Polizei-Einsatz, Fehlleitung, Ratlosigkeit: Nächtlicher Dorf-Zwangshalt für ICE
Berlin/Nuthetal - Fahrgäste eines Intercity-Expresses der Deutschen Bahn haben in der Nacht zu Dienstag eine wahre Odyssee durchleben müssen. Wegen eines Polizeieinsatzes, einer Fehlleitung und einer Signalstörung kam ihr Zug mit einer exorbitanten Verspätung an.
Als der ICE 609 pünktlich um 19.35 Uhr den Bahnhof Hamburg-Altona verließ, ahnte niemand, wie die eigentlich fünfeinhalbstündige Fahrt nach Erfurt enden würde - nämlich drei Stunden später. Erst um 4.07 Uhr statt 1.01 Uhr verließen die letzten Reisenden den Zug.
Los ging die Tortur mit einer Streckensperrung zwischen Berlin-Südkreuz und Ludwigsfelde ab 22.43 Uhr. "Ein Triebfahrzeugführer hatte einen Gegenstand überfahren, den mussten wir mit Hubschrauber erst mal finden", sagte ein Bundespolizei-Sprecher zu TAG24. Die Blutanhaftungen stammten von einem Wildschwein. 23.50 Uhr erfolgte die Freigabe.
Zwischenzeitlich hatte der ICE in Südkreuz seine Fahrtrichtung geändert und war über den Hauptbahnhof, die Ringbahnstrecke der S-Bahn und das Ostkreuz in den Süden geleitet worden. Dort sollte es regulär weiter Richtung Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen gehen.
Dann aber der Zwangshalt. Am brandenburgischen Provinz-Bahnhof Saarmund im Landkreis Potsdam-Mittelmark stoppte der ICE. "Ein Unglück kommt selten allein. Ich weiß gar nicht, wie ich es Ihnen sagen soll. Wir wurden fehlgeleitet", musste die spürbar peinlich berührte Zugbegleiterin durchsagen.
"Wichtige Fahrplanunterlagen fehlen" für Weiterfahrt
Eine Fehlleitung ist "das unplanmäßige Umleiten des Zuges über ein anderes Streckengleis", teilte ein Bahnsprecher TAG24 mit und verwies auf die "absolute Ausnahme" solcher Vorkommnisse. Wahrscheinlichste Ursache dürfte menschliches Versagen eines Fahrdienstleiters sein. "Der Lokführer folgt den Signalen, die ihm gestellt werden und biegt somit falsch ab."
Eine Gefahr sei so eine Fehlleitung jedoch nicht: "Die Züge sind weiterhin signalgeführt und Sicherheitssysteme verhindern Zusammenstöße."
Man müsse nach Ludwigsfelde zurück und dann auf die Stammstrecke abbiegen. Doch dazu kam es lange Zeit nicht. "Weil uns wichtige Fahrplanunterlagen fehlen", so die Schaffnerin.
Schon zwischenzeitlich wurde von einer Verspätung "weit über 60 Minuten" gesprochen, weswegen kostenfrei Wasser und Kekse angeboten worden sind. Und auch auf die Fahrgastrechte wurde per Lautsprecherdurchsage hingewiesen. Ein weit nach Mitternacht schwacher Trost für die rund 110 Reisenden.
Dreistündige Verspätung nach Bahn-Tortur
Am Haltepunkt Saarmund patrouillierte um 0.48 Uhr ein Taxi, dessen Fahrer möglicherweise von dem Chaos erfahren hatte und auf aussteigende Kundschaft hoffte.
Eine Viertelstunde später kam eine erneute Durchsage - wieder fiel sie ernüchternd aus. "Es gibt jetzt noch eine Signalstörung. Es kann sein, dass wir die Richtung noch einmal ändern müssen."
Um 1.10 Uhr meldete der abermals durch den gesamten Zug ans andere Ende laufende Zugführer: "Wir fahren jetzt nach Michendorf zurück. Aufgrund der Signalstörung probieren wir es in die andere Richtung noch mal."
In Michendorf wurde abermals die Fahrtrichtung geändert. Von dort aus aber konnte die Strecke über Wittenberg, Bitterfeld und Leipzig nach Erfurt abgeschlossen werden. Mit einer Verspätung von drei Stunden. Der ICE war damit einer von 0,4 Prozent, der Teile seiner Halte mit mehr als 120 Minuten erreicht.
Der Zugbegleiter gab um 1.43 Uhr "Sorry-Karten" an die Reisenden aus. Auf dem Postweg werde eine Aufmerksamkeit wegen der Unannehmlichkeiten versendet.
Titelfoto: Bildmontage: DB Navigator ; privat

