäre das ein großer Erfolg. Sprich 1 Million pro Monat Vertragslaufzeit.

Gleiches gilt wohl für Leite, für den die Liste der Interessenten immer länger wird. Angeblich soll es für ihn ja schon Angebote um die 6 Millionen Euro geben. Schwer zu glauben, aber hoffen wollen wir es einmal. Sein Nachfolger stände mit Uduokhai schon fest. Eventuell gelingt uns dabei sogar noch ein kleines Transferplus.

Bis zum 3.Februar läuft die Winter-Transfer-Phase. Eigentlich ein Unding, weil zu dieser Zeit die Punktspiele schon wieder laufen. Augenblicklich sieht es also für unsere Abwehr alles andere als gut aus. Ein dezentes Chaos droht hier. Das blockiert auch unser zentrales Mittelfeld. Einen weiteren Abgang wird es hier dann auch nicht geben, weil wir eventuell Kral für die Innenverteidigung brauchen, so Leite und Doekhi gehen. Was ich mir allerdings immer noch nicht vorstellen kann.

Im Sturm hält sich beharrlich das Maina-Gerücht. Das ich diesen Transfer für völlig schwachsinnig halte, sagte ich schon. Wir brauchen als Team keine DREI Sprinter, die allesamt fußballerisch begrenzt sind. Illic zu Glasgow oder Burnley ist genauso verrückt. Es sei denn, wir haben eine neue Stürmer-Idee. Auch das Gerücht hält sich hartnäckig. Dennis aus der Türkei für das rein defensive Mittelfeld macht ebenso wenig Sinn, sprich überhaupt keinen. Es sei denn, Baumgart plant Doekhi durch Khedira zu ersetzen. Früher hat Khedira auch öfter Innenverteidiger gespielt. Dann würde die 6 frei werden und die Verpflichtung würde an Gehalt gewinnen. Allerdings ist das eine wilde These, das gebe ich zu.

Warum mit Traore und Lazaro immer und immer wieder rechte Verteidiger bzw. Spieler für die rechte Außenbahn als Gerücht auftauchen, wird mir für immer ein Rätsel bleiben. Mit Trimmel, Juranovic und Skov haben wir drei Nationalspieler für diese Position im Kader. Das wäre völliger Irrsinn. Jeremiah St. Juste ist bei Sporting B völlig in der Versenkung verschwunden. Er wäre allerhöchstens eine preiswerte Ergänzung für die Innenverteidigung. Immerhin hat er längere Zeit nicht höherklassig gespielt. Sportings Plan, für ihn auch noch einmal richtig abzukassieren, schlug fehl. Warten wir es ab, was wirklich passiert. Die guten Leistungen von Leite, vor allem aber Doekhi … sind uns jetzt hinderlich. Allen Unionern und Sympathisanten ein gesundes neues Jahr! Eisern!

27. Dezember: Kerzengerade, erfolgreich und Eisern - Heinz Werner

Union Berlin feiert den 90. Geburtstag von Vereinslegende Heinz Werner.
Union Berlin feiert den 90. Geburtstag von Vereinslegende Heinz Werner.  © Jan Woitas/dpa

Icke: Heinz Werner - die erste Trainer-Legende vom 1. FC Union wird am 27. Dezember 90 Jahre alt. Herzlichen Glückwunsch! Eine Weisheit vom alten Trainerfuchs blieb bis heute erhalten. 1977 - ein Jahr, in dem ich schon Union-Fan war, ordnete er ein Trainingslager im Frauenwald am Rennsteig (Thüringen) an. Das Gebiet gehört zu Ilmenau.

Dort soll er den legendären Satz geprägt haben: "Wenn Ihr schon nicht so gut Fußball spielen könnt wie die anderen, dann müsst Ihr wenigstens besser laufen können." Und nach der Devise trainierte er schon damals Union. Hat es geholfen? Ja! Zumindest in der Saison.

Gleich beide Spiele gewann der 1. FC Union gegen den übermächtigen Stasi-Verein mit 1:0. Und wir hielten die Klasse. Für Union war das eine gute Saison. Eine Legende besagt außerdem, der Mielke-Stürmer Riediger suchte noch Stunden nach dem Abpfiff seinen Fußball-Schuh. Potti Matthies hatte diesen Volley in der Saison beim Derby weggekickt. Die gelbe Karte dafür lächelnd gern in Kauf genommen. Werner soll es mit einem süffisanten Lächeln betrachtet haben. Ich kann mir kaum vorstellen, dass jemand, der diese zwei Derbys erlebt hat, heute kein Union-Fan ist. Das ist fast ausgeschlossen.

Die Aussage von Heinz Werner könnte auch aktuell aus dieser Saison 2025 stammen. Es hat sich nichts geändert. Nur die Klasse - wir spielen jetzt Bundesliga, statt DDR-Oberliga. Und Gott sei Dank - den Stasi-Verein gibt's nur noch in Miniatur-Ausführung. Die Helden und Führungsspieler hießen damals Matthies, Sigusch und Bohla. Die drei waren einfach überragend. Im besagten Trainingslager ließ Werner den Union-Kader in Magath'scher Manier rotieren. Überlieferungen besagen, die Empathie-Werte der Spieler zum Trainer Werner sanken auf Minuswerte.

Der alte Fuchs wusste sich aber zu helfen. Er lud einfach die Spielerfrauen mit in das Trainingslager ein. Und Schwups hatten sich alle wieder lieb. Werner war nicht nur ein harter Hund, er hatte auch Einfühlungsvermögen. Dazu konnte er nie von Union loslassen. Er ist heute noch bei Mitgliederversammlungen (als Ehrenmitglied) und Veranstaltungen dabei. Und Werner legte sich auch schon mal ganz gern mit den Genossen an. Was passt da besser zusammen als Werner und Union.

Heinz Werner war ein Tausendsassa. Er spielte bei Lok Stendal selbst Fußball. Auch später bei Traktor und Motor Schwerin. Dann begann seine Trainer-Karriere mit den Stationen: Schwerin, KKW Greifswald, DFV, Hansa Rostock, 1. FC Union, Stahl Brandenburg, FC Karl-Marx-Stadt, MSV Duisburg, FC Matsunichi (China), Elektronic Guangzon (China), FSV Zwickau. Zwischendurch und auch parallel arbeitete er zudem für den DFB.

Und vergessen wir bitte auch nicht, welche Start-Bedingungen Heinz hatte. Er wurde 1935 geboren und überlebte den Zweiten Weltkrieg. Bei Kriegsende war er zehn Jahre alt. Er überstand die Nazis und den Kommunismus, erlebte auch, was es heißt Hunger zu haben. Und die fußballerischen Bedingungen hatten mit denen von heute Null gemein. Er ist im dritten (politischen) System angekommen. Musste auch erst einmal schaffen! Coole Typen haben wir in unseren Reihen. Einer davon war er. Immer "Kerzengerade, erfolgreich und Eisern"!

Titelfoto: Marijan Murat/dpa

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