Dresdner Oberärztin stellt klar: Diese Erkrankung wird massiv unterschätzt

Dresden - Migräne kann Betroffene für Stunden oder sogar mehrere Tage völlig aus der Bahn werfen. Dennoch werden viele Erkrankte oft belächelt, und das dahinterstehende Leiden wird häufig unterschätzt. Wie stark Migräne das Leben tatsächlich beeinflusst und was helfen kann: TAG24 hat mit Betroffenen und Experten gesprochen.

Prof. Dr. med. Gudrun Goßrau ist Leiterin des Kopfschmerzzentrums sowie stv. Leiterin des Universitäts SchmerzCentrum und Oberärztin für Neurologie, Spezielle Schmerztherapie.  © Thomas Türpe

Prof. Dr. med. Gudrun Goßrau, Leiterin des Kopfschmerzzentrums und Oberärztin für Neurologie am Universitätsklinikum Dresden, betont, dass Migräne weit mehr sei als "nur" starker Kopfschmerz.

"Migräne ist eine neurologische Erkrankung", erklärt die Expertin im Gespräch mit TAG24. Vereinfacht ausgedrückt handelt es sich dabei um eine Funktionsstörung des Gehirns, deren Veranlagung häufig erblich bedingt ist.

Bei einem Migräneanfall ist die Schmerzverarbeitung im Gehirn vorübergehend überempfindlich. Dadurch werden Reize leichter als schmerzhaft wahrgenommen und Schmerzen insgesamt stärker empfunden.

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Die möglichen Auslöser einer Attacke sind dabei vielfältig: Stress, Schlafmangel, Wetterumschwünge, grelles Licht, lange Bildschirmzeiten oder ausgelassene Mahlzeiten zählen zu den häufigsten Triggern. "Bei Frauen spielen hormonelle Einflüsse oft eine Rolle", so Prof. Dr. med. Goßrau.

Wie die AOK Plus auf Anfrage mitteilte, fielen 2024 mehr als 180.000 Versicherte aufgrund von Migräne aus. Besonders häufig betroffen waren Frauen sowie Menschen unter 30 Jahren. Wie aus Zahlen der Techniker Krankenkasse hervorgeht, leiden deutschlandweit täglich rund 900.000 Menschen unter Migräne.

Veronika Bäcker, Präsidentin der MigräneLiga e.V., und Katrin Böhnke, Vizepräsidentin, erklären, dass die Schmerzen meist an der Stirn, den Schläfen oder am Hinterkopf auftreten und vier bis 72 Stunden andauern. Typisch für die Erkrankung sind "Schmerzen, meist einseitig, die sich pochend, hämmernd, pulsierend oder auch stechend anfühlen". Hinzu kommen häufig Übelkeit bis hin zum Erbrechen sowie eine ausgeprägte Licht-, Lärm- und Geruchsempfindlichkeit.

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Veronika Bäcker (l.), Präsidentin, und Katrin Böhnke, Vizepräsidentin der MigräneLiga e.V. Deutschland, einer Selbsthilfeorganisation für Menschen mit Migräne und Kopfschmerzen.  © Bildmontage: Veronika Bäcker / MigräneLiga e.V. Deutschland

Migräne hat starke Auswirkungen auf den Alltag Betroffener

Jennifer (26) leidet seit ihrem siebten Lebensjahr an wiederkehrenden Migräneanfällen.  © privat

Wie belastend Migräne den Alltag prägen kann, weiß auch die 26-jährige Jennifer aus Leipzig nur zu gut. Seit ihrem siebten Lebensjahr leidet sie unter den wiederkehrenden Anfällen. "Migräne beeinflusst mein Denken, Sehen und Fühlen massiv", so Jennifer.

Um die Attacken möglichst zu vermeiden, muss die gelernte Versicherungsfachfrau ihren Alltag sehr strukturiert gestalten: Sie achtet konsequent auf ausreichendes Trinken, feste Schlaf- und Essenszeiten sowie regelmäßige Pausen und klar geregelte Arbeitszeiten. "Jeder Tag ist ein Drahtseilakt, damit ich im Rahmen meiner Möglichkeiten irgendwie Anfälle vermeiden kann."

