Unwürdiges Dynamo-Aus von Minge: So demontiert man eine Legende!

Dresden - Ralf Minge besitzt Größe. Die beweist er nicht nur am Dienstagmorgen, als er wenige Stunden nach der unwürdigen Bekanntmachung seines Endes als Sportgeschäftsführer bei Dynamo Dresden vor die Mannschaft tritt. Die hat er schon immer besessen. Und so wiegelt er ab, als am Sonntag kurz vor dem ersten Spiel der schier unmöglichen Mission Klassenerhalt für Dynamo gegen den VfB Stuttgart nach 84 Tagen Corona-Pause und dem damit verbundenen Quarantäne-Drama TV-Sender Sky nach seiner Zukunft fragt.

Ralf Minge - ein Macher, der für das Geschäft Fußball eigentlich viel zu menschlich ist.
Ralf Minge - ein Macher, der für das Geschäft Fußball eigentlich viel zu menschlich ist.  © Lutz Hentschel

"Das ist überhaupt nicht der Zeitpunkt, irgendwelche persönlichen Ambitionen in den Vordergrund zu spielen. Es gibt etwas viel, viel Größeres, und das ist Dynamo Dresden, und wir werden alles versuchen, diese extrem schwierige Situation noch zu meistern", sagt der Sportgeschäftsführer.

Bei ihm sind das keine Floskeln, sondern Minge hat den Ernst der Lage begriffen. Und das nicht nur, weil er sich im Geschäft auskennt, sondern weil er Dynamo Dresden lebt und atmet. Dass die Entscheidungsträger im Aufsichtsrat nicht im Ansatz wissen, wie sich so etwas anfühlt – einen Verein zu leben und zu atmen, das beweisen sie am Pfingstmontag um 19.59 Uhr.

Da ergeht den Medien dieses Landes in einer für den Klub so bedrohlichen Phase, im Kampf um das sportliche Überleben, eine A4-Seite mit lapidaren, kalten, statischen Aussagen, die das "Arbeitsverhältnis" Minge und Dynamo zum 30. Juni 2020 beenden. Stilloser, demütigender und vom Zeitpunkt unpassender kann man es nicht durchziehen.

Wenn es Dynamo schlecht ging, dann sah man das auch Minge an

TAG24-Redakteurin Tina Hofmann im April 2016 im Talk mit Ralf Minge nach dem erfolgreichen Wiederaufstieg in die zweite Bundesliga.
TAG24-Redakteurin Tina Hofmann im April 2016 im Talk mit Ralf Minge nach dem erfolgreichen Wiederaufstieg in die zweite Bundesliga.  © TAG24

Ja, Ralf Minge hat Fehler gemacht. Er hat in den sechs Jahren nicht immer die personell richtigen Entscheidungen getroffen, er hat Trainer ziehen lassen, die sich nun woanders den großen Dynamo-Traum vom Bundesliga-Aufstieg erfüllen, er hat Spieler ziehen lassen (müssen), die woanders einschlugen, und manch Fan fragt sich noch heute: "Wieso schießt der die Tore am Fließband nicht für uns?"

All das sind Fehler, deren sich Ralf Minge bewusst war und ist. Und die er sich stets mit Rückgrat öffentlich eingestand. Für seinen größten "Fehler" wird er sich hoffentlich nie entschuldigen. Denn das ist seine Menschlichkeit.

"Mingus" mit der legendären Jeansjacke ist kein gelackter Fußball-Manager, dem es wichtig ist, dass die Bugatti-Jeans sitzt, das Hilfiger-Hemd unbefleckt bleibt, der eine meterlange Parfümwolke hinter sich herzieht oder vor dem Verlassen des Hauses prüft, ob die Haare auch richtig liegen.

Ralf Minge ist vor allem Mensch. Das war er schon als Spieler. Das machte ihn bereits damals zum Fan-Liebling, mittlerweile ist er eine Legende. Wenn es seinem Verein schlecht ging, dann ging es ihm schlecht. 

Dann sah man ihn am TV-Mikrofon, und sein Gesicht war genauso gezeichnet wie das der Fans, wenn ein Chancentod mal wieder auf den K-Block anstatt aufs Tor gezielt hatte, ein neuer Strafbescheid vom DFB ins Haus flatterte oder der Klub sich schnurstracks auf den Abstieg zubewegte.

Minges größter "Fehler": Seine Menschlichkeit!

Unvergessene Szenen aus Magdeburg: Dynamo hat den Aufstieg geschafft, Ordnungskräfte wollen Ralf Minge aus dem Innenraum abführen, weil sie nicht wussten, wer er ist.
Unvergessene Szenen aus Magdeburg: Dynamo hat den Aufstieg geschafft, Ordnungskräfte wollen Ralf Minge aus dem Innenraum abführen, weil sie nicht wussten, wer er ist.  © Lutz Hentschel

Er hat stets lange überlegt, er hat hinterfragt, er hat den Verein Dynamo in sich aufgesogen und versucht, das den Menschen, die er für Schwarz-Gelb begeistern wollte, zu vermitteln. 

Ihm liegen persönliche Schicksale am Herzen. Spieler, Kollegen, Mitarbeiter auf der Geschäftsstelle sind für ihn keine Laufkundschaft. Für sie hat er immer Zeit, sei es für ein Telefonat, einen Kaffee oder Hilfe am späten Abend. 

Er ist ehrlich, er hasst es, hintergangen zu werden oder zu hintergehen, und er ist einfach der "dufte Typ" von nebenan. Das macht ihn so besonders, und das ist sein größter "Fehler", oder besser gesagt ein Makel. Denn all das ist im rauen Fußballgeschäft eigentlich nur äußert selten gefragt.

Er hat es dennoch auf diese Art und Weise probiert, er hat sich dabei bis zur gesundheitlich bedrohlichen Grenze verausgabt und hat sechs Jahre lang in seiner Funktion als Sportgeschäftsführer Dynamo alles untergeordnet. Er war und ist das Gesicht des Vereins, auch das mag so manchem Entscheidungsträger, der selbst gern im Rampenlicht stehen würde, nicht gepasst haben. Minge hat es sich nicht ausgesucht, dort zu stehen, sondern seine Arbeit und seine Art haben ihm diese Anerkennung eingebracht.

Es war beeindruckend, wie er im Februar 2014 zu Dynamo zurückkam, den Abstieg zwar nicht mehr verhindern konnte, aber wie er wenige Tage nach der "Stunde Null" einen Plan in der Tasche hatte. Mit Führungspersönlichkeiten auf dem Platz, mit talentierten Spielern, die wohl nur Insidern bekannt waren, doch die er zu einem Gerüst zusammengefügte, das nur zwei Jahre später Früchte mit dem Wiederaufstieg getragen hat.

Er hat jeden Cent umgedreht, vor allem dank ihm steht der Verein jetzt finanziell da, wo er steht. Mag sein, dass er den einen oder anderen Euro am Kader zu viel gespart hat, aber er hat eben immer das große Ganze gesehen und wollte Dynamo finanziell auf einen weiteren möglichen Abstieg und die finanziellen Lasten des dann neu stehenden Trainingszentrums vorbereiten.

Dass die Wege sich nun trennen, ist auch Minges Wunsch, die Art und Weise ist unterste Schublade

Ralf Minge gut erholt nach seiner Auszeit, die er sich aus gesundheitlichen Gründen nehmen musste.
Ralf Minge gut erholt nach seiner Auszeit, die er sich aus gesundheitlichen Gründen nehmen musste.  © Lutz Hentschel

Dass die Wege als Sportgeschäftsführer von Minge und Dynamo sich trennen, das war vorhersehbar, und das war sogar auch von ihm so gewollt. Zu viel Energie haben die letzten Jahre gekostet, nicht zuletzt eine aus gesundheitlichen Gründen erforderliche Auszeit hat das dem "Paten", wie er seit dem Aufstieg 2016 genannt wird, selbst klar gemacht.

Doch die Art und Weise der Trennung, der Zeitpunkt dieser Mitteilung und das nun entstehende Führungsloch, weil Dynamo hätte die Stelle bis 30. März ausschreiben müssen, zeigen: Schwarz-Gelb schafft es mal wieder, sich selbst zu zersetzen und nichts aus der Vergangenheit zu lernen.

Nicht einmal eine Perspektive wird aufgezeigt, wie Minge – in welcher Form auch immer – dem Verein erhalten bleiben soll. Schlimmer kann eine Trennung von einer Legende des eigenen Vereins nicht ablaufen. 

Nach so vielen Tränen, Herzblut, Schweiß, Kraft, Stärke, aber auch Schwäche, so die Tür vor der Nase zugeknallt zu bekommen, das ist schlimmer als jegliche Scheidung inklusive Rosenkrieg. Es ist peinlich, dass der Verein auf die Forderung Minges, sein Lebenswerk wenigstens bis Ende des Jahres fortzuführen, nicht eingehen oder wenigstens einen Kompromiss finden konnte.

Minge stellt sich am Dienstagmorgen vor die Mannschaft und macht klar: Gemeinsam alles für Dynamo geben!

Spieler, die zu Minge stehen, sollen sich jetzt noch im Drei-Tages-Rhythmus den Allerwertesten für den Verein aufreißen!? Spieler, die nicht wissen, wie es mit ihrem Vertrag weitergeht, haben keine Ahnung, wer die neue Saison – egal ob zweite oder dritte Liga, plant!? Diese Spieler sollen diese Unruhe ausblenden und für einen Verein alles geben, von dem sie mit diesem Schachzug so enttäuscht wurden?

Einen Nachfolger haben die Verantwortlichen nicht auf dem Zettel, nicht einmal einen Plan, wer infrage kommen könnte. Einige Namen rücken wohl erst durch Medienberichte in ihren Fokus.

Und wer beweist in der ganzen Farce wieder das größte Rückgrat? Ralf Minge! Er stellte sich am Dienstagmorgen vor die Mannschaft. In einer emotionalen Ansprache machte er klar, dass er bis zu seinem letzten Arbeitstag alles für Dynamo Dresden geben wird und das auch von den Spielern erwartet. Gemeinsam soll der Klassenerhalt noch geschafft werden. 

Man kann für Schwarz-Gelb nur hoffen, dass es gelingt, andernfalls kann man es mit Blick auf die Verantwortlichen in Anlehnung an die Worte von Aue-Boss Helge Leonhardt im Juli sagen: "Denn sie wussten nicht, was sie taten!"

Titelfoto: TAG24

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