Kopfrechnen und Jetons-Türme: Das macht ein Croupier im Casino

Stuttgart - Wie in "Casino Royale" sieht es in der Spielbank Stuttgart nicht gerade aus. Es wirkt moderner. Im Saal funkelt es und die große Seitenwand ist voller Graffiti-ähnlicher Verzierungen im Putz.

Timon Hiller (48) arbeitet in einem Casino und berichtet, wie sein Alltag in dem Casino aussieht.
Timon Hiller (48) arbeitet in einem Casino und berichtet, wie sein Alltag in dem Casino aussieht.  © Bernd Weissbrod/dpa

Hier findet sich alles, was das Zockerherz höher schlagen lässt. Roulette-, Blackjack- und Baccara-Tische sowie Jetons, so weit das Auge reicht. Das ist der Arbeitsplatz von Timon Hiller. Der 48-Jährige ist Croupier der ersten Stunde und als Saalchef tätig. Er schaut, dass alles reibungslos läuft.

Hiller arbeitet vom späten Nachmittag bis oftmals weit nach Mitternacht. Croupier sei kein anerkannter Ausbildungsberuf. "Man muss gut Kopfrechnen können und eine gewisse Fingerfertigkeit sowie ein gutes Gedächtnis haben", sagt er.

Ferner ein einwandfreies polizeiliches Führungszeugnis und geordnete finanzielle Verhältnisse. Schließlich werden pro Spieltisch am amerikanischen Roulette Jetons im Wert von 100.000 Euro verwaltet, wenn es losgeht. Hier kann jeder Spieler selbst setzen und der Croupier markiert die Gewinnzahl mit einer kleinen Figur namens Dolly, nachdem die Kugel im Kessel nach 12 bis 18 Umdrehungen zum Stillstand gekommen ist.

Doch bis man Croupier ist, dauert es mehrere Jahre. In verschiedenen Kursen wird dem Nachwuchs das Handwerkszeug beigebracht. Während Hiller einst zuerst in die Geheimnisse des Roulettespiels eingeweiht worden ist, wird heute mit Blackjack angefangen. Das Kartenspiel, besser als "17 und 4" bekannt, sei einfacher zu lernen, sagt er. "Man wächst so langsam in den Beruf hinein."

Hiller hatte sich einst auf eine Anzeige beworben, nachdem er zuvor im Spielcasino in Baden-Baden gewesen und dadurch sein Interesse geweckt worden sei. Von 200 Interessenten seien 30 genommen worden, erinnert er sich an seine Anfänge im Jahr 1996. Damals ist die Spielbank Stuttgart auch eröffnet worden.

Corona sorgte für starke Verluste

Der Croupier Timon Hiller ist Croupier der ersten Stunde und als Saalchef tätig.
Der Croupier Timon Hiller ist Croupier der ersten Stunde und als Saalchef tätig.  © Bernd Weissbrod/dpa

Im Südwesten gibt es drei Spielbanken: Neben Stuttgart in Baden-Baden und Konstanz. Sie litten infolge der coronabedingten Schließung natürlich wie die gesamte Wirtschaft. Die meisten der mehr als 500 Mitarbeiter sind auch in Kurzarbeit gewesen.

Der Bruttospielertrag aller drei Casinos belief sich im ersten Halbjahr 2021 nur auf 2,5 Millionen Euro - das ist gegenüber dem Vorjahreszeitraum, in dem es auch schon Schließzeiten gab, ein Minus von knapp 93 Prozent.

Das Stuttgarter Casino öffnet um 16 Uhr am Nachmittag. Zunächst bevölkern eher ältere Semester die Spieltische. Bevor sie ihr Geld ausgeben können, müssen sie sich am Eingang registrieren lassen. Damit auch alles ganz korrekt abläuft, ist auch das Finanzamt da. Während nachmittags oder unter der Woche eher die Älteren kommen, kommen die jüngeren Leute nach 21 Uhr und am Wochenende, beschreibt der Direktor der Spielbank, Patrik Maier, das Publikum.

"Ein Großteil der Besucher ist unter 40 Jahre." Männer machen bei den Gästen knapp zwei Drittel aus. Strenge Kleiderschriften gibt es in den Casinos schon längere Zeit nicht mehr. Inzwischen setzen die Macher auf legere Kleidung und es sind oft mehr Menschen in Alltagskleidung anzutreffen als in schicken Smokings oder Abendkleidern.

Fingerfertigkeit ist vor allem beim Umgang mit den Jetons gefragt. Blitzschnell werden die Spielmarken hin und her geschoben, auch mehrere aufeinander und kein einziger der Türme verrutscht auf dem Tisch. Oder sie werden elegant abgestreift, wenn ein Gewinn ausgezahlt wird. "Das muss man als Anfänger immer wieder üben, damit es sitzt", sagt Saalchef Hiller, der gerne nachts tätig ist, wenn andere schlafen.

Anderer Lebensrhythmus bei Nachtarbeit

Timon Hiller arbeitet hauptsächlich nachts und das sei ein ganz anderes Leben wie Menschen mit klassischen Arbeitszeiten führen.
Timon Hiller arbeitet hauptsächlich nachts und das sei ein ganz anderes Leben wie Menschen mit klassischen Arbeitszeiten führen.  © Bernd Weissbrod/dpa

"Die Leute, die nachts arbeiten, sind ein Volk für sich." Man schlafe am Morgen erst einmal länger und beginne dann den Tag ganz anders. Eher gemütlicher. "Man hat einen ganz anderen Lebensrhythmus." So könne man tagsüber viel mehr erledigen als Beschäftigte mit klassischer Arbeitszeit.

Da sei dann auch viel weniger los. Doch die ungewöhnliche Arbeitszeit hat aus der Sicht des 48-Jährigen auch einen gravierenden Nachteil. Es könne kein geregeltes Vereinsleben gepflegt werden. "Man kann nicht jeden Mittwoch ins Training gehen."

Das Mischen der Karten lernt der Croupier zwar auch. Aber in der Regel kommt eine Mischmaschine zum Einsatz. Nur wenn die den Geist aufgibt, muss der Croupier ran. Es werden Spielkarten aus Plastik verwendet. "Denn die Karten werden gequält. Und Plastikkarten halten länger als die aus Papier", sagt der Saalchef. In Asien würde man hingegen hauptsächlich Papierkarten verwenden.

Ein älterer Gast bleibt Hiller in besonderer Erinnerung. Der habe noch zu Zeiten vor der Umstellung auf den Euro innerhalb kürzester Zeit 100.000 Mark gewonnen. Wie früher sind auch heute Spielbankgewinne steuerfrei. Die Jetons werden an der Kasse zu Bargeld zurückgetauscht.

Titelfoto: Bernd Weissbrod/dpa

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