Medikamente und Sonnenbrille begleiten sie dabei ständig, da grelles Licht, Wetterumschwünge und starke Gerüche Migräne bei ihr auslösen können. Erste Anzeichen einer Attacke wie Gereiztheit, häufiges Gähnen, Heißhunger und Wortfindungsstörungen erkennt die 26-Jährige inzwischen früh, oft schon Tage zuvor.

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Besonders belastend ist für sie die Aura. "Wenn es ein Anfall mit Aura ist, sehe ich sehr schlecht und habe ein buntes Flimmern vor den Augen oder auch schwarze Flecken". Zusätzlich werden Körperteile taub. Danach beginnen die starken Schmerzen. "Eine Migräneattacke fühlt sich vom Druck her so an, als würde jemand meinen Kopf innerlich mit einem Schraubstock aufdrehen und gleichzeitig mit einem Messer oder Schraubendreher von innen in meine Schläfe stechen", beschreibt sie. Bewegung verschlimmert die Beschwerden zusätzlich.

Eine Attacke dauert bei ihr dann oft vier bis fünf Tage. Selbst nach der Schmerzphase sind Konzentration und Belastbarkeit weiterhin eingeschränkt. Ruhe, Dunkelheit und Schlaf helfen Jennifer dann am meisten.

Migräne ist bislang nicht heilbar

Dipl.-Psych. Klaus Schütz, Praxisinhaber im Psychologischen Zentrum Dresden, bietet spezielle Migräne-Sprechstunden an.  © Dipl.-Psych. Klaus Schütz/Psychologischen Zentrum Dresden

Heilbar ist Migräne bislang nicht, erklärt die Leiterin des Kopfschmerzzentrums. Die Beschwerden lassen sich jedoch meist gut behandeln, etwa mit Schmerzmitteln wie Ibuprofen oder speziellen Migränemitteln wie Triptanen.

Auch Vorbeugung spielt eine wichtige Rolle, um Migräneattacken möglichst zu vermeiden. Dazu zählen regelmäßiger Schlaf, feste Essenszeiten, ausreichend Bewegung und Stressreduktion, erläutert Prof. Dr. med. Gudrun Goßrau.

Genau hier setzt auch Dipl.-Psych. Klaus Schütz, Praxisinhaber des Psychologischen Zentrums Dresden, an. Im Gespräch mit TAG24 betont er: "Migräne ist eine körperliche Erkrankung. Die psychologische Begleitung ersetzt keine ärztliche Behandlung, aber sie kann dazu beitragen, besser mit den Schmerzen, der Angst vor der nächsten Attacke und den Folgen im Alltag umzugehen."

Denn viele Betroffene leben in ständiger Unsicherheit darüber, wann die nächste Attacke kommt, fühlen sich im Alltag eingeschränkt und ziehen sich aus Angst vor Schmerzen aus sozialen Situationen zurück. "Häufig entstehen dadurch depressive Verstimmungen, innere Anspannung und auch Schuldgefühle", so Schütz.

Hilfreich seien dabei ein strukturierter Alltag, ein Migränetagebuch zur Mustererkennung sowie ein bewusster Umgang mit den eigenen Kräften. "In der Therapie arbeiten wir viel daran, Stress zu reduzieren, Grenzen frühzeitig wahrzunehmen und nicht zusätzlich inneren Druck aufzubauen".

Zur Unterstützung wird häufig Biofeedback eingesetzt. Körperreaktionen werden dabei per Sensoren sichtbar gemacht und gezielt beeinflussbar. "Dadurch erleben viele Betroffene zum ersten Mal: 'Ich kann selbst Einfluss auf meinen Körper nehmen' - und genau das entlastet", berichtet der Dipl.-Psychologe.

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Prof. Dr. med. Gudrun Goßrau empfiehlt die DMKG-App zur Dokumentation von Kopfschmerzen, um mögliche Muster und Auslöser besser erkennen zu können.  © Thomas Türpe

Betroffene berichten von positiven Effekten alternativer Behandlungsmethoden

Das Daith-Piercing kann mit unterschiedlichen Schmuckarten getragen werden, beispielsweise als Ring (wie bei Eva, 20, l.) oder als Stecker (wie bei Angie, 30, r.).  © Bildmontage: privat

Neben psychologischen und medikamentösen Verfahren nutzen Betroffene auch mögliche unterstützende Methoden, deren Wirkung bislang nicht eindeutig nachgewiesen ist - etwa das sogenannte Daith-Piercing.

