Zwei Sportchefs und vier Trainer in vier Monaten: Folgen bei Aue auch interne Konsequenzen?
Aue - Erzgebirge Aue blamiert sich gegen die Zweite der TSG Hoffenheim mit 3:5 (1:4) bis auf die Knochen und steht mit anderthalb Beinen in der Regionalliga. Vier Gegentore in der ersten halben Stunde waren das i-Tüpfelchen eines beschämenden Karsamstags. Die Kirsche auf der Torte war ein Fan, der sich seelenruhig splitterfasernackt machte und unter den Augen der Ordner den Zaun im Fanblock zum Innenraum erklomm. Aue überbietet sich an Peinlichkeiten.
Jetzt das zweite große Personalbeben binnen vier Monaten. Mit dem Abgang von Sportchef Michael Tarnat (56), Coach Christoph Dabrowski (47) und Co-Trainer Lars Fuchs (43) verschliss die Vereinsführung seit Dezember zwei Sportchefs, zwei Cheftrainer und zwei Co-Trainer.
Jede Personalentscheidung für sich allein betrachtet, war zu dem Zeitpunkt, wo sie getroffen wurde, durchaus nachvollziehbar. Zum Beispiel die Trennung von Matthias Heidrich (48) und Jörg Emmerich (52), um Jens Härtel (56) zu stärken. Auch jetzt Dabrowski nach neun sieglosen Spielen zu entlassen, ist vertretbar.
Nur muss sich der Vorstand ankreiden lassen, dass er Probleme, die er erkannt und angegangen hat, nicht gelöst, sondern eher noch verschärft hat. Die Personalien Tarnat und Dabrowski waren mit ihrer Halbwertszeit von drei, beziehungsweise zwei Monaten ein völliger Schuss in den Ofen und wenn überhaupt, dann nur zum Fenster herausgeschmissenes Geld.
Zumal am Mittwoch vor Ostern noch Tarnat mit der Kaderplanung für die neue Saison beauftragt wurde, nur um sich eine Niederlage später auch aufgrund unterschiedlicher Auffassungen über die sportliche Ausrichtung voneinander zu trennen.
Ist Aues Kaderplaner Ziffert endlich eine richtige Personalentscheidung gelungen?
Steffen Ziffert (61), der den Ex-Bayern-Profi über Berater Frank Lieberam (63) an Sportvorstand Jens Haustein (58) empfahl, soll jetzt mit Haustein die Kaderplanung für die Regionalliga Nordost übernehmen. Das wirft die Frage auf, ob die Vereinsführung erneut keine adäquate Lösung findet.
Denn: Ziffert hat in der Regionalliga Nordost als sportlicher Verantwortlicher kaum Referenzen vorzuweisen, außer fünf Monaten bei Chemie Leipzig (2024/25). Und seit seiner Zeit als Sportdirektor in Aue (2015-2016) hat sich in der Fußballbranche dann doch einiges getan.
Auch die Interimslösung mit Khvicha Shubitidze (51) und Enrico Kern (47) als Trainertandem ist gewagt. Zumal, als Heidrich im Herbst Shubitidze als Härtel-Ersatz anbrachte, der damalige Vorstand noch abgewunken hatte. Nun sollen zwei Auer Urgesteine, aber im Profibereich völlig unerfahrene Trainer, retten, was noch zu retten ist.
Die Personalentscheidungen der letzten vier Monate hat der Vorstand allein zu verantworten und muss sich dafür von Mitgliedern und Fans abrechnen lassen. Von der TAG24-Nachfrage, ob seitens der Klubführung eigene personelle Konsequenzen in Erwägung gezogen werden, bat Pressesprecher Lars Töffling abzusehen.
Macht es endlich besser!
Kommentar Michael Thiele
Die Sätze klingen mir noch sehr gut in den Ohren: Angetreten, um es besser zu machen. Mit diesem Grundsatz ging die Palastrevolution im Lößnitztal vor dreieinhalb Jahren einher.
Alles sollte besser und anders werden, als unter Präsident Helge Leonhardt (67). Der war freilich auch nicht ohne Fehl und Tadel, wie die Entlassungen von Dirk Schuster (58) oder die gescheiterten Versuche mit Aleksey Shpilevski (38) und Timo Rost (47) zeigten.
Aber Aue spielte Profifußball und war als gallisches Dorf in der 2. Bundesliga eine Adresse, über die mit Hochachtung gesprochen wurde und auf die sie aus Chemnitz oder Zwickau mit einem Mix aus Bewunderung und Neid schauten.
Aue war anders. Aue ist auch jetzt anders, nur nicht mehr mit positiven Attributen konnotiert. Dem Esel ging es zu lange zu gut und er begab sich aufs Glatteis.
Das "einschläfernde Hintenherumgespiele" von Pavel Dotchev (60), sagten sie , sei ein Graus, keine Weiterentwicklung und dennoch schnupperte man vor zwei Jahren am Zweitligaaufstieg. Ergebnisse zählen! Bis vor dreieinhalb Jahren war auch alles schlecht und nach der Leonhardt-Ära sollte alles besser werden.
Für diese Hybris bekommen all jene die Rechnung präsentiert, die damals in diese Kerbe einschlugen - Verantwortliche, Sponsoren, Förderkreismitglieder, Fans. Wie Aue jetzt auftritt? Stadionsprecher Mario Dörfler kommentierte es nach dem 0:2 von Hoffenheims Luka Duric (22) treffend mit: "Ich bin fassungslos."
Titelfoto: Bildmontage: Picture Point/Gabor Krieg, Picture Point/Sven Sonntag

