Dresden - Mehrmals kontrollieren, ob die Haustür wirklich abgeschlossen, der Herd ausgeschaltet oder das Bügeleisen vom Stromnetz getrennt ist - viele Menschen kennen solche Verhaltensweisen in abgeschwächter Form. Doch wann wird aus einer Gewohnheit ein Zwang? Was hinter Zwangsstörungen steckt, wie stark sie den Alltag Betroffener beeinflussen können und was Betroffenen hilft: TAG24 hat mit dem Dresdner Dipl.-Psych. Klaus Schütz gesprochen.
Fast jeder Mensch kennt kleine Eigenheiten oder feste Abläufe im Alltag. Doch zwischen einer harmlosen Gewohnheit und einer behandlungsbedürftigen Zwangsstörung gibt es einen entscheidenden Unterschied.
"Bei einer Zwangsstörung geht es um Gedanken und Handlungen, die sich immer wieder aufdrängen und sich der Kontrolle der Betroffenen entziehen", erklärt Schütz im Gespräch mit TAG24.
Dabei unterscheidet man zwischen Zwangsgedanken und Zwangshandlungen. "Zwangsgedanken sind belastende Vorstellungen, Bilder oder Befürchtungen, die sich aufdrängen, obwohl man sie eigentlich nicht haben möchte."
Zwangshandlungen hingegen seien wiederkehrende Verhaltensweisen oder Rituale, etwa Kontrollieren, Waschen oder Sortieren, "mit denen versucht wird, diese innere Anspannung zu beruhigen oder vermeintliche Gefahren abzuwenden."
Nicht jedes Ritual ist gleich eine psychische Erkrankung. Kritisch wird es laut Schütz, wenn Zwänge einen großen Teil des Lebens einnehmen. "Wenn Zwänge sehr viel Zeit kosten, wenn sie den Tagesablauf deutlich bestimmen und wenn Betroffene das Gefühl haben, 'eigentlich nicht anders zu können', obwohl sie darunter leiden. Spätestens dann sprechen wir von einer behandlungsbedürftigen Zwangsstörung".
Zwangsstörung kann den Alltag stark beeinträchtigen
Denn eine Zwangsstörung kann den Alltag erheblich verlangsamen und einengen: Selbst alltägliche Aufgaben können deutlich mehr Zeit in Anspruch nehmen, bestimmte Situationen werden möglicherweise vermieden und auch Beziehungen oder der berufliche Alltag können darunter leiden.
Doch wie entstehen Zwangsstörungen? "Eine einfache Einzelursache gibt es nicht. In der Regel kommen mehrere Faktoren zusammen", erklärt Schütz. Dazu zählen unter anderem genetische, biologische und psychische Faktoren, Erfahrungen aus der Kindheit sowie belastende Lebensereignisse.
Auch bestimmte Denkweisen können eine Rolle spielen - "etwa ein stark ausgeprägtes Verantwortungsgefühl oder ein hoher Wunsch nach Kontrolle und Sicherheit", so der Dipl.-Psychologe.
Zu den häufigsten Formen gehören Wasch- und Reinigungszwänge, Kontrollzwänge, Ordnungs-, Zähl- und Wiederholungszwänge sowie Zwangsgedanken mit aggressiven, sexuellen oder religiösen Inhalten.
Dabei können Zwangsgedanken für Betroffene besonders belastend sein. "Gerade diese Zwangsgedanken sind für viele Betroffene besonders verstörend, weil sie nicht dem eigenen Charakter entsprechen und dennoch sehr ernst genommen werden", erklärt Schütz.
Eine psychotherapeutische Behandlung kann zur Verbesserung der Situation beitragen
Viele Außenstehende fragen sich, warum Betroffene ihre Rituale nicht einfach unterlassen.
Der Grund liegt im kurzfristigen Erleichterungseffekt. "Zwänge zu unterlassen ist so schwierig, weil sie kurzfristig tatsächlich für Erleichterung sorgen: Die Angst oder innere Unruhe geht für den Moment zurück", so Schütz.
Langfristig verstärke dieser Mechanismus die Erkrankung jedoch.
Die wichtigste Maßnahme ist laut Schütz eine psychotherapeutische Behandlung, insbesondere mit verhaltenstherapeutischem Schwerpunkt.
Bei starken Beschwerden könne auch eine Behandlung in einer Klinik notwendig sein. "Ein zentraler Teil besteht darin, sich schrittweise den belastenden Situationen zu nähern, ohne die üblichen Zwangshandlungen auszuführen, und neue, realitätsnähere Bewertungen der Situation zu entwickeln", erklärt der Dipl.-Psychologe.
Ob eine Zwangsstörung dann vollständig zurückgeht, ist individuell unterschiedlich. "Es gibt Menschen, bei denen die Symptome im Verlauf der Behandlung nahezu vollständig verschwinden." Häufig bleibe jedoch eine gewisse Anfälligkeit bestehen, die sich beispielsweise in Stressphasen wieder zeigen könne. Ziel der Behandlung sei deshalb ein besserer Umgang mit der Erkrankung und das frühzeitige Erkennen von Rückfällen.
Schütz möchte Betroffenen und Angehörigen deshalb Mut machen: "Zwangsstörungen sind keineswegs selten und sie sind behandelbar. Scham und Geheimhaltung verlängern meist nur das Leiden." Sich Unterstützung zu holen, sei kein Zeichen von Schwäche. Um den ersten Schritt zu erleichtern, bietet das Psychologische Zentrum in Dresden zusätzlich deutschlandweit eine Online-Sprechstunde an - auch für Patienten mit eingeschränktem Zugang zu Psychotherapie.