FC St. Pauli eröffnet neuen Shop an kritischem Standort: "Keine Relativierung der Baugeschichte"
Hamburg - Der FC St. Pauli eröffnet einen neuen Shop im "Westfield Center" in der Hafencity. Ein Standort, mit dem der Klub - laut eigenen Angaben - "neue Wege gehen will, ohne seine Herkunft zu verlieren". Der Verein steht offiziell unter anderem für Toleranz, Vielfalt, Inklusion und faires Miteinander. Das "Westfield" hat sich während seiner Entstehung nicht im besten Licht präsentiert. Wie geht das zusammen?
Illegale Beschäftigte, Arbeiter, die auf der Baustelle starben, als sie von einem Gerüst in die Tiefe stürzten, miserable Arbeitsbedingungen, Verletzungen, Unfälle, unterirdisch schlechte Bezahlungen und explodierende Kosten prägten während des jahrelangen Baus des "Westfields" die Schlagzeilen.
Nach einer rund einjährigen Verspätung wurde es im vergangenen April eröffnet. Laut Angaben des Centers kamen in den ersten sechs Monaten bereits mehr als fünf Millionen Besucher. Das scheint auch der FC St. Pauli nun für sich nutzen zu wollen.
Die Geschichte rund um den Bau werde dabei vonseiten St. Paulis nicht ignoriert, teilte Pressesprecher Patrick Gensing auf TAG24-Nachfrage mit.
"Das blenden wir nicht aus. Unsere Entscheidung für einen Shop an diesem Standort ist keine Bewertung oder Relativierung dieser Baugeschichte. Sie richtet sich auf die heutige Nutzung des Quartiers: Dort kommen viele Menschen aus Hamburg, aus der Region und aus aller Welt zusammen. Genau dort wollen wir als FC St. Pauli sichtbar sein - mit unserer Haltung, unserem Verständnis von Fußball und einem Angebot, das neue Zielgruppen erreicht", heißt es vonseiten des Klubs.
Auch sei den Verantwortlichen bewusst, dass der Standort innerhalb der Community kritisch diskutiert werden könnte. "Diese Kritik nehmen wir ernst. Die Verantwortung für die damaligen Vorgänge liegt nicht beim FC St. Pauli, aber die Geschichte des Ortes darf nicht unsichtbar werden."
Man begrüße es deshalb, dass es vor Ort bereits eine Gedenktafel gibt, um an die verunglückten Menschen zu erinnern.
St.-Pauli-Ultras kritisieren Masse an Merchandise
Auf 100 Quadratmetern sollen ab Ende August/Anfang September an dem Standort an der Elbe Fan-Artikel des Kiezklubs verkauft werden. Ein klassischer Fan-Shop soll aber nicht entstehen, teilte der Klub am Donnerstag mit.
"Der neue Shop soll stärker in Richtung Streetwear, Fashion und Lifestyle gedacht werden. [...] Ziel ist es, neue Zielgruppen anzusprechen und die Marke FC St. Pauli auch jenseits der klassischen FCSP-Orte sichtbar zu machen."
Etwas, was vor allem den St.-Pauli-Ultras eher unangenehm auffällt. "Was vielen Fans generell negativ aufstößt, ist - unabhängig von der Store-Eröffnung - die Flut an Kollektionen", sagte ein treuer FCSP-Anhänger gegenüber TAG24.
"Gefühlt gibt es jede Woche eine neue Kollektion und teilweise waren 50 verschiedene Hoodies im Onlineshop. Da haben schon viele gemeckert. Das wird zwar alles nachhaltig produziert, wirkt dadurch aber eher wie Fast Fashion."
Dass St. Pauli dadurch in der Fußball-Szene häufig als "Modelabel mit Fußballabteilung" gesehen werde, könne der Hamburger inzwischen sogar nachvollziehen. Dass der Klub nun ausgerechnet einen Shop in dem wahrscheinlich kontroversesten Einkaufszentrum Hamburgs eröffnet, "könnte den Ultras aber egal sein", glaubt der Kontakt aus den Reihen der Fans.
Das läge daran, dass der St.-Pauli-Shop quasi eine eigene Firma sei und die "Szene ihre eigenen Klamotten und Shops habe, wo man etwas kaufen kann".
Patrick Mushatsi-Kareba, Geschäftsleitung Vermarktung/Vertrieb, Merch & Digitales beim FC St. Pauli, sagte zu der Neueröffnung, die wie eine Art Test betrachtet werden könne: "Für uns bedeutet der Standort, neue Wege zu gehen, ohne unsere Herkunft zu verlieren. Der FC St. Pauli steht für eine starke Marke, aber auch für eine besondere Kultur. Diese Kultur wollen wir an einem neuen Ort sichtbar machen: wirtschaftlich sinnvoll, aber mit einem klar eigenen Anspruch."
Erstmeldung am 4. Juni, um 13.41 Uhr. Artikel aktualisiert am 5. Juni, um 8.28 Uhr.
Titelfoto: Christian Charisius/dpa

