Nicht hart zuschlagen, sondern "angemessen verteidigen": Kampfkunst-Schule will mehr Frauen gewinnen

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Hamburg - Sich einmal so verteidigen können wie einst Bruce Lee (†32): Der Schauspieler gilt als der wohl berühmteste Schüler des WingTsun. In den 1970er-Jahren machte Keith R. Kernspecht (†2024) die asiatische Kampfkunst auch in Europa bekannt und gründete die Europäische WingTsun Organisation (EWTO). Diese feierte in diesem Jahr ihr 50-jähriges Bestehen mit einem Wechsel an der Spitze: Erstmals übernimmt mit der Tochter des Gründers eine Frau die Geschäftsführung. Natalie Kernspecht verfolgt dabei vor allem ein Ziel: Sie wünscht sich mehr Frauen im Training und bot TAG24 eine Schnupperstunde an.

TAG24-Reporterin Madita lernt von WingTsun-Meister Frank Aichlseder, sich immer auf die Nase des Gegenübers zu fokussieren.
TAG24-Reporterin Madita lernt von WingTsun-Meister Frank Aichlseder, sich immer auf die Nase des Gegenübers zu fokussieren.  © Alice Nägle/TAG24

Der erste Schritt sei oft der schwerste. Nicht die Technik, nicht der erste Schlag, sondern überhaupt ein Selbstverteidigungstraining zu betreten. Gerade für viele Frauen sei diese Hemmschwelle noch immer sehr groß, so Kernspecht im TAG24-Gespräch.

In einer EWTO-Schule in Norderstedt wird schnell klar, dass es hier um weit mehr geht als Kampfkunst. WingTsun-Meister Frank Aichlseder hebt die Hände vor den Körper. "Schützende Hände", sagt er. "Das ist das Wichtigste."

Die ersten Übungen wirken unspektakulär: ein stabiler Stand, ernster Blick, klare Stimme und eben die schützenden Hände. Vier Werkzeuge, die jeder lernen könne, sagt Aichlseder: "Wir lernen hier nicht, möglichst hart zuzuschlagen, sondern uns angemessen zu verteidigen."

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Viele Konflikte begännen nicht mit einem Schlag, sondern mit Nähe, einer Berührung oder dem schleichenden Überschreiten von Distanz. Gerade in diesen Momenten, sagt Aichlseder, erstarrten viele Menschen. Im WingTsun gehe es deshalb zunächst darum, handlungsfähig zu bleiben, unabhängig von Kraft oder Körpergröße.

"Ich sage immer: Der Basiskurs dauert ein Jahr." Nicht, weil die Bewegungen besonders kompliziert wären. Sondern weil sie in Fleisch und Blut übergehen müssten. Erst mit der Zeit lerne der Körper, auch unter Stress automatisch zu reagieren. "Ich bin auch heute immer wieder aufs Neue überrascht, was mein Körper kann", sagt der WingTsun-Meister, der seit mehr als 35 Jahren trainiert und unterrichtet.

Wer wisse, dass er sich in jeder Distanz verteidigen könne, trete automatisch souveräner auf. Oft sei dieses Vertrauen in den eigenen Körper wichtiger als die Technik selbst. Mit jedem Training wachse deshalb nicht nur die Fähigkeit zur Selbstverteidigung, sondern auch das Selbstwertgefühl und die Stressresistenz.

TAG24 bei einer WingTsun-Schnupperstunde

Rund 80 Prozent der Mitglieder seien weiterhin Männer

WingTsun vermittelt nicht nur Schlag- und Befreiungstechniken, sondern bereitet auf ganz unterschiedliche Gefahrensituationen vor – vom Würgegriff über den Schwitzkasten bis hin zu Angriffen am Boden oder durch mehrere Personen.
WingTsun vermittelt nicht nur Schlag- und Befreiungstechniken, sondern bereitet auf ganz unterschiedliche Gefahrensituationen vor – vom Würgegriff über den Schwitzkasten bis hin zu Angriffen am Boden oder durch mehrere Personen.  © Madita Eggers/TAG24

Genau darin sieht Natalie Kernspecht die eigentliche Stärke des WingTsun. Dass sie einmal an der Spitze der Organisation stehen würde, sei allerdings keineswegs selbstverständlich gewesen: "Eigentlich war gar nicht geplant, dass ich WingTsun lerne."

Als Kind sei sie klein, schüchtern und von den vielen kräftigen Männern im Training wenig begeistert gewesen. Ihr Vater fand einen anderen Zugang.

Er fragte sie, ob sie den "Prinzessinnentanz" lernen wolle. Gemeint war die Siu-Nim-Tao-Form, die erste Form des WingTsun, die im Grundstand an einen Reitersitz erinnert.

