Herzschlag-Finale bei Ultralauf: Nach 483 gelaufenen Kilometern gibt es einen Sieger

Austin (Texas) - Der erbitterte Zweikampf ist vorbei. Nach mehr als drei Tagen des Laufens gaben die Beine von Kendall Picado Fallas (22) einfach auf. Er verlor knapp den Wettlauf gegen die Uhr. Sein Kontrahent Mark Dowdle (28) kürt sich zum einzigen Finisher und somit auch zum Sieger des diesjährigen "Go One More"-Ultra Marathons auf der Bare Ranch in Texas.

Nach 73 Stunden und 483 gelaufenen Kilometern endete das Duell der beiden Ultra-Athleten Kendall Picado Fallas (22, l.) und Mark Dowdle (28).  © Fotomontage: Screenshot: instagram.com/mark.dowdle, Screenshot: instagram.com/kendallpfx

Die Hoffnung aller deutschen Fans des Extremsports platzte bereits einen Tag zuvor, als Kim Gottwald (22) nach 58 Runden in 58 Stunden das Rennen abbrechen musste. Gemeinsam mit dem US-Amerikaner Harvey Lewis (50) – einer lebenden Legende des Ultra-Sports, der selbst mit 108 Runden den Backyard-Weltrekord hält – teilt sich Gottwald den "dritten Platz".

Doch wie bei jedem Backyard-Ultra beginnt das wahre Rennen erst, wenn nur noch zwei Läufer auf der Strecke sind. Über weitere 15 Runden hinweg lieferten sich der Puerto-Ricaner und der US-Amerikaner ein Kopf-an-Kopf-Rennen, wobei sie die sogenannte "Cut-Off-Time" – also die Zeit, die sie einhalten mussten, um nicht disqualifiziert zu werden – nur um Sekunden erreichten.

Der Veranstalter "Bare Performance Nutrition" startete jede Runde, ungefähr zehn Minuten vor der vollen Stunde, einen Livestream, damit die Zuschauer den Zieleinlauf und den Start der neuen Runde mitverfolgen konnten.

Sport Drama beim Ultralauf: Nach 388 Kilometern ist für Kim Gottwald der Traum vorerst geplatzt

Bereits eine Runde vor dem Ende spielten sich aufregende Szenen auf der Ranch im texanischen Outback ab.

Anzeige

Beide Läufer waren kurz vor Disqualifikation

Das Rennen wurde stark von heftigen Unwettern heimgesucht. Der starke Regen setzte die Feldwege teils knietief unter Wasser. Das Rennen war zu großen Teilen eine echte Schlammschlacht. (Symbolfoto)  © Christoph Reichwein/dpa

Es waren nur noch wenige Minuten auf der Uhr und noch keiner der beiden Läufer war in Sichtweite. Niemand wusste, wo die beiden waren und erste Versorgungsfahrzeuge starteten, um den Kurs nach den beiden Extremsportlern abzusuchen.

Dann sah man die beiden Männer in der Ferne – Seite an Seite liefen sie dem Ziel entgegen, wohl wissend, dass die Cut-Off-Time ihnen dicht auf den Fersen war. Die anwesenden Zuschauer brüllten und schrien und feuerten die beiden an. Letztendlich schafften es beide, die Runde innerhalb von 59 Minuten und 47 Sekunden zu beenden.

Doch die Uhr bei einem Backyard-Ultra hält niemals an. Kendall und Harvey bekamen nur etwas Verpflegung von ihrer Crew in die Hand gedrückt und mussten sofort wieder los auf die Strecke.

Anzeige

Wenn Wille und Geist den eigenen Körper besiegen

Mike Egan (37) wusste bereits zum Zeitpunkt seiner Anmeldung, dass das Wetter ein limitierender Faktor beim "Go One More"-Ultra sein könnte. Doch er hatte seinen Fans, seiner Familie und nicht zuletzt sich selbst versprochen, bis zum bitteren Ende zu kämpfen.  © Fotomontage: Screenshot: instagram.com/mj_egan

Die kommende Runde war für Kendall aber schließlich das Ende. Mit Tränen in den Augen sprintete er die letzten hundert Meter Richtung Ziel, doch seine Beine wollten nicht mehr so wie der Kopf. Um wenige Sekunden verpasste er die Zielzeit und schied somit aus dem Rennen aus.

Damit wurde Mark nach 73 Stunden und rund 483 gelaufenen Kilometern zum einzigen Finisher des "Go One More"-Ultras.

Trotz dieses herzzerreißenden Finals gab es jedoch einen Läufer, der den Zuschauern ganz besonders in Erinnerung bleiben wird – Mike Egan (37). Mike war ein Marine-Soldat, der bis 2012 in Afghanistan stationiert war. Im Einsatz wurde er so schwer verwundet, dass die Ärzte ihm beide Beine amputieren mussten.

Sport Susen Tiedtke und Hendrik Dreekmann: Ex-Sporttraumpaar verliert geliebten Sohn Max (†17)

Anstatt aufzugeben, kämpfte sich Mike wieder zurück ins Leben und beschloss, sich nicht durch den Rollstuhl bremsen zu lassen, auf den er jetzt angewiesen war. Knapp 14 Jahre nach der Amputation seiner Beine startete er als einer von 145 Läufern den "Go One More"-Ultra. Selbst als nach 27 Stunden der Weg so schlammig wurde, dass die Räder seines Rollstuhls blockierten, gab der 37-Jährige nicht auf.

Wo andere schon längst kapituliert hätten, zeigte er seinen unerbittlichen Willen und beendete die Runde, indem er seinen Rollstuhl hinter sich herzog.

Mike inspirierte Tausende Menschen, indem er zeigte, dass allein man selbst entscheidet, was man alles noch schaffen kann, selbst wenn alles andere sonst dagegen spricht. Sieger der Herzen ist Mike somit allemal.

Mehr zum Thema Sport: