Kein Bock auf Bund: Schüler erklären, warum sie nicht zum Militär wollen
Dresden - Fridays for Future war die größte junge Protestbewegung seit der Wende. Nur wenige Jahre später treibt es Jugendliche freitags erneut auf die Straße. Doch nicht fürs Klima - sondern gegen Krieg.
Emily Janson (14), Jakob (15) und Luis Bauer (17) gehören zu den Tausenden Schülern, die sich in Streikkomitees organisiert haben, um gegen den Wehrdienst zu mobilisieren.
"Man muss als Mensch seine Meinung sagen und für das Gute kämpfen", sagt Emily gegenüber TAG24. Als Kind wollte sie Ritter werden, näher sei sie Krieg nie gekommen. "Auch wenn es mich als Mädchen vielleicht nicht direkt betrifft - es betrifft unsere Nachbarn, unsere Freunde." Jakob besucht die 10. Klasse des Hülße-Gymnasiums in Dresden-Reick.
Von Zwangsdiensten jeder Art will er nichts wissen. "Bei der Bundeswehr geht es am Ende des Tages ums Töten und Getötet-werden." Die Werbung verkaufe das als Abenteuer, doch die Realität sei eine andere.
Die nahezu live übertragenen Bilder vom Gaza-Krieg haben Luis politisiert. Über die Beschäftigung mit dem Ukraine-Krieg kam der Zwölftklässler vom Freitaler Weißeritz-Gymnasium zur "antimilitaristischen Arbeit", wie er sagt.
Emily erhielt bereits fürs Flyerverteilen einen Schulverweis
Ihren Weg zum Schulstreik beschreibt Emily lachend: "In der Schule kam einer auf mich zugerannt und meinte: 'Hast du Bock auf Wehrpflicht?', während Lehrer hinter ihm herrannten."
Fürs Flyerverteilen an ihrer Schule bekam sie bereits einen Schulverweis, den sie schulterzuckend hinnimmt: "Zwang ist Zwang, Mord ist Mord. Und wenn ich dafür einen Schulverweis bekomme, dann ist das so."
Luis zog es aus eigener Betroffenheit zum Streik: Er gehört zum ersten Jahrgang, der Briefe erhält. Die 3000 Menschen am Dresdner Postplatz haben ihn überzeugt, dass hier eine echte Bewegung entsteht. Auch für Jakob war es erst die Neugier, dann die Erkenntnis, dass man organisiert tatsächlich etwas erreichen kann.
"Es wird über unsere Köpfe, gegen unseren Willen und gegen unsere Interessen entschieden", sagt Jakob. Sie dürfen nicht wählen, sie dürfen nicht mitentscheiden, ob es eine Wehrpflicht geben soll - aber sie sollen diejenigen sein, die eingezogen werden.
Während gleichzeitig bei Jugendclubs, Sozialarbeit und Bildung massiv gekürzt werde, flössen Milliarden ins Militär. Wenn es wirklich um Landesverteidigung gehe, sagt Luis, dann sei ihm "der Soldat auf der anderen Seite näher als der, der mich in diese Situation gebracht hat."
Stuttgarter Schulen verhängen Verwarnungsgelder an Schüler
Die Streikbewegung hat sich in wenigen Monaten professionell aufgestellt. Es gibt eine bundesweite Vernetzung und Komitees an teilnehmenden Schulen, die sich regelmäßig treffen.
Doch der Gegenwind ist beträchtlich: Das Schulamt hat klargemacht, dass es Freistellungen nicht geben wird. Einzelne Lehrkräfte unterstützen die Schüler zwar, aber offiziell wird geblockt. "Von ganz oben nach ganz unten wird dagegen gearbeitet", sagt Jakob.
Bundesweit häufen sich Berichte über Repressionen gegen streikende Schüler: In Halberstadt wurden Schüler in einem Klassenzimmer eingesperrt, um sie an der Teilnahme zu hindern. In München nahm die Polizei Jugendliche fest. In Stuttgart erhielten Schüler Verwarnungsgelder von 20 Euro für ihr unentschuldigtes Fehlen.
"Dagegen muss man sich einsetzen", sagt Jakob. Das alles sei ein geringer Preis ist verglichen mit einem halben Jahr Pflichtwehrdienst. Ein Thema, das alle drei umtreibt, ist die Bundeswehr-Werbung an Schulen.
Der nächste bundesweite Schulstreik ist am 8. Mai
Jugendoffiziere, die an Schulen kommen, würden keine neutrale Aufklärung betreiben, sondern Propaganda. "Man sollte Kindern beibringen, wie es allen Parteien im Krieg geht", sagt Emily, "anstatt mit Waffen in die Schule zu kommen."
Auch die Idee eines verpflichtenden Gesellschaftsjahres als Alternative zur Wehrpflicht überzeugt die drei nicht. Jakob sieht darin "eine Maßnahme, billige Arbeitskräfte zu bekommen – eine Art Zwangsdienst".
Emily findet: "Das ist im Prinzip Wehrpflicht, aber nur mit einer schönen Verpackung." Essenziell sei, dass man frei entscheiden könne.
Der nächste bundesweite Schulstreik ist für den 8. Mai geplant. Bewusst gewählt am Tag der Befreiung.
Die Organisatoren wollen damit eine Verbindung zur Geschichte ziehen. 70 Prozent der jungen Menschen in Deutschland lehnen den Wehrdienst ab. Die Bewegung rechnet mit weiterem Zulauf – wenn die Repressionen nicht noch zunehmen.
Titelfoto: Fotomontage/Eric Münch/picture alliance/dpa