Wie Piercer Sandy vom Tattoostudio "INKEREI" in Dresden im Interview erzählt, stammt die Theorie zum Piercing aus der Akupunktur. "Das Piercing sitzt angeblich an einem Druckpunkt, der mit Migräne zusammenhängen soll." Dafür nutzt er ein Akupunkturgerät, das bei dem entsprechenden Nerv anschlägt, um den genauen Punkt zu finden.

Die Wirkung ist bislang zwar nicht eindeutig nachgewiesen. Dennoch berichten mehrere Betroffene von positiven Effekten, darunter Eva (20), Mia (39) und Angie (30) aus Sachsen. Alle drei litten lange unter starken Migräneattacken und suchten nach Alternativen zu herkömmlichen Medikamenten.

Eva ließ sich das Piercing sogar während einer Migräneattacke stechen und war von der unmittelbaren Wirkung überrascht: "Direkt beim Stechen war so ein kribbelndes Gefühl an der Stirn [...] Ich bin tatsächlich ohne Kopfschmerzen nach Hause gefahren." Auch langfristig beschreibt sie eine Abnahme der Schmerzintensität und -häufigkeit. Ähnliche Erfahrungen schildert Mia, die von selteneren und weniger starken Attacken berichtet. Angie gibt zudem an, seit dem Piercing beschwerdefrei zu sein.

Auch durch Akupunktur und spezielle Migränebrillen beschreiben Betroffene positive Veränderungen ihrer Migränesymptomatik.

Im Gespräch erzählt Heilpraktikerin Sonja Topp, dass regelmäßig Migränepatienten ihre Praxis in Dresden-Striesen aufsuchen. Dort arbeitet sie mit sanften Nadeltechniken entlang betroffener Leitbahnen, die zur Linderung der Beschwerden beitragen können.

Das Brillenfachgeschäft Fielmann teilt gegenüber TAG24 mit, dass Migränebrillen mit speziellen Filtergläsern bei Migränebeschwerden unterstützend wirken könnten. Im Gegensatz zu klassischen getönten Gläsern sollen diese gezielt Lichtanteile herausfiltern, die von Migränepatienten sonst als unangenehm empfunden werden.

In ihrer Praxis in Dresden-Striesen arbeitet Sonja Topp mit sanften Nadeltechniken, die zur Linderung von Migränebeschwerden beitragen können.  © Katrin Schindler - Von Herzen sichtbar

Erkrankte wünschen sich mehr Verständnis

Vanessa (28) leidet bereits seit ihrem fünften Lebensjahr an Migräne.  © privat

Laut der MigräneLiga e. V. stellt insbesondere die "Unsichtbarkeit der Erkrankung" eines der größten Probleme für Betroffene dar. Die daraus resultierende Belastung wird oft unterschätzt, obwohl Betroffene im Alltag stark eingeschränkt sind.

Die Auswirkungen machen sich häufig auch im Berufsleben bemerkbar: Viele Betroffene reduzieren ihre Arbeitszeit, um Stress als Trigger zu vermeiden, oder befürchten aufgrund krankheitsbedingter Ausfälle Nachteile bis hin zum Verlust ihres Arbeitsplatzes.

Diese Situation kennt auch Vanessa (28) aus dem Erzgebirge. Sie leidet seit ihrem fünften Lebensjahr an Migräne und lässt sich alle paar Jahre auf einer Schmerz-palliativen Station im Krankenhaus behandeln, um neue Therapieansätze auszuprobieren. "Ein Grashalm, an den man sich klammert", so die 28-Jährige.

Aktuell sind ihre Schmerzen besonders belastend: "Ich habe drei bis fünf Schmerztage pro Woche", teilt die 28-Jährige gegenüber TAG24 mit. Wegen der chronischen Migräne habe sie zuletzt auch ihren Job verloren.

Sie und andere Betroffene wünschen sich mehr Verständnis, weniger Stigmatisierung und Verharmlosung sowie weniger Rechtfertigungsdruck in Schule, Studium und Beruf - und, wo möglich, individuelle Unterstützung, die an ihre Bedürfnisse angepasst ist.

Wer Hilfe bei seinen Beschwerden sucht, findet auf der Website der DMKG zudem eine Übersicht geeigneter Experten.

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