Dynamo Dresden: Gibt Becker Markus Anfang nach Impfpass-Skandal die zweite Chance?

Dresden - Es wäre eine Personalie, die an Brisanz nicht zu überbieten ist, doch bei genauerem Hinsehen sehr viel Sinn macht: Holt Dynamo Dresdens Sportchef Ralf Becker (51) seinen ehemaligen Aufstiegstrainer Markus Anfang (47) an die Elbe?

Markus Anfang (47) würde bei der SG Dynamo Dresden seine erste Chance nach dem Impfpass-Skandal bekommen.
Markus Anfang (47) würde bei der SG Dynamo Dresden seine erste Chance nach dem Impfpass-Skandal bekommen.  © Carmen Jaspersen/dpa

Ganz Deutschland schaute monatelang auf Anfang, nachdem dieser am 20. November 2021 nur wenige Stunden vor dem wichtigen Spiel gegen den FC Schalke 04 überraschend beim SV Werder Bremen zurücktrat.

Der Grund waren Ermittlungen gegen ihn und seinen Co-Trainer Florian Junge (36) wegen Impfpassfälschung. Die hatte das Bremer Gesundheitsamt ins Rollen gebracht. Anfang beteuerte zunächst seine Unschuld bis er schließlich im Januar gestand, sich tatsächlich einen gefälschten Pass besorgt zu haben. Auch Junge gestand.

Anfang wurde im März zu einer Geldstrafe von 36.000 Euro verurteilt. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hatte den Coach und seinen Co-Trainer bereits im Januar bis zum 30. Juni 2023 gesperrt und Anfang zudem zu einer Zahlung von 20.000 Euro verdonnert.

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"Im Hinblick auf ihre abgelegten Geständnisse ist es aber gerechtfertigt, einen Teil der Sperre zur Bewährung auszusetzen, um ihnen die Möglichkeit zu geben, zur Saison 2022/2023 ein neues Engagement einzugehen", sagte damals Hans E. Lorenz, der Vorsitzende des DFB-Gerichts.

Dynamo Dresden: Becker und Anfang stiegen gemeinsam mit Holstein Kiel in die 2. Liga auf

Markus Anfang (47, l.) und Ralf Becker (51, r.) erlebten bei Holstein Kiel zwei erfolgreiche Jahre zusammen.
Markus Anfang (47, l.) und Ralf Becker (51, r.) erlebten bei Holstein Kiel zwei erfolgreiche Jahre zusammen.  © IMAGO / Team2

Am 10. Juni 2022 startet die Bewährung für beide - und das könnte die passende Antwort auf die Frage sein, wieso sich Dynamo mit der Vorstellung des neuen Trainers so viel Zeit lässt.

Denn dass es mit Guerino Capretti (40) nach dem Abstieg nicht weitergehen würde, war lange klar. Becker musste im Hintergrund die Planungen für den Abstiegsfall schon seit geraumer Zeit vorantreiben.

Und dass er dabei auf Anfang gestoßen ist, ist kein Zufall.

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Denn schließlich kamen beide im Sommer 2016 zu Holstein Kiel und erlebten eine äußerst erfolgreiche gemeinsame Zeit. Gleich in der ersten Saison unter Markus Anfang stiegen die Störche 2017 in die 2. Bundesliga auf.

Direkt danach spielten sie eine phänomenale Saison und landeten auf Platz drei, kämpften in der Relegation gegen den VfL Wolfsburg sogar um den Aufstieg in die Bundesliga, verpassten diesen aber nach zwei Niederlagen.

Dynamo Dresden: Ralf Becker kennt Markus Anfang ganz genau

Würde Anfang (l.) auch seinen Co-Trainer Florian Junge (36, r.) mitbringen?
Würde Anfang (l.) auch seinen Co-Trainer Florian Junge (36, r.) mitbringen?  © Thomas Frey/dpa

Becker weiß also ganz genau, welche sportlichen Qualitäten Anfang aufzuweisen hat, wird auch den Mensch sehen, mit dem er zwei Jahre erfolgreich zusammengearbeitet hat.

Und genau das könnte eben jetzt Anfang den Neustart in Dresden ermöglichen. Nicht aus Beckers Mitleid heraus, sondern weil auch der Sportgeschäftsführer mehr denn je an seinen Erfolgen in der Zukunft gemessen wird und mit Anfang nicht die "Katze im Sack" verpflichtet, sondern genau weiß, welchen Trainer er da an die Seitenlinie stellt.

Unter normalen Voraussetzungen wäre ein Engagement von Anfang in Dresden angesichts seiner Karriere für die Dritte Liga undenkbar gewesen.

2018 wechselte er zum 1. FC Köln, wurde dort allerdings kurz vor Saisonende auf Tabellenplatz eins der zweiten Liga stehend entlassen. Das war für ihn Ende April vor allem heftig, weil sein Vater Dieter erst am 10. April während des Nachholspiels gegen den MSV Duisburg im Rhein-Energie-Stadion auf der Tribüne einen Herzinfarkt erlitten hatte und ins künstliche Koma versetzt werden musste.

Markus Anfang hatte einen unschönen Abgang in Darmstadt bevor er nach Bremen kam

Vor seinem Wechsel nach Bremen trainierte Markus Anfang den SV Darmstadt 98.
Vor seinem Wechsel nach Bremen trainierte Markus Anfang den SV Darmstadt 98.  © Timm Schamberger/dpa

Anfang bangte tagelang um das Leben seines Papas. Knapp eineinhalb Wochen später wär sein Vater zwar gerettet, Sohn Markus aber seinen Job los. Weiter ging es dann in der Saison 2020/21 beim SV Darmstadt 98, wo er das Maximum rausholte und Siebter wurde.

Doch dann kam es zum großen Zoff mit den "Lilien", denn Anfang wollte trotz Vertrages nicht bleiben und machte öffentlich Druck, um sich seinen Weg zum SV Werder Bremen selbst zu ebnen, schließlich gaben die Hessen den Coach dank einer Ablöse frei.

Und dann kam es eben zum Skandal um die gefälschten Impfpässe. Die hatten Anfang und Junge dem Bremer Gesundheitsamt vorgelegt, da sie nach einem positiven Test ihres Spielers Marco Friedl nicht in Quarantäne wollten. Das Amt zeigte die beiden schließlich an, weil die Behörde Ungereimtheiten in den Pässen aufgefallen waren.

Besonders pikant: Anfang feierte dank des gefälschten Passes auch beim unter 2G+-Bedingungen stattfinden Karneval am 11. November in Köln mit. Am 19. März 2022 äußerte sich Anfang dann erstmals im Aktuellen Sportstudio beim ZDF, entschuldigte sich öffentlich und sagte: "Ich kann jeden verstehen, der das nicht will und nicht akzeptiert. Man wünscht sich, dass man eine zweite Chance bekommt, aber ich kann das nicht erwarten."

Nun könnte Dynamo eben diese zweite Chance für Markus Anfang sein. In der kommenden Woche wird Klarheit darüber herrschen, ob der 47-Jährige ab 10. Juni, und damit dem Start seiner Bewährung, für die Schwarz-Gelben im Amt ist und ab 16. Juni die Vorbereitung startet.

Titelfoto: Montage: IMAGO / Team2, Carmen Jaspersen/dpa

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