Frauen zerren das Patriarchat "vor Gericht": Was kosten Männer die Gesellschaft?
Stuttgart - Männer sind in mehr Führungspositionen, verdienen mehr Geld, und Gewalttaten werden hauptsächlich von Männern ausgeübt. Frauen machen mehr unbezahlte Care-Arbeit, werden häufiger Opfer von Fahrradunfällen und auch in der Medizin werden Behandlungen kaum auf Frauen ausgelegt. Nun stehen alle Männer in Deutschland als Patriarchat vor einem fiktiven Gericht und sollen Schadensersatz für all die Benachteiligungen von Frauen leisten. TAG24 hat die außergewöhnliche Gerichtsverhandlung live vor Ort verfolgt.
Der Robert-Bosch-Saal an der Volkshochschule Stuttgart ist am Donnerstagabend zu einem Gerichtssaal geworden. Eine Richterin, zwei Beisitzerinnen, links Zeuginnen, rechts eine Anwältin.
Das Patriarchat, also alle Männer, die in der Gesellschaft eine bevorzugte Stellung haben, steht vor Gericht. In einem fiktiven Zivilprozess soll es auf Schadensersatz verklagt werden. Die Nachteile der Frauen in unserer Gesellschaft sollen wieder ausgeglichen werden. Zugutekommen soll das Geld dem ausgedachten "Verein zur Durchsetzung von Gleichstellung und Würde der Frauen".
Der Saal ist prall gefüllt mit Frauen und Männern jeden Alters. Christine Lehmann (67) steckt unter der Robe der Richterin. Die Krimiautorin hat gemeinsam mit Kollegin Ines Witka (66) unter dem Talar der Kläger-Anwältin, das Projekt ins Leben gerufen.
Nur die Glitzerschuhe und die Turnschuhe der Beisitzerinnen des Gerichts verraten, dass unter den Roben Schauspieler stecken. Und vielleicht der Name des Gerichts: "Klage vor der großen Kammer des Bundesgerichts des gesellschaftlichen Anstandes".
Zeuginnen fordern Schadensersatz für Kosten für Sicherheit und teure Frauenprodukte
Wenngleich die Gerichtsverhandlung fiktiv ist, sehen die Initiatoren Ines Witka (66) und Christine Lehmann (67) ihre Schadensersatzforderung durchaus als berechtigt an. Schließlich werden Frauen in der Gesellschaft benachteiligt. "Männer sind für Kriege verantwortlich, Männer verüben Anschläge, und wir Frauen zahlen auch dafür", erklärt Christine Lehmann gegenüber TAG24.
Denn erhöhte Sicherheitsvorkehrungen, Betonpoller auf Weihnachtsmärkten werden von allen Steuerzahlern in Deutschland getragen. "Das weibliche Leben kostet mehr: Kleidung, Menstruationsprodukte, selbst der Friseur ist teurer", ergänzt Ines Witka.
Die Texte entstanden in der Schreibwerkstatt für Frauen. Sie feilten und berechneten die Folgen aus ihren teils eigenen Erfahrungen und Recherchen und verlasen sie als fiktive Zeugenaussagen. "Wir waren selbst erstaunt über die Summe, die herauskam", sagt Ines Witka. "So eine Aufstellung gab es noch nie."
Männer sind die meisten Täter bei Sexualverbrechen
Eine Zeugin berichtet von einem Fahrradunfall, deren Verletzungen nie wieder vollständig verheilt sind und davon, dass zwei Drittel der Unfälle mit Verletzten von Männern verursacht würden. Bei tödlichen Unfällen liege die Zahl sogar bei 90 Prozent.
Eine weitere Zeugin forderte die Kosten für sexuellen Missbrauch ein, eine weitere für Schwangerschaftsrisiken, eine andere für ihre Arbeit als Mutter und Hausfrau, die ihr nach der Scheidung kaum Rente und wenig Einkommen beschert.
Kim Loschiavone (31) klagt an, dass Männer hauptsächlich Täter sexualisierter Gewalt sind und Frauen Kosten für ihre Sicherheit tragen müssen. Selbstverteidigungskurse oder Pfefferspray würden nur notwendig, weil Frauen sich gegen Männer verteidigen müssten.
Die Gesundheitswissenschaftlerin hat bei dem Schreibkurs mitgemacht, weil "alle Frauen mit dem Patriarchat Erfahrungen machen" und sie die "negativen Auswirkungen in kreative Energie verwandeln wollte".
Schadensersatz von 1,5 Billionen Euro gefordert
Kaltrina Gashi (31) macht mit ihrem Text auf den Gender-Health-Gap aufmerksam, also darauf, dass Männern oft eine bessere Behandlung zukommt als Frauen. Manche Ärzte würden ältere Frauen mit großem Busen beispielsweise bei Herzleiden nicht so gründlich untersuchen.
"Autoimmunerkrankungen bei Frauen werden weniger erforscht als bei Männern, und die Gebärmutterkrankheit Endometriose ist so häufig wie Diabetes oder Asthma, aber kaum einer kennt sie", sagt die angehende Ärztin im Interview mit TAG24. Studien zu Medikamenten werden häufiger an Männern getestet und die Präparate wirken damit bei ihnen besser.
Die Forderungen der Frauen werden am Ende kumuliert und ergeben eine Summe von 1,5 Billionen Euro für zwei Jahre. Diese Summe soll beispielsweise für Jungen- und Männerbildung, für mehr Schutzräume für Frauen und bessere Beleuchtung dunkler Gassen eingesetzt werden.
Nun sind die Zuschauer der fiktiven Gerichtsverhandlung gefragt. Werden Sie dem Antrag stattgeben? Nur grüne Karten in der Luft besiegeln das fiktive Urteil.
Die Frauen der Schreibwerkstatt lesen am Ende Briefe vor, in denen sie selbst im Jahr 2050 auf heute zurückblicken. Damit zeigen sie auf, welche Chancen sich aus einem Fonds ergeben würden, der hauptsächlich Frauen zugute käme: Frauen würden sich in Deutschland sicher fühlen und hätten hohe Führungspositionen. Es gebe keine sexistischen Schlager und Anmachen wären verpönt.
Titelfoto: Andreas Kolbe