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"Damit hat er mich ein wenig ausgetrickst", so Kernspecht und lacht. "Mit der Zeit habe ich aber gemerkt, dass WingTsun viel einfacher zu lernen war, als ich gedacht hatte und ich mich ohne viel Kraft auch gegen größere und stärkere Menschen behaupten kann. Das hat mich motiviert, dranzubleiben."

Vor allem habe ihr WingTsun aber eines gegeben: Selbstvertrauen. Dieser Satz fällt an diesem Tag immer wieder. Nicht Selbstbewusstsein durch Siege, sondern Selbstvertrauen durch das Wissen, nicht völlig ausgeliefert zu sein.

Deshalb wünsche sie sich heute vor allem mehr Frauen in den Schulen. Rund 80 Prozent der Mitglieder seien weiterhin Männer. Dabei sei WingTsun gerade für Frauen geeignet und das nicht nur, weil die Kampfkunst von einer Frau erfunden wurde.

"Wir brauchen dafür keine besondere Kraft, keine Schnelligkeit und müssen auch nicht besonders aggressiv sein. Stattdessen bekommen wir die Werkzeuge an die Hand, um uns am Ende sicherer auf der Straße und auch im Leben zu bewegen."

Die "Großen 7 Fähigkeiten" des WingTsun hängen in der EWTO-Schule in Norderstedt stets sichtbar an der Wand.
Die "Großen 7 Fähigkeiten" des WingTsun hängen in der EWTO-Schule in Norderstedt stets sichtbar an der Wand.  © Madita Eggers/TAG24

Mehr Menschen im WingTsun würden die Welt ein Stück besser machen

Dr. Natalie Kernspecht zusammen mit WingTsun-Meister Frank Aichlseder in der EWTO-Schule in Norderstedt. Beide wünschen sich mehr Frauen im Training.
Dr. Natalie Kernspecht zusammen mit WingTsun-Meister Frank Aichlseder in der EWTO-Schule in Norderstedt. Beide wünschen sich mehr Frauen im Training.  © Madita Eggers/TAG24

Ebenso wichtig wie die Selbstverteidigung seien Gewaltprävention, Deeskalation und Selbstwertgefühl. Gerade Frauen würden häufig früh lernen, Konflikte zu vermeiden und zurückzustecken.

"Ich bin Asiatin und gerade Asiatinnen werden häufig so erzogen, dass sie immer zuvorkommend sein müssen. Sie sollen keinen Stress machen und immer Ja sagen", so Kernspecht.

"Aber auch in Deutschland empfinde ich, dass viele Frauen bestimmte Glaubenssätze und Erfahrungen verinnerlicht haben, die für sie eher kontraproduktiv sind."

WingTsun setze genau dort an. Wer trainiere, lerne zunächst, die eigenen Grenzen wahrzunehmen, sie klar zu kommunizieren und sie notfalls auch körperlich zu verteidigen.

Gleichzeitig wisse sie, warum viele Frauen den ersten Schritt scheuen. Die Hemmschwelle, mit einem – wie in Franks Fall – männlichen Trainer zu beginnen, sei oft groß. Doch diese Unsicherheit verschwinde häufig nach einiger Zeit. Viele wollten dann ganz bewusst auch mit Männern trainieren, weil das den Alltag realistischer abbilde.

In den EWTO-Schulen, betont sie, werde deshalb großer Wert auf Sicherheit gelegt. Lehrkräfte würden sorgfältig ausgewählt, pädagogisch geschult und müssten unter anderem ein Führungszeugnis vorlegen. Die Schulen sollen Orte sein, an denen Menschen Vertrauen entwickeln, nicht nur in ihre Trainer, sondern vor allem in sich selbst.

"Unsere Werte sind unter anderem von taoistischen, buddhistischen und shintoistischen Traditionen geprägt. Deshalb verstehen wir uns als eine große Familie. Wir sprechen uns als Brüder und Schwestern an und pflegen einen respektvollen und unterstützenden Umgang miteinander", so Kernspecht.

Wer beispielsweise von Hamburg nach Berlin ziehe, könne problemlos in einer anderen EWTO-Schule weitertrainieren. Viele Mitglieder beschrieben die EWTO deshalb als eine Art Wahlfamilie. "Ich glaube, wenn mehr Menschen WingTsun machen, dass es unsere Welt zu einer besseren machen würde", betont Kernspecht zum Schluss.

In Deutschland gibt es über 100 EWTO-Schulen. Mehr Infos hier.

Titelfoto: Alice Nägle/TAG24

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