"Es kann nicht sein, dass ich dafür in die Männerabteilung muss!" – Studentin entwirft Hosen nur für Frauen
Augsburg - Lia Buchen (28) hat genug von Frauenhosen mit Mini-Taschen oder bloßen Ziernähten. Jahrelang nähte die Geoinformatik-Studentin ihre Hosentaschen selbst größer. Als das Problem bestehen blieb, und immer mehr Frauen in ihrem Umfeld auf die umgenähten Hosen aufmerksam wurden, entstand schließlich die Idee für ihr Start-up "Real Pockets". Seit Ende April gibt es einen Online-Shop. Angeboten werden Jeanshosen mit 25 Zentimeter langen Taschenbeuteln. Für Buchen kein optisches, sondern vor allem ein gesellschaftliches Statement.
Denn die technische Umsetzung sei denkbar einfach. Große Taschen seien bei Männerhosen schließlich seit Jahrzehnten Standard. "Es wird einfach nicht gemacht", sagt Buchen im Gespräch mit TAG24.
Das Problem beschränke sich dabei auch nicht nur auf Jeans. Zu kleine oder fehlende Taschen seien in der gesamten Frauenmode verbreitet, egal ob bei Mänteln, Kleidern oder sogar Kinderkleidung.
Gründe dafür sieht die Augsburgerin unter anderem in "patriarchalen Strukturen". "Hosentaschen bedeuten auch Unabhängigkeit und Freiheit, gerade wenn man eben nicht auf eine Handtasche angewiesen ist."
Hinzu kämen auch wirtschaftliche Überlegungen: Frauen müssten häufig auf zusätzliche Produkte ausweichen, um fehlende Taschen zu kompensieren. "Und es kann ja nicht sein, dass ich für große Taschen in die Männerabteilung muss!", betont Buchen.
Lia Buchens Hosen wollen kein modisches Accessoire sein
Praktische Nachteile größerer Taschen sieht Buchen nicht, auch die Bewegungsfreiheit werde dadurch nicht eingeschränkt. Zwar zeichne sich der Tascheninhalt je nach Gegenstand teilweise ab. "Die Sachen verschwinden natürlich nicht magisch", stellt Buchen klar. Eine Handtasche als modisches Accessoire wollten ihre Hosen aber auch nicht ersetzen: "Sie sollen vor allem praktisch und bequem sein".
Viele Frauen würden ihr Handy aus Mangel an Alternativen ständig irgendwo ablegen, etwa auf Restauranttischen oder Waschbecken. "Das kann man mit großen Hosentaschen oft vermeiden", so die 28-Jährige. Auch beim Ausgehen seien die Taschen hilfreich, "gerade wenn man nur das Nötigste dabeihaben möchte." Für Buchen sei das Thema auch eine Frage der Sicherheit. Wer Wertsachen sicher in den vorderen Hosentaschen verstauen könne, verliere sie seltener oder werde weniger leicht bestohlen.
Zudem verweist sie auf mögliche finanzielle Nachteile der gängigen Frauenhosen: "Wenn ich das Handy hinten in der Tasche habe, fällt es schnell ins Klo oder der Bildschirm geht kaputt, weil ich mich darauf setze oder Ähnliches. Das muss man dann alles wieder bezahlen."
Diesen Satz wird die Studentin nicht vergessen
Bis die ersten Hosen verkauft werden konnten, habe sie sich – neben ihrem Master-Studium in Augsburg – Schritt für Schritt in die Gründung eingearbeitet. Website, Hosting, Produktion, Marketing – "da steckt wirklich ein Haufen Arbeit dahinter".
Als Quereinsteigerin habe sie zunächst keinerlei Kontakte in die Modebranche gehabt. Produzenten fand sie schließlich online.
"Ich werde nie vergessen, was sie zu mir gesagt haben", erinnert sich die 28-Jährige. Als sie verstanden hätten, wie groß die Taschenbeutel werden sollten, habe es geheißen: "Aber hören Sie, es muss ein Missverständnis vorliegen. Solche Taschen sind weit über dem Standard."
Für Buchen sei genau das der entscheidende Moment gewesen: "Ja, genau, das ist der Punkt."
Dass sie ihre eigenen Hosen inzwischen tatsächlich verkaufen kann, beschreibt sie als "sehr cooles Gefühl". Die ersten Kundinnen seien vor allem Frauen gewesen, die das Problem wie sie bereits lange kennen. Gleichzeitig sei das Thema gesellschaftlich noch kaum angekommen: "Frauen wissen gar nicht, dass sie auch größere Taschen haben können."
Mit "Real Pockets" will Buchen langfristig unterschiedliche Schnitte und Passformen für ein "inklusives Angebot" anbieten. Aktuell gibt es zunächst ein Modell in acht Größen für 80 Euro. Unterschiedliche Längen seien in dieser frühen Phase noch nicht möglich: "Da muss man erst auf eine gewisse Größe kommen und größere Stückzahlen produzieren."
Wachsen will Buchen "organisch", ohne große Investoren. "Ich möchte das wirklich so machen, wie es sich für mich gut anfühlt." Dass andere Marken die Idee übernehmen könnten, sieht sie gelassen. "Ich habe das gegründet, um Frauen große Hosentaschen zu geben. Wenn das irgendwann alle machen, soll mir das Recht sein."
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