Schlechteste Olympische Spiele der Geschichte: Quo vadis, deutscher Biathlon?

Antholz (Italien) - Zwei bittere Fakten bleiben nach dem Abschluss der olympischen Biathlonwettbewerbe in Antholz: Für die deutschen Biathleten sind es mit Blick auf den Medaillenspiegel die schlechtesten Winterspiele aller Zeiten [Anm. d. Red. am Ende des Texts]. Und: Mit Franziska Preuß (31) hat die letzte deutsche Dominatorin aus den Zeiten goldener Generationen am Samstag ihre Karriere beendet. Was nun?

DSV-Sportdirektor Felix Bitterling spricht von mehreren Generationen, die Deutschland fehlen.
DSV-Sportdirektor Felix Bitterling spricht von mehreren Generationen, die Deutschland fehlen.  © /dpa | Hendrik Schmidt

Deutschland als Biathlonmacht, das ist heute nur noch eine Erinnerung an vergangene Zeiten. Was quasi über die gesamte bisherige Geschichte dieser Sportart galt, ist plötzlich vorbei. Team D beendet die Olympischen Spiele in Antholz mit nur einer Bronze-Medaille.

Während Frankreich und Norwegen der internationalen Konkurrenz immer weiter enteilen, liegt Deutschland im Biathlon-Medaillenspiegel dieser Winterspiele auf Rang fünf - gleichauf mit Finnland, Tschechien und Bulgarien.

In der ewigen Olympia-Rangliste wird Norwegen Deutschland in vier Jahren überholen - wenn kein Biathlonwunder geschieht. DSV-Sportdirektor Felix Bitterling (48) betonte am Rande der Spiele indirekt, das damit nicht zu rechnen sei.

Was ist los mit Ex-Biathlonmacht Deutschland? Rekordweltmeister findet klare Worte
Biathlon Was ist los mit Ex-Biathlonmacht Deutschland? Rekordweltmeister findet klare Worte

Das Männer-Team sei überaltert, vielversprechenden Nachwuchs gibt es kaum - "uns fehlen ein bis zwei Generationen", erklärte Bitterling, der den Deutschen Skiverband zum Ende der Saison verlassen wird.

Rekordweltmeister Johannes Thingnes Bø (32) sprach dieser Tage bereits davon, "sehr enttäuscht" zu sein - und forderte "irgendeine Art von Veränderung" im DSV.

Die deutschen Herren liegen aktuell nicht mehr in der absoluten Weltspitze.
Die deutschen Herren liegen aktuell nicht mehr in der absoluten Weltspitze.  © dpa | Hendrik Schmidt
Franziska Preuß (31) bei ihrer letzten Zieleinfahrt am Samstag.
Franziska Preuß (31) bei ihrer letzten Zieleinfahrt am Samstag.  © dpa | Hendrik Schmidt

"Trainer-Task-Force" und Schieß-Spezialisten sollen deutschen Biathleten helfen

Julia Tannheimer (20) gilt als DSV-Hoffnungsträgerin.
Julia Tannheimer (20) gilt als DSV-Hoffnungsträgerin.  © dpa | Hendrik Schmidt

Auch bei den Frauen fehlt durch Preuß' Abgang nun eine Athletin mit absolutem Weltspitze-Format. Immerhin: Mit Julia Tannheimer (20) und Selina Grotian (21) - beide sind fünfmalige Junioren-Weltmeisterinnen - gibt es junge Sportlerin mit großem Potenzial.

Doch auch das gilt es erst einmal umzusetzen und beständig abrufen zu können. In dieser Saison bleiben beide etwas hinter den hohen Erwartungen zurück, die an sie wegen der glorreichen vergangenen Jahrzehnte unfairerweise schon gerichtet werden.

Bitterling hat deshalb vor zweieinhalb Jahren eine "Trainer-Task-Force" gegründet, "eine autarke Gruppe von Lauf- und Schieß-Coaches, die die Stützpunkte unterstützen sollen", wie es das ZDF schreibt. Auch eine Schießakademie "mit internationalen Spezialisten" wurde ins Leben gerufen.

"Absolutes No-Go": So erfuhr Biathletin von ihrem positiven Dopingtest
Biathlon "Absolutes No-Go": So erfuhr Biathletin von ihrem positiven Dopingtest

Doch Bitterling bleibt realistisch: "Neue Talente mit Weltklasse-Potenzial finden wir jetzt nicht von Mai bis Juni." Vielmehr "dauert das wahrscheinlich Jahre".

Im Hintergrund hofft der Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) indes auf die seit langem stockende Spitzensportreform. Die Probleme gibt es nicht nur beim Biathlon - eine unabhängige Agentur soll eigentlich in Zukunft über die Verteilung der Steuer-Millionen und die Strukturen im deutschen Spitzensport entscheiden und diesen effizienter und international wieder wettbewerbsfähiger machen.

Das Gesetz sollte vor der kommenden Sommerpause im Bundestag verabschiedet werden - doch Politik und Sport streiten weiter. Geduld ist so oder so gefragt: Selbst bei einer Umsetzung wird es Jahre dauern, bis die Reformen ihre Wirkung zeigen.

Wie geht es für Team D bei Olympischen Spielen weiter?
Wie geht es für Team D bei Olympischen Spielen weiter?  © dpa/ARD Presse | Mike Egerton

Anmerkung zur Biathlon-Medaillenausbeute bei Olympischen Spielen

In diesem Text wie auch in Berichten anderer Medien ist die Rede von den schlechtesten Biathlon-Winterspielen aller Zeiten aus deutscher Sicht.

Mit Blick auf die Medaillen ist es tatsächlich "nur" das schlechteste Abschneiden seit Olympia 1976 in Innsbruck (einmal DDR-Bronze). Bei den Winterspielen 1960, 64 und 68 standen jeweils gar keine Medaillen zu Buche.

Dabei ist allerdings zu beachten, dass es damals nur einen bzw. zwei Wettkämpfe (unter anderem gar keine Frauenstarts) gab, zur Olympia-Premiere 1960 zum Beispiel nur den Einzel der Männer! Ein historischer Vergleich zu Spielen vor 1992 (Einführung Frauenwettkämpfe, insgesamt sechs Rennen) ist also schwierig.

Eine Bronzemedaille bei elf Rennen kann also durchaus als "schlechtestes Abschneiden" bei Olympia eingeordnet werden.

Titelfoto: Montage: dpa | Hendrik Schmidt

Mehr zum Thema Biathlon: